Studie: Was Google mit journalistischem Content verdient

von | 04.07.2019 | Digital

Eine aktuelle Studie belegt: Google verdient nur extrem wenig an journalistischen Inhalten. Denn lediglich 0,25% der bezahlten Keywords haben journalistische Relevanz – eine Erkenntnis, die auch 2026 noch hochrelevant ist.

Seit der Einführung des EU-Leistungsschutzrechts 2019 ist die Debatte um faire Vergütung für journalistische Inhalte nicht verstummt. Google und andere Suchmaschinen sollen zahlen, wenn sie Überschriften oder Teaser in Suchergebnissen präsentieren. Mit dem Digital Services Act (DSA) und dem Digital Markets Act (DMA) von 2024 hat die EU den regulatorischen Druck auf Tech-Giganten nochmals verschärft.

Doch eine fundamentale Studie des SEO-Spezialisten Sistrix räumt mit der weitverbreiteten Annahme auf, Google würde mit journalistischen Inhalten Millionen verdienen. Diese Erkenntnisse sind heute relevanter denn je – besonders vor dem Hintergrund der aktuellen KI-Revolution und ChatGPT’s Einfluss auf die Suche.

Was soll das Leistungsschutzrecht?

Das Leistungsschutzrecht soll geistiges Eigentum von Autoren und Verlagen schützen. Das Argument: Suchmaschinen würden Unsummen damit verdienen, verlegerische Inhalte zu indexieren und in Suchergebnissen zu präsentieren – ohne Verlage an den Einnahmen zu beteiligen.

In Deutschland, Spanien und seit 2021 EU-weit gibt es das Leistungsschutzrecht bereits. Suchmaschinen dürfen nur noch einzelne Wörter präsentieren, anderenfalls müssen sie Abgaben zahlen. Google hat 2021 erstmals Lizenzverträge mit deutschen Verlagen abgeschlossen – die konkreten Summen bleiben jedoch geheim.

Interessant: Während traditionelle Suchmaschinen um Lizenzen ringen, umgehen KI-Chatbots wie ChatGPT, Claude oder Gemini das Leistungsschutzrecht oft durch Paraphrasierung. Sie „lernen“ aus journalistischen Inhalten, ohne direkt zu zitieren.

Wie viel verdienen Suchmaschinen an journalistischen Inhalten?

Konkrete Zahlen nennt nur Google selbst. Aber Unsummen sind es definitiv nicht. Google News zeigt ausschließlich redaktionelle Texte – komplett werbefrei, also ohne Umsatz. In der regulären Suche gibt es Werbung, aber eben nicht nur bei journalistischen Inhalten.

Das Bonner Unternehmen Sistrix ist darauf spezialisiert, das Web zu analysieren: Welche Websites performen gut, wonach wird gesucht, wie wertvoll sind Keywords? Als SEO-Toolanbieter weiß Sistrix mehr über Suchverhalten als fast jedes andere Unternehmen weltweit.

Sistrix untersuchte konkret: Welche Relevanz haben journalistische Inhalte? Wie oft wird danach gesucht, wie oft tauchen sie in Suchergebnissen auf – und was kann Google damit verdienen? Die Ergebnisse sind auch 2026 noch verblüffend aktuell.

Die Rolle journalistischer Inhalte im Detail

Knapp 8% aller Google-Suchtreffer verweisen auf journalistische Domains – Zeitungen, Sender, Magazine, Blogs. Das klingt nach viel. Aber nur 4,6% der eingetippten Suchbegriffe sind journalistisch geprägt. Nur jede 25. Google-Anfrage hat also mit redaktionellen Inhalten zu tun.

Doch hier die wirklich erstaunliche Information: Nur 0,25% aller journalistischen Suchbegriffe sind kommerziell relevant. Bei nur einer von 400 journalistischen Anfragen kann Google bezahlte Anzeigen schalten. Auf redaktionelle Keywords wird schlicht nicht geboten – Anzeigenkunden zahlen dafür nicht.

Diese Zahlen haben sich auch mit dem Aufkommen von KI-Suchmaschinen wie Bing Chat oder Google’s SGE (Search Generative Experience) nicht grundlegend geändert. Journalistische Inhalte bleiben kommerziell wenig attraktiv für Werbetreibende.

Aber bei „Angela Merkel“ oder „Bundeskanzler“ bekomme ich doch Tausende Artikel gezeigt?

Absolut richtig. Aber: Dort findet ihr keine bezahlten Anzeigen. Wer will auf „Angela Merkel“ bieten? Was will man verkaufen? Die Suchseite ist werbefrei – also ohne Umsatz für Google. Erst bei „Angela Merkel T-Shirt“ erscheinen Anzeigen von T-Shirt-Shops – aber wegen „T-Shirt“, nicht wegen „Merkel“.

KI verändert das Spiel – aber nicht die Grundlogik

Seit 2023 revolutionieren KI-Tools die Informationssuche. ChatGPT, Claude und Google Gemini beantworten Fragen direkt, ohne auf Websites zu verlinken. Das bedroht Verlage mehr als klassische Suchmaschinen je konnten.

Dennoch bleibt die kommerzielle Logik gleich: KI-Chatbots verdienen nicht mit journalistischen Inhalten, sondern mit Premium-Abos und Enterprise-Lizenzen. OpenAI’s ChatGPT Plus kostet 20 Euro monatlich – unabhängig davon, ob ihr nach Rezepten oder Nachrichten fragt.

Verlage experimentieren deshalb mit eigenen KI-Strategien: Die New York Times klagte OpenAI, Axel Springer kooperiert mit OpenAI, deutsche Verlage testen eigene News-Chatbots.

Was bedeutet das für Verlage und Leistungsschutzrecht?

Die Sistrix-Studie zeigt: Verlage überschätzen ihre kommerzielle Bedeutung für Suchmaschinen dramatisch. Google verdient Milliarden – aber nicht wegen redaktioneller Inhalte. Auf diese 0,25% könnte Google mühelos verzichten.

Würden alle journalistischen Inhalte von Google verschwinden, kostete das praktisch null Umsatz. Die Verlagssites hingegen verlören massiv Traffic. Das macht deutlich: Das Leistungsschutzrecht war von Anfang an ein Popanz.

2026 ist diese Erkenntnis aktueller denn je. Während Verlage um Krümel aus der Suchmaschinen-Werbung kämpfen, revolutioniert KI das gesamte Informationsgeschäft. Statt Symptome zu behandeln, müssen Verlage fundamental überdenken, wie sie in einer KI-dominierten Welt Mehrwert schaffen.

Die Zukunft liegt nicht in Abgaben von Tech-Konzernen, sondern in direkteren Beziehungen zu Lesern: Paid Content, Newsletter, Communities, exklusive KI-Tools. Wer auch 2026 noch auf das Leistungsschutzrecht setzt, kämpft den falschen Kampf.

Zuletzt aktualisiert am 04.03.2026