Der koreanische Hersteller Samsung und der US-Konzern Apple haben 2018 einen über sieben Jahre gehenden Patentstreit beigelegt. Doch dieser historische Fall zeigt exemplarisch, wie sich die Smartphone-Industrie entwickelt hat – und warum Patentstreitigkeiten heute eine andere Dimension erreicht haben. Ein Rückblick und Ausblick.
Seit 2011 stritten sie sich, der US-Konzern Apple und der südkoreanische Hersteller Samsung. Was sollte Samsung nach Ansicht von Apple kopiert haben?
So ziemlich alles. Man darf nicht vergessen: 2007 hat Apple das iPhone auf den Markt gebracht. Das erste Smartphone mit Touchscreen, ohne Tastatur. Mit grafischer Benutzeroberfläche. Mit Icons, die man doppelt antippt, um die Funktion zu starten. Mit der Möglichkeit, Inhalte mit zwei Fingern zu zoomen und vielem anderen mehr. Samsung hat das Design und die Technik mehr oder weniger kopiert, denn kurze Zeit später gab es das erste Samsung-Smartphone mit Android-Betriebssystem.
Die Bedienung: ziemlich ähnlich. Selbst das äußere Design sah sehr ähnlich aus. Das hat den damals noch lebenden Apple-Gründer Steve Jobs maßlos geärgert. Er wollte natürlich seinen Markt verteidigen, den er mit dem iPhone fraglos eröffnet hat. Darum hat er Samsung verklagt. Zeitweise gab es bis zu 50 Patentstreitigkeiten gleichzeitig in aller Welt – man kann von einem regelrechten Patentkrieg sprechen.

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Es ging dabei um Marktanteile – und Geld. Weiß man denn, wie viel tatsächlich gezahlt wurde?
Steve Jobs wollte erst mal einen Marktbegleiter kleinhalten. Das ist im Falle von Samsung nicht gelungen – Samsung verkauft heute weiterhin mehr Smartphones als Apple weltweit. Aber es ging natürlich auch um Geld. Apple wollte ursprünglich eine Milliarde Dollar.
Das wurde dem Unternehmen in einem ersten Urteil auch zugesprochen. Danach wurde weitergestritten. Es gab auch mal ein Urteil, in dem Apple 550 Millionen Dollar erhalten sollte. Die Einigung erfolgte schließlich außergerichtlich, daher sind die Details nicht bekannt.
Experten gehen davon aus, dass Apple letztendlich etwa eine halbe Milliarde Dollar erhielt – und Samsung sich verpflichtete, achtsamer seine Geräte weiterzuentwickeln und bestimmte Apple-Patente nicht anzufechten.

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Wer hat ihn denn nun tatsächlich erfunden, den Touchscreen?
Das bleibt bis heute ungeklärt. Apple war zweifellos der erste Hersteller, der Smartphones und Tablets mit kapazitiven Touchscreens massentauglich gemacht hat. Aber erfunden? Microsoft hatte Jahre zuvor schon Windows-Tablets mit berührungsempfindlichen Bildschirmen auf dem Markt – allerdings mit resistiver Technologie, die einen Stylus erforderte.
Und Samsung hat in einem Patentstreit sogar Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ gezeigt, weil dort Astronauten auf Rechner mit Touchscreen zurückgreifen. Vielleicht hat also der Regisseur Stanley Kubrick den Touchscreen erfunden… Dieses „Beweismittel“ wurde seinerzeit aber nicht zugelassen.

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Die Produktzyklen sind derart kurz in der Branche, ständig kommen neue Geräte auf den Markt. Wie will man da Patente durchsetzen?
Patentstreitigkeiten dauern, richtig. Selbst wenn man blitzschnell reagiert – also in juristischen Kreisen bedeutet das in Wochen –, ist schon eine Menge passiert. Wollte man tatsächlich den Verkaufsstopp von Geräten erreichen – was Apple durchaus versucht hat –, so würde man das erst schaffen, wenn die meisten Geräte schon verkauft sind.
Dann kommt halt ein neues Modell. Die Hersteller haben ja keine Mühe, mehrere Modelle pro Jahr auf den Markt zu bringen. Abgesehen davon ist es nun mal so, dass sich die Hersteller sowieso gegenseitig kopieren: Die einen bringen ein Modell im Curved-Design auf den Markt, dann ziehen andere nach.
Die einen lassen das Smartphone auch mit Stift bedienen, die anderen ziehen nach. Fingerabdruck-Sensor? Bingo. Gesichtserkennung? Haben heute viele. Drahtloses Laden? Standard. Faltbare Displays? Samsung war Vorreiter, andere folgen.
Wie hat sich die Patentlandschaft seit dem Apple-Samsung-Streit entwickelt?
Die Smartphone-Industrie hat aus diesem Megastreit gelernt – aber nicht unbedingt im positiven Sinne. Heute gibt es noch mehr Patente, noch komplexere Lizenzvereinbarungen und noch strategischere Patentportfolios. Große Tech-Konzerne kaufen systematisch Patente auf, nicht um sie zu nutzen, sondern um sich vor Klagen zu schützen oder selbst klagen zu können.
Gleichzeitig haben sich die großen Player weitgehend arrangiert: Apple und Samsung arbeiten paradoxerweise zusammen – Samsung liefert Displays und Chips für iPhones, während beide um Marktanteile kämpfen. Diese „Coopetition“ (Cooperation + Competition) ist typisch für die heutige Tech-Industrie geworden.
Was bedeutet das für die Innovation?
Der Apple-Samsung-Streit zeigt ein Dilemma auf: Patente sollen Innovation schützen und belohnen, können aber auch Innovation bremsen. Heute konzentrieren sich die großen Durchbrüche auf Bereiche, die schwerer zu kopieren sind: Software-Features, KI-Integration, Ökosystem-Bindung und Services.
Apple setzt auf die nahtlose Integration seiner Geräte und Services. Samsung punktet mit Hardware-Innovation wie faltbaren Displays. Beide Ansätze haben sich als erfolgreich erwiesen – und zeigen, dass es heute weniger um einzelne kopierfähige Features geht, sondern um ganzheitliche Nutzererlebnisse.
Es ist eine Branche, in der vieles erfunden und noch mehr kopiert wird – aber die wirklich wertvollen Innovationen liegen heute tiefer als nur im Design der Benutzeroberfläche.
Zuletzt aktualisiert am 09.03.2026
