Wie gerecht ist das Internet?

von | 12.11.2018 | Internet

Das Internet ist längst zur wichtigsten Infrastruktur unserer Zeit geworden. Doch hat es die Welt gerechter gemacht? Ein kritischer Blick auf drei Jahrzehnte digitale Revolution zeigt: Die anfänglichen Hoffnungen wurden bitter enttäuscht.

Als sich das Internet Anfang der 90er-Jahre für die Allgemeinheit öffnete, waren die Hoffnungen groß: Das Wissen der Welt, für alle verfügbar – wie verlockend das klingt. Jeder ist mit jedem vernetzt, wenn er mag.

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Big Tech – die neuen Monopolisten

Und: Jeder hat im Internet eine Stimme. Diese Ansätze lassen durchaus den Eindruck entstehen, das Internet könnte die Welt ein bisschen gerechter machen. Schon allein deswegen, weil die Mächtigen dadurch nicht mehr so mächtig sind. Weil sich jeder mitteilen kann. Ein Trugschluss, wie sich zeigt.

Allerdings gibt es nun neue Mächte. Unternehmen wie Google, Apple, Meta (ehemals Facebook), Amazon, Microsoft und inzwischen auch TikTok-Eigentümer ByteDance beherrschen nicht nur das Internet, sondern geben in der gesamten Welt den Takt an. 2024 kontrollieren allein die größten fünf Tech-Konzerne über 80 Prozent der weltweiten Internetinfrastruktur.

Selbst Regierungen haben mit diesen Giganten ihre liebe Not. Die EU verhängt Milliardenstrafen, doch die werden wie Parkgebühren abgehakt. Man muss nur sehen, wie Meta die Regierenden bei Datenschutz und KI-Regulierung am Nasenring durch die Arena führt. Doch Regierungen sind gewählt (meistens) – Konzerne nicht.

KI verstärkt die Ungleichheit

Künstliche Intelligenz, das Megathema seit 2023, verschärft die Ungerechtigkeit massiv. ChatGPT, Gemini und Co. kosten Milliarden in der Entwicklung – nur die großen Player können mitspielen. OpenAI, Google DeepMind, Anthropic: alle fest in der Hand weniger Konzerne oder deren Partnerschaften.

Dabei sind die Auswirkungen auf Arbeitsplätze verheerend. Während früher vor allem einfache Jobs bedroht waren, trifft es jetzt Kreative, Programmierer, Journalisten und Anwälte. Die KI-Revolution macht nicht nur Arbeitsplätze überflüssig – sie konzentriert die Macht über Information und Wissen in noch weniger Händen.

Das neue digitale Kastensystem

Wer keinen Zugang hat – und das ist weltweit immer noch über ein Drittel der Bevölkerung -, hat schlechtere Bildungs- und Arbeitschancen. Das gilt sogar hierzulande für Regionen mit schwacher Internetanbindung. Kein schnelles Internet zu haben, das ist das neue Analphabetentum.

Doch selbst mit Zugang entstehen neue Klassen: Die „Digital Natives“, die mit Algorithmen und KI umgehen können, und die Abgehängten, die den Anschluss verlieren. Wer nicht versteht, wie ChatGPT funktioniert oder was ein Algorithmus ist, wird systematisch benachteiligt.

Plattform-Kapitalismus ohne Grenzen

Das Internet verschafft Unternehmen in reichen Ländern die Möglichkeit, Menschen in armen Ländern zu billigen Arbeitskräften zu machen. Amazons Mechanical Turk war nur der Anfang. Heute lassen Tech-Konzerne Trainingsdaten für ihre KI-Systeme für Hungerlöhne in Kenia oder den Philippinen bearbeiten.

Für Centbeträge die Arbeit machen, die sonst keiner machen will. Das Internet ruiniert traditionelle Arbeitsplätze weltweit – und drückt Löhne. Die Gig-Economy verspricht Flexibilität, liefert aber Ausbeutung ohne Sozialversicherung.

Beispiel Amazon: Jeff Bezos‘ (inzwischen von Andy Jassy geführter) Konzern kann wohl mit Fug und Recht als Vernichter von Millionen Arbeitsplätzen im Einzelhandel bezeichnet werden. In Deutschland verschwanden seit 2010 über 100.000 Jobs im stationären Handel.

Algorithmen entscheiden über euer Leben

Die wahre Ungerechtigkeit liegt in der Intransparenz: Algorithmen entscheiden heute über Kreditvergabe, Jobchancen, Versicherungsprämien und sogar Gerichtsurteile. Diese Black Boxes sind oft von Vorurteilen durchzogen und verstärken bestehende Ungerechtigkeiten.

Studien zeigen: Gesichtserkennungssoftware funktioniert bei weißen Männern deutlich besser als bei Frauen oder People of Color. Bewerbungsfilter benachteiligen systematisch bestimmte Namen oder Stadtteile. Der Algorithmus macht Diskriminierung unsichtbar – aber nicht weniger real.

Überwachungskapitalismus als Geschäftsmodell

Shoshana Zuboffs Begriff des „Überwachungskapitalismus“ trifft den Kern: Unsere Daten sind das neue Öl. Google, Meta und Co. verdienen Hunderte Milliarden damit, unser Verhalten zu analysieren und zu manipulieren. Wir sind nicht die Kunden – wir sind das Produkt.

Diese Datensammelei schafft neue Abhängigkeiten. Wer sich dem System entzieht, wird praktisch vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Ohne Smartphone und Apps funktioniert heute fast nichts mehr.

Fazit: Das Internet verstärkt Ungleichheit

Man darf sich nicht täuschen lassen: Kleinere Erfolge oder Vorteile machen die globale Entwicklung nicht wett. Das Internet fördert den Turbokapitalismus. Die Machtzentralen sitzen im Silicon Valley und wenigen anderen Tech-Hotspots. Dort fließt das Geld hin – und wird dank geschickter Steuervermeidung kaum versteuert.

Der Kommerz hat das Internet fest im Würgegriff. Nahezu alles im Netz ist dem Kommerz unterworfen. Deshalb machen Algorithmen sichtbar, was Klicks, Engagement und Geld bringt – nicht das, was wahr ist und die Welt schlauer macht.

Das Internet hat die Welt nicht gerechter gemacht. Es hat neue, mächtigere Ungerechtigkeiten geschaffen. Zeit, das ehrlich anzuerkennen.

Zuletzt aktualisiert am 07.03.2026