Spotify jubelt Dir jetzt gesponsorte Musik unter

von | 20.06.2017 | Tipps

Spotify hat über 220 Millionen User, die nichts für die gespielte Musik bezahlen. Der Audio-Gigant verdient längst nicht mehr nur an klassischer Werbung, sondern berechnet auch für das Abspielen von Musiktiteln Gebühren – von den Musiklabels! Was 2017 als Test begann, ist heute Standard.

Beim Musikdienst Apple Music kann man sich einen Monat lang alles probeweise kostenlos anhören und so das Angebot testen – danach muss man zahlen. Bei Spotify ist das anders. Hier kann man sich nach der Testphase entscheiden zwischen einem Bezahl-Abo – oder dem arg eingeschränkten Gratis-Modell, das ständig durch Werbung unterbrochen wird. Man kann also zahlen, muss es aber nicht.

Sponsored Songs: Labels bezahlen fürs Musikhören

Ich bin ganz ehrlich: Für die Gratisvariante mit Werbepausen kann ich keine Sympathie entwickeln. Weil ich nämlich finde, dass man für Kunst durchaus bezahlen kann – und auch sollte. Über 220 Millionen User sehen das anders und nutzen das kostenlose Spotify-Angebot. Als Strafe ertönt bei ihnen in regelmäßigen Abständen Werbung aus den Boxen oder Kopfhörern, denn darüber wird das Gratisangebot finanziert. Im Display erscheint ebenfalls Werbung. Außerdem haben Gratis-User viele Einschränkungen, sie haben zum Beispiel nur begrenztes Überspringen von Tracks.

Mittlerweile hat Spotify diese Einnahmequelle perfektioniert: Die so genannten Sponsored Songs sind längst Standard. Sponsored Songs gehen so: Musiklabel und Künstler können erreichen – durch entsprechende Bezahlung oder reduzierte Lizenzgebühren! -, dass bestimmte Songs öfter in den Playlisten der User auftauchen.

Den Usern werden die betreffenden Songs einfach untergejubelt. Auf diese Weise bekommen die Leute Musik zu hören, die sie vielleicht noch gar nicht kennen – ein gewisser Werbeeffekt entsteht. Die Labels hoffen auf größere Aufmerksamkeit, höhere Streaming-Zahlen und damit auch höhere Erträge. Spotify nennt das heute „Discovery Mode“ – ein euphemistischer Name für ein problematisches System.

KI-gestützte Manipulation: Algorithmen bestimmen den Musikgeschmack

Was die Sache noch problematischer macht: Spotify setzt heute KI-Algorithmen ein, die diese gesponsorten Inhalte geschickt in die personalisierten Playlists einbauen. Radio, Discover Weekly, Daily Mix – überall können bezahlte Songs auftauchen, ohne dass ihr das merkt. Die Algorithmen sind so raffiniert geworden, dass sie sponsored Content nahtlos in eure Musikvorlieben integrieren.

Besonders perfide: Spotify nutzt eure Hördaten, um herauszufinden, wann ihr am empfänglichsten für neue Musik seid. Hört ihr gerade entspannt eine Playlist? Perfekter Moment für einen sponsored Song. Die KI weiß, dass ihr in entspannter Stimmung weniger kritisch seid und neue Tracks eher akzeptiert.

User des kostenlosen Angebots werden regelmäßig mit dieser Form der Manipulation konfrontiert. Premium-Abonnenten sind davon weitgehend verschont – ein weiterer Anreiz zum kostenpflichtigen Upgrade. Eine Kennzeichnung von sponsored Songs gibt es nicht, obwohl das rechtlich eigentlich geboten wäre.

Payola 2.0: Wenn Algorithmen den Musikgeschmack bestimmen

Was Spotify hier praktiziert, erinnert stark an die berüchtigte „Payola“-Praxis der 1950er Jahre, als Plattenfirmen Radiostationen dafür bezahlten, bestimmte Songs zu spielen. Nur ist es heute viel subtiler und schwerer durchschaubar. Während früher zumindest ein DJ die Entscheidung traf, bestimmen heute undurchsichtige Algorithmen, was ihr zu hören bekommt.

Das Problem geht über Spotify hinaus: Auch YouTube Music, Amazon Music und andere Streaming-Dienste setzen ähnliche Praktiken ein. Die gesamte Musikindustrie hat sich darauf eingestellt, dass man für Aufmerksamkeit bezahlen muss – zusätzlich zu den ohnehin schon niedrigen Streaming-Royalties.

Für unabhängige Künstler ist das besonders problematisch. Wer nicht das Budget hat, um für Discovery Mode zu bezahlen oder teure Playlist-Platzierungen zu kaufen, verschwindet in der Masse der täglich 100.000 neuen Songs, die auf Spotify hochgeladen werden. Algorithmen bevorzugen systematisch Musik von Labels mit größerem Marketing-Budget.

Die Zukunft der Musikentdeckung

Dennoch finde ich es äußerst bedenklich, wie der Kommerz in jede Ritze dringt, alle Bereiche unseres Lebens erfasst, verändert und vergiftet. Wenn Musik selbst zur Werbeform wird und man gar nicht mehr zwischen „ehrlich“ ausgewählter Musik und gesponsorter Musik unterscheiden kann, verschwimmen die Grenzen zwischen Marketing und Content endgültig.

Wie verwirrend – und fatal, denn wir sollten wissen, ob wir etwas sehen, lesen oder hören, weil dafür bezahlt wurde oder ob es sich um algorithmisch ausgewählte Inhalte handelt. Bei Spotify ist das heute nahezu unmöglich zu unterscheiden. Die User werden systematisch manipuliert.

Abgesehen davon finde ich es absurd und dreist, der Musikindustrie so etwas zuzumuten. Erst wird die Ware Musik regelrecht verramscht, mit Cent-Beträgen pro Stream. Dann wird sie von Spotify mit Werbung vermischt verteilt. Jetzt sollen die Labels sogar dafür zahlen oder auf Einnahmen verzichten, damit ihre Songs überhaupt gehört werden – das ist eine systematische Demütigung der Kunst.

Die Lösung? Bezahlt für Musik. Kauft Platten. Geht auf Konzerte. Unterstützt Künstler direkt. Und hinterfragt kritisch, warum euch ein Algorithmus ausgerechnet diesen Song vorschlägt.

Zuletzt aktualisiert am 02.04.2026