Telegram, der größte Stammtisch der Welt

von | 21.11.2020 | Digital

Telegram hat sich zur unkontrollierten Brutstätte für Desinformation entwickelt: Während andere Plattformen zumindest rudimentäre Fact-Checking-Mechanismen eingeführt haben, bleibt der Messenger-Dienst ein rechtsfreier Raum. Hier verbreiten sich Verschwörungserzählungen, Fake News und extremistische Inhalte ungebremst – wie am digitalen Stammtisch, nur mit Millionen von Zuhörern.

Die Situation hat sich seit der Pandemie dramatisch verschärft. Aktuelle Studien zeigen: Der Glaube an Verschwörungserzählungen ist in Deutschland weiterhin hoch. Besonders besorgniserregend ist die Verlagerung extremistischer Gruppen auf Telegram, nachdem andere Plattformen ihre Moderation verschärft haben.

Telegram fungiert dabei als zentrale Schaltstelle für die Verbreitung von Desinformation. Von hier aus werden Fake News koordiniert in andere soziale Netzwerke gespielt – ein perfides System der digitalen Manipulation.

Viele Verschwörungen im Kern antisemitisch

Geheime Organisationen – nicht etwa Konzerne oder Lobbyisten. Und: Viele Verschwörungserzählungen sind im Kern antisemitisch, so auch die der QAnon-Anhänger. Die Internet-Plattformen sind zwar nicht der Grund dafür, aber doch ein Turbolader bei der Verbreitung.

Während Meta, TikTok und YouTube ihre Content-Moderation kontinuierlich ausbauen – mit KI-gestützten Systemen und Tausenden von Moderatoren – bleibt Telegram weitgehend unreguliert. Die Plattform setzt auf „freie Meinungsäußerung“ ohne Grenzen, was extremistische Gruppen systematisch ausnutzen.

Fake News verbreiten sich generell in allen Kanälen sechs Mal schneller und erreichen deutlich mehr Menschen als seriöse, wahre Nachrichten. Warum? – Weil sie emotionaler sind. Ein Leckerbissen für die aufmerksamkeitsgetriebenen und auf Umsatzoptimierung zugeschnittenen Algorithmen von Facebook, Youtube, Instagram und Co.

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Telegram ist schrankenlos – und besonders gefährlich

Der Messenger-Dienst Telegram ist in vielerlei Hinsicht eine Ausnahme. Denn hier gibt es keine Algorithmen, die Content zum Zwecke der Umsatzoptimierung bevorzugen oder benachteiligen. Telegram ist – sozusagen – „echt“. Hier machen die User alles untereinander aus.

Ein zunehmendes Problem. Denn jeder kann auf Telegram einen öffentlichen Kanal öffnen, dem dann jeder folgen kann. Es gibt keine Begrenzung der Teilnehmerzahl.

Mittlerweile haben sich auf Telegram regelrechte Desinformations-Netzwerke etabliert. Kanäle mit hunderttausenden Followern verbreiten täglich manipulative Inhalte – von gefälschten Nachrichten bis hin zu deepfake Videos. Die Betreiber nutzen psychologische Tricks: Sie mischen wahre Informationen mit Falschmeldungen und schaffen so eine perfide Glaubwürdigkeit.

Besonders perfide: Viele Kanäle tarnen sich als seriöse Nachrichtenquellen. Sie verwenden professionelle Layouts, kopieren das Design etablierter Medien und streuen gezielt Desinformation zwischen echten Meldungen. Für Laien ist das kaum zu durchschauen.

Der größte Stammtisch der Welt

Telegram ist sozusagen der größte Stammtisch der Welt. Doch es macht eben einen enormen Unterschied, ob 10 oder 20 Leute am Stammtisch sitzen und sich ihre Sorgen von der Leber reden – oder ob einige wenige zu 120.000 oder mehr Menschen sprechen. Sie manipulieren, mit falschen Infos versorgen, ihre Zeit rauben, aufwiegeln und aufstacheln. Telegram ist damit zum effektiven Manipulationsinstrument geworden – und das auch noch kostenlos.

Die Plattform hat sich zu einem digitalen Parallel-Universum entwickelt, in dem alternative Fakten als Wahrheit verkauft werden. Hier entstehen eigene Nachrichtenzyklen, die völlig losgelöst von der Realität funktionieren. Nutzer bewegen sich in Echokammern, die ihre Weltanschauung permanent bestätigen und radikalisieren.

Besonders problematisch: Telegram-Kanäle werden zunehmend für die Koordination realer Aktionen genutzt. Von Protesten bis hin zu Gewaltaufrufen – die digitale Manipulation schlägt in physische Realität um.

Neue Regulierungsansätze und ihre Grenzen

Der Digital Services Act der EU setzt auch Telegram unter Druck. Die Plattform muss transparenter werden und schädliche Inhalte schneller entfernen. Doch die Umsetzung ist schwierig: Telegram sitzt in Dubai, die Infrastruktur ist weltweit verteilt.

Einige Fortschritte gibt es dennoch. Apple und Google haben bereits mehrfach Apps aus ihren Stores entfernt, die Telegram-ähnliche Dienste ohne jede Moderation anboten. Auch Zahlungsdienstleister gehen verstärkt gegen Plattformen vor, die Desinformation monetarisieren.

Die eigentliche Herausforderung liegt aber in der Medienkompetenz der Nutzer. Wer lernt, Quellen zu hinterfragen und Manipulation zu erkennen, ist gegen Desinformation besser gewappnet als jede technische Lösung.

Stellt sich die Frage: Wie können wir den Geist wieder in die Flasche kriegen?

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Zuletzt aktualisiert am 27.02.2026