Am Safer Internet Day wird traditionell Bilanz gezogen: Wie sicher ist das Internet, wie arglos bewegen sich Menschen online, welche Schutzmechanismen brauchen wir? Doch das Internet ist längst kein neutraler Raum mehr, sondern ein Machtinstrument – und die Politik versagt dabei, es zu regulieren.
Heute ist wieder Safer Internet Day – ein Tag, an dem viele erklären, wie es sein müsste. Doch während sich Experten und Politiker mit Appellen zur Medienkompetenz überbieten, bleiben die wirklichen Probleme ungelöst. Als würden wir nicht längst wissen, dass unsere Daten das neue Gold sind.
Mittlerweile warnen sogar Ex-Mitarbeiter der Tech-Giganten vor den Gefahren ihrer eigenen Plattformen. Doch das System läuft weiter – profitabler denn je.

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Medienkompetenz reicht nicht mehr
Ja, Medienkompetenz ist wichtig. Kinder und Jugendliche brauchen sie dringend – aber auch Erwachsene und vor allem Politiker. Doch Medienkompetenz allein löst nicht die strukturellen Probleme unserer digitalen Gesellschaft.
In Schulen wird zwar über Algorithmen und Datenschutz gesprochen, aber die eigentlichen Mechanismen bleiben unberührt: Wie Plattformen Aufmerksamkeit monetarisieren, wie Empfehlungsalgorithmen Radikalisierung fördern, wie Tech-Konzerne demokratische Prozesse beeinflussen.
Dabei geht es längst nicht mehr nur um Facebook oder Google. TikTok sammelt Milliarden von Nutzerdaten, ChatGPT und andere KI-Systeme verändern fundamental, wie wir Informationen konsumieren und produzieren. Deepfakes werden so gut, dass selbst Experten sie kaum erkennen. Und die Politik? Diskutiert über Uploadfilter und Cookie-Banner.
KI macht alles komplizierter
Die Einführung von generativer KI hat das Spiel nochmal völlig verändert. Plötzlich kann jeder täuschend echte Texte, Bilder und Videos erstellen. Desinformation wird industrialisiert, während gleichzeitig alles als „KI-generiert“ verdächtigt wird.
Chatbots wie ChatGPT, Claude oder Gemini werden zu Informationsquellen – ohne dass ihre Nutzer verstehen, wie diese Systeme funktionieren oder wo ihre Grenzen liegen. Kinder fragen nicht mehr Google, sondern die KI. Und die halluziniert fröhlich vor sich hin, während sie dabei überzeugend klingt.
Tech-Unternehmen versprechen „verantwortliche KI“, entwickeln aber gleichzeitig immer mächtigere Systeme in einem Wettrüsten, das niemand kontrolliert. Die EU versucht mit dem AI Act zu regulieren, aber die Technologie entwickelt sich schneller als jedes Gesetz.
Medienkompetenz by Klicksafe: Die Symptome lindern
Berlin versteht die Tragweite nicht
Die deutsche Politik behandelt Digitalisierung immer noch wie ein technisches Problem. Mehr Glasfaser, mehr Tablets in Schulen, mehr „Digital-Gipfel“. Als würde schnelleres Internet automatisch zu besserer Demokratie führen.
Dabei zeigen die letzten Jahre deutlich: Die Digitalisierung ist eine gesellschaftliche Revolution. Social Media hat Wahlen entschieden, Algorithmen bestimmen, was wir sehen und denken, KI-Systeme treffen Entscheidungen über Kredite und Bewerbungen. Und wir diskutieren über Datenschutz-Grundverordnungen, als würde das die Machtverschiebung aufhalten.
Der Digital Services Act der EU war ein Anfang – aber reicht bei weitem nicht. Während Europa reguliert, innovieren die USA und China. Das Ergebnis: Wir werden zu digitalen Kolonien.
Plattformen als Infrastruktur behandeln
Was wir brauchen, ist ein Paradigmenwechsel. Soziale Netzwerke und Suchmaschinen sind längst kritische Infrastruktur geworden – wie Strom oder Wasser. Sie gehören entsprechend reguliert, nicht wie private Unternehmen behandelt, die machen können, was sie wollen.
Das bedeutet: Algorithmus-Transparenz, Datenportabilität, echte Wahlmöglichkeiten für Nutzer. Nicht nur das Recht auf Löschung, sondern das Recht auf algorithmische Selbstbestimmung. Wer entscheidet, was ich zu sehen bekomme? Ich oder ein Algorithmus, der darauf programmiert ist, mich möglichst lange auf der Plattform zu halten?
Zeit für echte Digitalpolitik
Der Safer Internet Day 2026 sollte nicht nur über Passwort-Sicherheit sprechen, sondern über Machtstrukturen. Über die Frage, wem das Internet gehört und wem es gehören sollte. Über digitale Grundrechte, die mehr sind als Datenschutz.
Denn die Tech-Konzerne haben uns nicht den Krieg erklärt – sie haben ihn bereits gewonnen. Jetzt geht es darum, ob wir als Gesellschaft noch die Kraft haben, das Ruder herumzureißen. Oder ob wir weiter so tun, als würde Medienkompetenz gegen Monopole helfen.
Zuletzt aktualisiert am 29.03.2026
