Utah führt Social-Media-Sperrstunde für Minderjährige ein

von | 24.03.2023 | Social Networks

Der US-Bundesstaat Utah führt als erster eine nächtliche Social-Media-Sperrstunde für Minderjährige ein. Die Regelung ist Teil verschärfter US-weiter Gesetze zum Schutz von Kindern im Netz.

Utah hat 2024 mit dem „Utah Minor Protection in Social Media Act“ Pionierarbeit geleistet und als erster US-Bundesstaat eine gesetzliche Social-Media-Sperrstunde für Minderjährige eingeführt. Inzwischen sind ähnliche Gesetze in über 15 weiteren Bundesstaaten in der Pipeline oder bereits verabschiedet worden.

Wie die Social-Media-Sperrstunde funktioniert

Die Regelung greift täglich zwischen 22:30 Uhr und 6:30 Uhr morgens. In dieser Zeit sind Social-Media-Accounts von Nutzern unter 18 Jahren automatisch gesperrt. Sie können weder Inhalte posten noch Nachrichten senden oder empfangen. Die Plattformen müssen dies technisch durchsetzen – bei Verstößen drohen Bußgelder bis zu 2.500 Dollar pro Fall.

Betroffen sind alle großen Plattformen wie Instagram, TikTok, Snapchat und YouTube. Messaging-Apps wie WhatsApp oder Signal fallen dagegen nicht unter die Regelung, da sie primär der Kommunikation dienen.

Minderjährige sollen in Utah geschützt werden

Minderjährige sollen in Utah geschützt werden

Verschärfte Altersverifikation als Knackpunkt

Das eigentliche Problem liegt in der Umsetzung: Um das Gesetz durchzusetzen, müssen die Plattformen das Alter ihrer Nutzer verifizieren. Utah verlangt eine „vernünftige Altersverifikation“ – was das konkret bedeutet, ist aber nicht genau definiert.

Meta, TikTok und andere Konzerne experimentieren bereits mit verschiedenen Methoden: KI-basierte Gesichtserkennung zur Altersschätzung, Abgleich mit Ausweisdatenbanken oder auch biometrische Verfahren. Alle diese Methoden sind aber datenschutzrechtlich problematisch und technisch nicht hundertprozentig zuverlässig.

Welle von Gesetzen rollt durch die USA

Utah war nur der Anfang. Florida, Texas, Kalifornien und New York haben inzwischen eigene Varianten verabschiedet. Manche Bundesstaaten gehen noch weiter: In Florida müssen Jugendliche unter 16 Jahren eine Einverständniserklärung der Eltern vorlegen, bevor sie sich überhaupt anmelden können.

Auch auf Bundesebene bewegt sich etwas: Der „Kids Online Safety Act“ (KOSA) hat im Senat bereits eine Mehrheit gefunden und könnte 2026 landesweit ähnliche Regeln einführen.

Tech-Konzerne schlagen zurück

Die großen Plattformen wehren sich massiv gegen die neuen Gesetze. Meta hat bereits in mehreren Bundesstaaten Klagen eingereicht und argumentiert mit dem Ersten Verfassungszusatz (Meinungsfreiheit). TikTok sieht die Gesetze als „technisch nicht umsetzbar“ und „verfassungswidrig“.

Parallel investieren die Konzerne Millionen in eigene Jugendschutz-Features: Instagram führte 2025 „Teen Accounts“ mit automatischen Beschränkungen ein, TikTok begrenzt die Nutzungszeit für unter-16-Jährige auf 60 Minuten täglich.

Kritik von Datenschützern und Bürgerrechtlern

Die Electronic Frontier Foundation (EFF) und die American Civil Liberties Union (ACLU) sehen die Gesetze kritisch. Ihre Hauptargumente:

  • Massive Überwachung: Um das Alter zu verifizieren, müssen alle Nutzer ihre Identität preisgeben
  • Meinungsfreiheit: Jugendliche werden vom öffentlichen Diskurs ausgeschlossen
  • Technische Hürden: Altersverifikation ist fehleranfällig und umgehbar
  • Grundrechte: Eltern, nicht der Staat, sollten über die Online-Aktivitäten ihrer Kinder entscheiden

Erste Erfahrungen aus Utah

Nach gut einem Jahr zeigt sich ein gemischtes Bild. Eine Studie der University of Utah fand heraus, dass 23% der befragten Teenager die Sperrstunden tatsächlich einhalten. Allerdings nutzen viele VPNs oder geben falsche Altersangaben an.

Positiv: Die durchschnittliche Bildschirmzeit von Jugendlichen sank um etwa 15 Minuten pro Tag. Eltern berichten von weniger Konflikten ums Handy vor dem Schlafengehen.

Negativ: Viele Teenager weichen auf weniger regulierte Plattformen aus oder nutzen die Accounts ihrer älteren Geschwister.

Ausblick: Europa könnte folgen

Auch in Europa werden ähnliche Regelungen diskutiert. Großbritannien prüft eine „Digital Curfew“ für unter-16-Jährige, Frankreich erwägt eine Social-Media-Lizenz für Minderjährige.

In Deutschland sind solche drastischen Maßnahmen bisher kein Thema. Das Bundesfamilienministerium setzt weiter auf Medienkompetenz und freiwillige Selbstverpflichtungen der Anbieter.

Die Utah-Regelung bleibt ein spannendes Experiment: Kann staatliche Regulierung den problematischen Aspekten von Social Media Herr werden, ohne dabei Grundrechte zu verletzen? Die kommenden Jahre werden zeigen, ob sich das Modell durchsetzt oder an rechtlichen und technischen Hürden scheitert.

Zuletzt aktualisiert am 19.02.2026