eScooter: Die neue Datensammelmaschine

von | 16.07.2019 | Tipps

eScooter sind längst Teil des urbanen Alltags geworden: In praktisch jeder deutschen Großstadt stehen sie an Straßenecken – und warten darauf, mit dem Smartphone ausgeliehen zu werden. Ein Aspekt, der dabei noch immer gerne außer Acht gelassen wird: der Datenschutz. Denn die Verleiher von eScootern sammeln jede Menge Daten – und können damit eine Menge anstellen. Wir erfahren es nur nicht.

Was vor einigen Jahren als Trend begann, ist heute Normalität: eScooter gehören mittlerweile fest zum Stadtbild deutscher Metropolen. Die mit E-Kraft betriebenen Roller sind längst nicht mehr nur in Paris, London oder Kopenhagen zu sehen, sondern flächendeckend in Deutschland verfügbar – ob in Berlin, München, Hamburg, Köln oder kleineren Städten. Während über Verkehrssicherheit, Stellplätze und Unfallrisiken viel diskutiert wird, bleibt ein ganz wesentlicher Aspekt meist unbeachtet: Was passiert eigentlich mit den Daten, die dabei anfallen?

Die Bewegungsdaten sind noch wertvoller geworden

Fakt ist: Es fallen Daten an. Sehr viele sogar. Das fängt schon damit an, dass ohne Smartphone gar nichts läuft. Wer eScooter leihen will, braucht zwingend eine App. Hier ist nicht nur eine Registrierung mit Personalien erforderlich – mittlerweile müssen auch Ausweisdokumente hochgeladen und verifiziert werden. Zahlungsdaten sind ebenfalls Pflicht, oft wird auch eine Bonitätsprüfung durchgeführt.

Doch das ist nur der Anfang. Der eigentliche Datenschatz entsteht während der Fahrt: Wann und wo wurde ein eScooter ausgeliehen? Welche Route wurde gefahren? Wie schnell? Wo gab es Stopps? Wo wurde abgestellt? Die GPS-Tracker in den Rollern zeichnen jeden Meter auf – oft im Sekundentakt. Moderne eScooter verfügen zudem über Beschleunigungssensoren, Gyroskope und teilweise sogar Kameras, die das Fahrverhalten bis ins Detail analysieren können.

Die großen Anbieter wie Lime, Bird, Voi oder Tier haben mittlerweile Millionen von Fahrprofilen gesammelt. Diese Daten sind extrem wertvoll – nicht nur für die Optimierung der Flotten, sondern auch für Stadtplanung, Immobilienbewertung, Einzelhandel und Werbung. Ein detailliertes Bewegungsprofil verrät mehr über eine Person als die meisten anderen Datenquellen.

Intransparente Geschäfte mit Nutzerdaten

Was mit den gesammelten Daten passiert, bleibt weitgehend im Dunkeln. Die Anbieter versichern zwar regelmäßig, die Daten nur zur „Verbesserung des Services“ zu nutzen. Doch die Realität sieht anders aus: Bereits 2023 wurden mehrere europäische eScooter-Anbieter dabei erwischt, Standort- und Nutzungsdaten an Drittunternehmen zu verkaufen.

Besonders problematisch wird es, wenn Anbieter fusionieren oder übernommen werden. Die Datenschutzerklärungen ändern sich dann oft über Nacht – und plötzlich landen Millionen von Bewegungsprofilen bei ganz anderen Unternehmen oder sogar in anderen Ländern mit schwächeren Datenschutzgesetzen.

Ein Blick nach China zeigt, wohin die Reise gehen könnte: Dort verdienen Bike-Sharing-Anbieter mittlerweile mehr mit dem Verkauf von Nutzerdaten als mit der eigentlichen Vermietung. Die detaillierten Bewegungsprofile fließen in Scoring-Systeme ein und beeinflussen Kreditwürdigkeit, Jobchancen oder sogar Dating-Profile.

Datenschutzbehörden: Noch immer zu passiv

Trotz DSGVO und verschärfter Datenschutzregeln bleiben viele Fragen ungeklärt. Die deutschen Datenschutzbehörden haben zwar vereinzelt Verfahren gegen eScooter-Anbieter eingeleitet, doch eine systematische Kontrolle findet nicht statt. Besonders problematisch: Viele Anbieter haben ihren europäischen Sitz in Ländern mit lockerer Durchsetzung der DSGVO.

Experten fordern schon lange schärfere Kontrollen. „Die Kombination aus Standortdaten, Bewegungsmustern und Zahlungsverhalten ergibt ein extrem detailliertes Persönlichkeitsprofil“, warnt der Datenschutzexperte Thilo Weichert. „Diese Daten sind so sensibel, dass sie eigentlich unter besonderen Schutz gestellt werden müssten.“

Monopole bei Mobilitätsdaten entstehen

Besonders brisant wird die Datensache, wenn man den Trend zu integrierten Mobilitätsplattformen betrachtet. Große Tech-Konzerne und Mobilitätsanbieter versuchen zunehmend, alle Verkehrsmittel unter einem Dach zu vereinen: ÖPNV, Carsharing, Bikesharing, eScooter, Taxis – alles über eine App.

Wenn ein einziger Anbieter alle Bewegungsdaten einer Person kontrolliert, entstehen Bewegungsprofile von bisher ungekannter Detailtiefe. Diese Daten sind nicht nur für Werbetreibende interessant, sondern könnten auch für staatliche Überwachung missbraucht werden.

Was Nutzer tun können

Komplett vermeiden lassen sich die Datensammlung bei eScootern nicht – wer fahren will, muss Daten preisgeben. Aber es gibt ein paar Tricks: Regelmäßig die Datenschutzerklärungen prüfen, Widerspruchsrechte nutzen und bei den Anbietern nachfragen, welche Daten gespeichert werden. Viele Apps bieten mittlerweile auch die Möglichkeit, die Datensammlung zu reduzieren – allerdings oft gut versteckt in den Einstellungen.

Außerdem solltet ihr verschiedene Anbieter nutzen, statt euch auf einen zu konzentrieren. Das erschwert die Erstellung vollständiger Bewegungsprofile. Und: Bargeld mitnehmen für andere Verkehrsmittel – manchmal ist die gute alte Straßenbahn die datenschutzfreundlichere Alternative.

Die eScooter-Revolution ist nicht mehr aufzuhalten. Umso wichtiger ist es, dass wir alle verstehen, welchen Preis wir für die bequeme Mobilität zahlen – nicht nur in Euro, sondern auch in Form unserer persönlichen Daten.

Datenschutz bei eScootern: Interview mit Thilo Weichert

Zuletzt aktualisiert am 04.03.2026