WWW-Erfinder Berners-Lee will den Nutzern das Web zurückgeben

von | 10.10.2018 | Internet

Das Internet: Einst für alle gedacht und gemacht – heute weitgehend in den Händen einiger weniger Anbieter. Niemand wird bestreiten wollen, dass Google, Meta, Amazon, Microsoft, Apple, TikTok und einige weniger mehr über das Netz herrschen. Nicht im wortwörtlichen Sinne, aber sie bestimmen es zu großen Teilen. Durch ihre Entscheidungen und Produkte.

Das war und ist nicht im Sinne von Sir Tim Berners-Lee. Der Brite hat das World Wide Web vor über 35 Jahren erfunden – und macht sich heute mehr denn je Gedanken, wie man den Großen der Branche einen Teil der Macht wiedergeben kann. Mit eigenen Ideen, die mittlerweile konkrete Formen annehmen.

Tim Berners-Lee hat 1989 das WWW erfunden. Ihm ist das Konzept des Web zu verdanken – das Internet gab es ja schon vorher. Aber durch seine Erfindung wurde es nutzbar, praktisch, alltagstauglich, einfach zu verstehen.

Sein Gedanke: Wir können im Netz alles mit allem verbinden, vernetzen. Dafür hat Berners-Lee die Hyperlinks (Links) erfunden. Wenn wir ein Dokument schreiben, kann es Bilder aus dem Louvre enthalten, Fotos auf dem Privatarchiv, Musik vom befreundeten Künstler und eigene Texte.

Alles ist auf unterschiedlichen Servern gespeichert und wird im Hyperdokument neu zusammengemischt. Das war der Grundgedanke, der auch tatsächlich gut funktioniert hat. So ist das bunte World Wide Web entstanden. Doch schnell haben sich Gegenentwicklungen gezeigt: Eine Art Zentralisierung.

Das meiste ist bei wenigen Anbietern gespeichert, und sie kontrollieren die Abläufe völlig. Dagegen will Tim Berners-Lee unbedingt etwas unternehmen, denn ihm gefallen diese Entwicklungen nicht. Seine Vision eines dezentralen Webs hat er mittlerweile in konkrete Projekte umgesetzt.

Das Problem der Machtmonopole wird größer

Das Problem: Wenige Unternehmen können heute mehr steuern und kontrollieren als je zuvor. Die Großen sammeln ungeheure Datenmengen, völlig intransparent. Sie entscheiden, was online geht, sie sammeln Daten, werten sie mit KI aus, nehmen Einfluss darauf, was wir im Netz zu sehen bekommen. Algorithmen bestimmen, welche Inhalte viral gehen und welche verschwinden.

Das entspricht nicht dem Grundgedanken, den Berners-Lee hatte: Informationen sollten frei und unkompliziert verfügbar sein, für jeden. Nicht unter der Kontrolle von Unternehmen, die primär ihre eigenen Geschäftsinteressen verfolgen.

Berners-Lee schlägt daher konkret vor, Daten wieder dezentral zu speichern und bei Bedarf zu verlinken, so wie ursprünglich gedacht. „Linked Data“ nennt sich das Konzept, das mittlerweile erheblich weiterentwickelt wurde. Es sollen nicht mehr nur Dokumente miteinander vernetzt und verlinkt werden, so wie beim World Wide Web, sondern Daten jeder Art.

Etwa öffentlich zugängliche Daten von Behörden, Wetterdaten, Forschungsdaten und sogar persönliche Daten. Sie alle sollen auf viele Server verteilt online gestellt werden. Ohne die mächtige Kontrolle von großen Onlinediensten. Wir können in diesen öffentlich bereitgestellten Daten suchen. Ohne dass große Konzerne mitbekommen, was wir da machen, wie wir es machen, was wir anschauen oder veröffentlichen – zumindest nicht, wenn wir es nicht wollen.

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So kann das in der Praxis aussehen

Jede Datei, jeder Inhalt bekommt eine eigene Adresse. Also jedes Foto, jedes Video, jedes Audio, jeder Text von mir. Ich kann die Daten auf eigenen Servern speichern oder bei entsprechenden Anbietern – behalte aber völlige Kontrolle darüber. Ich entscheide, ob und wer meine Fotos oder Videos sehen darf, ob jemand etwas liken oder kommentieren darf und kann diese Einstellungen jederzeit ändern.

Man könnte sagen: Gibt es bei Meta zum Beispiel ja auch. Theoretisch schon, aber Meta speichert die Daten, Meta wertet die Zugriffe aus, Meta entscheidet, ob meine Änderungen an den Einstellungen und Optionen berücksichtigt werden. Das wird anders, wenn das vorgeschlagene Linked-Data-Konzept zum Einsatz kommt.

Dann bekommt Meta nicht mehr mit, wer sich ein Video anschaut oder liked. Ein Meta wäre damit weitgehend entmachtet, vielleicht sogar überflüssig – trotzdem könnten Angebote wie YouTube oder Soziale Netzwerke entstehen, nur anders.

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Solid Pods: Die konkrete Umsetzung

Viele werden sich nun sagen: Wenn ich alles online speichern kann, ist das schön und gut – aber ich möchte ja nicht mein Adressbuch öffentlich machen. Oder meine Urlaubsfotos für jeden sichtbar.

Genau, deshalb hat Tim Berners-Lee seine Idee weiter entwickelt und „Social Linked Data“ (Solid) auf die Beine gestellt. Das Projekt ist mittlerweile erheblich ausgereift. Persönliche Daten wie Kontakte, Freundeslisten, Gesundheitsdaten, Blogposts oder Bankdaten werden in separaten Containern gespeichert, so genannten Pods.

So ein Pod kann auf der lokalen Festplatte liegen, auf dem Firmenserver, im eigenen Webspace oder bei einem Cloud-Anbieter gelagert sein. Die Technologie nutzt standardisierte Web-Protokolle und ist vollständig interoperabel.

Wir können für jeden Pod einstellen, wer ihn sehen und verändern darf. Konkretes Beispiel: Sammle ich meine Fitnessdaten, ermittelt mit einem Fitness-Armband oder einer Smartwatch, landen sie in einem „Fitness“-Pod. Darauf habe ich Zugriff – und vielleicht der Hersteller des Armbands, wenn ich das erlaube. Wechsle ich das Armband, entziehe ich dem einen Hersteller den Zugang – und gewähre dem nächsten den Zugriff. Klingt anders als heute, oder?

Aktuelle Entwicklungen und Fortschritte

Die Idee wird nicht nur entwickelt, sondern gewinnt an Momentum. Berners-Lee hat 2019 das Unternehmen Inrupt gegründet, das Solid-Technologien kommerziell vorantreibt. Mehrere Regierungen und große Organisationen testen bereits Solid-basierte Systeme. Die BBC hat beispielsweise Pilotprojekte gestartet, und verschiedene Universitäten nutzen Solid für Forschungsdaten.

Die Software ist weiterhin OpenSource, das bedeutet, jeder kann sie lizenzfrei nutzen und weiter entwickeln. Das Ökosystem wächst stetig: Es gibt mittlerweile über 100 verschiedene Solid-Apps, von Chat-Anwendungen über Foto-Manager bis hin zu Business-Tools.

Die größte Herausforderung bleibt die kritische Masse. Aber auch hier tut sich was: Die EU-Kommission hat Solid als eine der Schlüsseltechnologien für digitale Souveränität identifiziert. Verschiedene Mitgliedsstaaten prüfen, Solid für öffentliche Dienste einzusetzen.

Ist das realistisch?

Die technischen Hürden sind mittlerweile weitgehend überwunden. Die größte Herausforderung bleibt die Adoption durch Nutzer und Unternehmen. Aber die Zeichen stehen gut: Das Bewusstsein für Datenschutz und digitale Souveränität ist gewachsen. Gesetze wie die DSGVO oder der Digital Markets Act schaffen regulatorische Rahmenbedingungen, die Alternativen zu den Big-Tech-Monopolen begünstigen.

Eine Möglichkeit wäre, dass die Politik solche Standards vorschreibt. Verbindlich. Zumindest, dass jeder die Möglichkeit haben muss, seine Daten auf diese Weise selbst zu verwalten. Das würde auf einen Schlag eine Menge Probleme lösen – und wäre technisch machbar. Erste Schritte in diese Richtung sind bereits getan.

Berners-Lee bleibt optimistisch: „Das Web gehört uns allen, nicht nur einigen wenigen Unternehmen.“ Seine Vision eines dezentralen, nutzergesteuerten Internets ist heute realistischer denn je.

Zuletzt aktualisiert am 07.03.2026