In der IT-Industrie gibt man sich gerne geheimnisvoll. Das ist in Microsofts Firmenzentrale nahe Seattle nicht anders. Hier sprechen die Mitarbeiter nicht vom „nächsten Windows“, wenn vom XP-Nachfolger die Rede ist. Stattdessen fällt der Begriff „Longhorn“. Denn das ist der offizielle Codename für die nächste Windows-Version, den Nachfolger von Windows XP.

Wie die kommende Windows-Generation offiziell heißen wird, wenn sie 2006 oder 2007 auf den Markt kommt, steht noch nicht fest. Allerdings zeichnet sich bereits ab, was Longhorn ausmachen wird. „Wir wollen Windows nicht nur einfacher bedienbar machen, sondern widmen uns vor allem den Themen Sicherheit und Zuverlässigkeit“, erklärt Chefentwickler Jim Allchin. Durch eine deutlich besser durchdachte Systemarchitektur werden es Viren, Würmer, Hacker und auch Spam schwer haben, Longhorn-Systeme anzugreifen.

Doch erst im kommenden Jahr beginnt die offizielle Betaphase, der traditionelle groß angelegte Test bei Entwicklern und Kunden. Die Benutzeroberfläche verändert ihr Gesicht: Fenster, Icons und Menüleisten bekommen ein schickes 3D-Design verpasst. Alles ist aufwändig animiert, Menüs und Fenster erscheinen auf Wunsch transparent oder auch wie dreidimensional aufgehängte Papiere. Das setzt allerdings eine leistungsfähige 3D-Grafikkarte voraus.

Die „Aero“ getaufte Benutzer-Ästhetik erinnert stark an die „Aqua“-Oberfläche von Mac OS X. In diesem Punkt wird es aber sicher noch eine Menge Veränderungen geben. Außerdem können Longhorn-Benutzer ohnehin auf Knopfdruck das gesamte Erscheinungsbild austauschen. Neu ist die frei positionierbare „Sidebar“: Hier kann sich der Benutzer an prominenter Stelle zeigen lassen, was ihn interessiert. Ob aktuelle Börsennachrichten, nei eingetroffene E-Mails, Verkehrsinformationen oder Informationen aktuell verwendeter Programme bleibt jedem selbst überlassen.

Auch technologisch ändert sich eine Menge. Kern von Longhorn ist „WinFX“. Eine Programmbibliothek, die nicht nur Longhorn selbst und die darin enthaltenen Anwendungen nutzen werden, sondern auch den Entwicklern von Windows-Anwendungen zur Verfügung steht. WinFX löst die bisherige Windows-API ab. Laut Allchin werden die Programme kleiner. So reichen wenige Programmzeilen, um für eigene Programme eine optisch ansprechende Oberfläche zu realisieren. Wermutstropfen: Solche Anwendungen laufen dann ausschließlich unter Longhorn, nicht auf Rechnern mit älteren Windows-Versionen.

Völlig umgekrempelt wird auch das Dateisystem, also die Art und Weise, wie das Betriebssystem Programme und Daten auf Datenträgern speichert. Eine Weiterentwicklung ist dringend nötig, denn moderne Festplatten können immer größere Datenmengen aufnehmen. Die bislang verwendeten Ordner- und Verzeichnisstruktur stößt hier längst an ihre Grenzen. Für den Benutzer wird es immer schwerer, in vertretbarer Zeit bestimmte Dateien aufzuspüren und auf der Festplatte insgesamt für die nötige Ordnung zu sorgen.

Deshalb bekommt Longhorn ein komplett neues Dateisystem spendiert, das sich „WinFS“ nennt. Kern des WinFS ist eine eigene Datenbank, die den Überblick über gespeicherte Daten behält. So lassen sich innerhalb von Sekundenbruchteilen gezielt Dateien oder auch bestimmte Informationen aufspüren, egal wo die Informationen auf der Festplatte abgelegt wurden.

Ähnlich wie bei Musikdateien oder Fotos heute schon üblich, erhalten zu diesem Zweck alle Dateien so genannte Metadaten. Zusatzinformationen, die den jeweiligen Dateiinhalt beschreiben. Vorteil: Auf Knopfdruck lassen sich in kürzester Zeit vollständige Dateilisten anfertigen, etwa mit allen Dateien, die ein Stichwort enthalten oder alle Fotos, die an einem bestimmten Tag aufgenommen wurden. Der tatsächliche Speicherort auf der Platte spielt keine Rolle mehr.

Neu ist auch der Umgang mit Kontakten. Namen, E-Mail-Adressen, Kennungen für „Instant Messenger“-Dienste und andere wichtige Kontaktinformationen werden künftig nicht mehr in Adressbüchern gespeichert, sondern auf Systemebene. So kann Longhorn die Kontaktdaten besser in allen Anwendungen verfügbar machen. Jede Person, jede Firma oder Organisation wird als Datei repräsentiert. Über das neue, flexible und leistungsfähige Dateisystem lassen sich die Kontaktdaten so schnell und effizient nutzen. Der „Contacts Explorer“ hilft beim Verwalten der Kontakte. Die Möglichkeiten sind vielfältig. So reicht zum Beispiel ein Mausklick, um die von einem Kontakt verfassten oder bearbeiteten Dokumente anzuzeigen.

Microsoft will verschiedene Versionen von Longhorn herausbringen. Neben einer Version für den Tisch-PC (Client) wird es auch eine Server-Version geben, eine 64-Bit-Version, eine Version für Tablet-PCs sowie einen Nachfolger für das „Windows XP Media Center“.

Meilensteine der Windows-Geschichte

Windows 1.0: Als Microsoft im Jahr 1985 Windows 1.0 vorstellte, war die Computergemeinde verstört: Niemand konnte sich vorstellen, Fenster zu verschieben oder auf bunte Icons zu klicken.

Windows 3.0: In den Augen vieler PC-Experten die erste brauchbare Version von Windows. Zum ersten Mal ist es auf PCs möglich, mehrere Programme gleichzeitig zu benutzen (Multitasking).

Windows 95: Mit Windows 95 ist Microsoft der Durchbruch gelungen: Erstmals ist kein DOS mehr nötig, um mit Windows arbeiten zu können.

Windows XP: Microsoft schneidet alte Zöpfe ab und setzt vollständig auf 32-Bit-Architektur, was die Betriebssicherheit und Zuverlässigkeit deutlich erhöht.

Longhorn: Die nächste Generation soll nicht vor 2006, vielleicht auch erst 2007 auf den Markt kommen. Das Dateisystem basiert erstmals auf einer eigenen Datenbank.

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