Wir hören es nicht gerne, aber Smartphones und vor allem Soziale Medien machen abhängig. Das ist wahrlich keine neue Erkenntnis, aber eine, die nicht oft genug wiederholt werden kann. Denn die meisten scheinen zu glauben, das Thema Abhängigkeit beträfe – wenn überhaupt – nur die anderen.
Falsch. „Wir müllen uns unsere Gehirne zu“, mahnt Dr. Maren Urner. Sie hat nicht nur das völlig werbefreie Portal für konstruktiven Online-Journalismus perspective-daily gegründet, sondern beschäftigt sich in ihrem neuesten Buch auch mit der Frage, wie abhängig wir von Onlinemedien sind – und wie wir es schaffen können, weniger abhängig zu sein.
Über 80 Mal am Tag zum Handy greifen
Die besser Aufgeklärten unter uns wissen mittlerweile, dass wir uns selbst beobachten können. Kontrollfunktionen in iOS und Android erstellen auf Wunsch genaue Statistiken: Wie oft haben wir zum Handy gegriffen, wieviel Zeit mit welcher App verbracht – und wieviel Zeit generell mit dem Smartphone in der Hand vertrödelt? Die Zahlen haben sich dramatisch verschlechtert: Laut aktuellen Studien greifen wir mittlerweile über 80 Mal täglich zum Smartphone – vor ein paar Jahren waren es noch 53 Mal. Die Pandemie und der verstärkte Einsatz von KI-Features haben diese Entwicklung noch beschleunigt.
Empfohlener Trick: Das Handy immer bewusst weglegen. Etwa, wenn man nach Hause kommt in eine spezielle Handy-Tasche, direkt am Eingang. Und erst recht, wenn man sich in geselliger Runde trifft. Wer wollte da nicht zustimmen: Wie nervtötend und auch unhöflich und respektlos ist es, wenn jeder in der Runde alle paar Minuten aufs Smartphone schaut. Wir arbeiten alle nicht im Weißen Haus – und könnten daher durchaus mal „offline“ gehen.
Weil uns die Sozialen Medien aber süchtig machen – und das sogar gezielt und bewusst -, gelingt es den meisten nicht, sich vom Smartphone zu lösen.
Jörg Schieb im Gespräch mit Dr. Maren Urner
Neue Ansätze gegen Smartphone-Sucht
Inzwischen haben sich verschiedene Ansätze etabliert, um der Smartphone-Abhängigkeit entgegenzuwirken. Restaurants bieten „Phone-Free Zones“ an, Hotels werben mit „Digital Detox“-Paketen. Sogar die Tech-Konzerne selbst reagieren: Apple hat den „Fokus-Modus“ erweitert, Google bietet detailliertere „Digital Wellbeing“-Tools. Diese Features können Benachrichtigungen zeitweise blockieren oder bestimmte Apps nach einer festgelegten Nutzungszeit sperren.
Besonders erfolgreich sind sogenannte „Handy-Safes“ – kleine Boxen mit Zeitschloss, in die das Smartphone für eine bestimmte Zeit eingesperrt wird. Was zunächst extrem klingt, wird immer beliebter: Viele berichten, dass sie erst durch diese „physische Barriere“ merken, wie oft sie unbewusst zum Handy greifen.
Social Media wird noch süchtiger
Die Situation hat sich seit 2019 leider verschärft. TikTok hat mit seinem Algorithmus neue Maßstäbe gesetzt – die App ist darauf optimiert, Nutzer stundenlang zu fesseln. Instagram, YouTube und andere Plattformen haben nachgezogen. Hinzu kommen neue Features wie Live-Shopping, Augmented Reality-Filter und KI-generierte Inhalte, die uns noch länger auf den Plattformen halten sollen.
Besonders problematisch: Die neuen KI-Chatbots wie ChatGPT oder Gemini können ebenfalls süchtig machen. Viele Nutzer verbringen Stunden damit, mit den KI-Systemen zu „plaudern“ – ein völlig neues Phänomen der digitalen Abhängigkeit.
Medienkompetenz wichtiger denn je
Von gesetzlichen Regelungen hält Dr. Maren Urner nicht sonderlich viel. Dafür viel von Medienkompetenz und Medienerziehung – „auch in der Gesellschaft“. Damit das klappt, müssen wir uns aber der Risiken und Wirkungen bewusst sein.
Ein wichtiger Baustein: Bewusste „Offline-Zeiten“ schaffen. Viele Experten empfehlen mittlerweile feste Regeln wie „kein Smartphone eine Stunde vor dem Schlafen“ oder „handyfreie Mahlzeiten“. Auch das bewusste Löschen problematischer Apps kann helfen – viele merken erst dann, wie automatisch sie zum Handy greifen.
Sich selbst bei der Mediennutzung zu beobachten – mit Hilfe der zur Verfügung stehenden Mittel – und sich selbst bewusste Pausen zu verordnen, ist auf jeden Fall ein Anfang. Aber es braucht mehr: gesellschaftliche Normen, die „Offline-Sein“ wieder als normal und respektabel etablieren. Denn letztendlich geht es um nicht weniger als unsere geistige Gesundheit und echte zwischenmenschliche Verbindungen.
Zuletzt aktualisiert am 04.03.2026