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Deutsche wissen nicht, was Algorithmen sind

25.05.2018 | Von Jörg Schieb

Internet

Alle reden über Digitalisierung – aber wie sieht es mit den Basics in diesem Bereich aus? Wer Computer programmieren kann, der weiß, was ein Algorithmus ist. Aber alle anderen? Die Bertelsmann Stiftung wollte es genauer wissen und hat für eine Studie erforscht, was die Deutschen über Algorithmen wissen. Die erschreckende Erkenntnis: Rund die Hälfte der Deutschen weiß überhaupt nicht, was ein Algorithmus ist. Nur ein Bruchteil kann erklären, was das ist. Dabei regieren Algorithmen heute die Welt.

Laut offizieller Definition ist ein Algorithmus eine „eindeutige Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems“. Jeder Algorithmus besteht aus endlich vielen Einzelschritten, die zum Ziel führen. Eine Beschreibung, die perfekt auf Computerprogramme zutrifft: Hier werden Aufgaben, also Probleme gelöst. Blitzschnell und für uns unsichtbar, aber Schritt für Schritt. Deshalb ist von Algorithmen die Rede.

Egal, ob ein Programm bei der Bank unseren Kontostand berechnet, ein Programm bei Google die Suchanfragen bearbeitet oder bei Amazon eine Bestellung in Gang gesetzt wird: Algorithmen tun ihre Arbeit. Programmierer haben diese Handlungsanweisungen irgendwann aufgeschrieben – und daran halten sich die Maschinen, egal, ob Fehler enthalten sind, egal, ob moralisch verwerflich oder nicht.

MMillustrates / Pixabay

 

Bertelsmann Stiftung: Mehrheit weiß nicht Bescheid

Jetzt hat die Bertelsmann Stiftung herausgefunden: Die meisten Deutschen haben den Begriff Algorithmus zwar schon mal gehört, doch die Hälfte kann mit dem Begriff gar nichts anfangen, nur ein verschwindet geringer Teil den Begriff erklären. Was bedeutet das für uns als Gesellschaft?

Es ist ein Desaster, schließlich leben wir in einer durch und durch digitalisierten Welt. Es muss nicht jeder zum Programmierer werden, das ist klar. Aber es gehört meiner Ansicht nach heute zu den Grundfertigkeiten, so wie Lesen und Schreiben, wenigstens die Grundprinzipien der Informatik zu kennen. Denn nur, wer zumindest prinzipiell versteht, wie Datenverarbeitung läuft, was Algorithmen sind, wie sie entstehen, was sie tun, was ihre Möglichkeiten und wo ihre Grenzen sind, kann ansatzweise beurteilen, was es bedeutet, wenn Algorithmen über unser Leben bestimmen – und das tun sie.

Es geht nicht so sehr darum, eine Alternative vorzuschlagen oder gar zu entwickeln, sondern darum, den Status quo zu beurteilen – sich eine Meinung zu bilden. Wir wollen ja auch, dass Menschen wissen und verstehen, wie die politische Meinungsbildung funktioniert, wie man sich kritisch mit Medien auseinandersetzt.

Aber niemand erwartet offenbar ernsthaft, dass wir uns kritisch und kompetent mit der Digitalisierung beschäftigen. Aus einer solchen Kultur entstehen weder Zuckerbergs, noch gibt es welche, die solche Menschen durchschauen und aufhalten. Es ist also doppelt schlecht für uns.

markusspiske / Pixabay

Algorithmen bestimmen unser Leben

Überall sind Computerprogramme im Einsatz, also Algorithmen. Natürlich in den naheliegenden Fällen, am Computer, im Smartphone, auf dem Smart-TV. Aber auch im Thermomix. Die Rezepte kommen aus dem Netz. In der Heizungsanlage. Im Auto. Die Ampelanlage an der Kreuzung. Der Aufzug, den wir benutzen. Der Strom. Das Homebanking.

Egal, was wir tun: Algorithmen bestimmen, ob das passiert, was wir wollen – und wie. Algorithmen entscheiden, welche Nachrichten wir zu sehen bekommen bei Facebook, was in der Timeline erscheint. Welche Freunde wir vorgeschlagen bekommen. Ob Fotos in Ordnung gehen oder nicht. Welches Kino uns vorgeschlagen wird, wenn wir nach aktuellen Filmen fragen. Wir wissen zum Beispiel nicht, ob uns ein Restaurant vorgeschlagen wird, weil es gut ist, weil es gut bewertet wurde, oder weil es dafür bezahlt. Alles völlig intransparent für uns. Eine Diktatur der Algorithmen ist das, in der wir leben.

Diktatur der Algorithmen: Wie sollte sich das ändern?

Wir müssten als Gesellschaft ja nicht zulassen, dass jeder programmieren darf, was er will. In der Medizin gibt es Ethikkommissionen, die darüber entscheiden, ob ein Versuch ethisch vertretbar ist oder nicht. Wieso so etwas nicht für Algorithmen einführen – zumindest in bestimmten Bereichen, da wo es gesellschaftlich eine Rolle spielt, was Algorithmen tun.

Vor allem Künstliche Intelligenz (KI) ist ein Problem: Hier entscheiden Programme über Wohl und Wehe, selbstlernend, ohne klare Programmierung. Es ist doch unverantwortlich, so etwas völlig unkontrolliert geschehen zu lassen. Natürlich soll nicht jeder Entwickler seine komplette Programmierung offenlegen.

Mit einer „qualifizierten Transparenz“ wäre das Problem aber zu lösen: Offenlegung gegenüber qualifizierten Mitarbeitern oder Behörden, in vertrauensvoller Atmosphäre. So etwas müsste erfolgen. Aber der Druck dafür entsteht natürlich nicht, wenn kaum einer weiß, was Algorithmen sind.

Was sollte passieren?

Die Grundprinzipien der Informatik müssten Schulstoff sein. Es geht um Medienkompetenz im besten Sinne. Jeder benutzt ein Handy, aber kaum einer weiß, wie es funktioniert. Das wäre so, als ob wir jeden Tag essen – aber rein gar nichts über Gemüse, Fleisch und Vitamine wüssten. Das muss sich ändern, damit kompetenter gestritten und entschieden werden kann.

 




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