Amazon kann auch Gesichtserkennung

von | 08.10.2019 | Digital

Die Leute stellen sich immer mehr Smart-Home-Geräte ins Haus. Klar, denn vieles davon ist praktisch – aber ist es auch sicher? Eher nicht. Vor allem, wenn man weiß, dass Amazon auch Gesichtserkennung kann und diese Technologie immer ausgereifter wird. Manche Echo-Geräte sind mit Kameras ausgestattet. Die Regeln für Gesichtserkennung versucht der Konzern dabei maßgeblich mitzubestimmen.

Amazon nur ein Onlineshop? Von wegen. Der Bezos-Konzern streckt seine Tentakeln in alle Richtungen aus. Dass Amazon über eine hochentwickelte KI-Software zur Gesichtserkennung verfügt, weiß kaum jemand: Amazon Rekognition heißt der Service.

Jeder kann den Service bei Amazon buchen. Als Cloud-Lösung – für wenige Euro im Monat. Wer das System mit Fotos füttert, kann von der KI-Software im Blitztempo Gesichter in Fotoaufnahmen oder sogar Videos erkennen lassen. Rekognition funktioniert mittlerweile beängstigend gut: Die Software erkennt nicht nur Gesichter, sondern schätzt auch das Alter, verrät ob die Person lächelt oder welche Emotionen sie zeigt – und kann sogar biometrische Merkmale analysieren.

Gesichtserkennung wird zum Massenphänomen

Das Beispiel zeigt, wie alltäglich Gesichtserkennung heute geworden ist. Die entsprechenden Funktionen liegen in der Cloud bereit – für vergleichsweise kleines Geld. Polizeibehörden weltweit nutzen solche Services bereits intensiv. In den USA arbeiten Hunderte Behörden mit Amazons Rekognition, aber auch in Europa wird die Technologie immer häufiger eingesetzt.

Die Behörden laden Fotos bei Amazon hoch, um andere Fotos oder Live-Video-Streams nach bekannten Gesichtern zu durchforsten. Was früher Stunden oder Tage dauerte, erledigt die KI in Sekunden. Flughäfen scannen Passagiere, Supermärkte ihre Kunden, und selbst Schulen experimentieren mit der Technologie.

Nicht ganz ohne Beigeschmack, wenn einer der größten Datensammler der Erde – der gerade seine Echo-Geräte und Ring-Türklingeln in Millionen Haushalte bringt – von Behörden frei Haus mit biometrischen Daten versorgt wird.

Zwar will niemand unterstellen, dass sich Amazon als Konzern bei seinen Cloud-Diensten bedient. Aber wer weiß… Wir haben in der Branche schon einiges erlebt. Außerdem gibt es immer wieder Sicherheitslecks bei Cloud-Diensten. Ein gesundes Misstrauen schadet also nicht.

Die Technologie wird immer präziser

Mittlerweile hat sich die Gesichtserkennungs-Technologie drastisch weiterentwickelt. Moderne Systeme können nicht nur Gesichter identifizieren, sondern auch Emotionen analysieren, Alter und Geschlecht bestimmen, und sogar Verwandtschaftsbeziehungen erkennen. Amazon Rekognition kann heute:

  • Gesichter in Echtzeit aus Videostreams extrahieren
  • Emotionen wie Freude, Trauer, Wut oder Überraschung erkennen
  • Gesichtsmerkmale wie Brillen, Bärte oder Kopfbedeckungen identifizieren
  • Mehrere Gesichter gleichzeitig in einem Bild analysieren
  • Gesichter auch bei schlechten Lichtverhältnissen erkennen

Was es braucht, sind klare Regeln – vor allem bei einem so sensiblen Thema wie der Gesichtserkennung. Das sieht mittlerweile sogar Amazon so, zumindest offiziell.

„Gesichtserkennung ist ein perfektes Beispiel für etwas, das wirklich positive Auswirkungen hat, so dass man es nicht bremsen will“, fügte Bezos seinerzeit hinzu. „Aber gleichzeitig gibt es auch Potenzial für einen Missbrauch der Technologie, so dass man Vorschriften will.“
Jeff Bezos

Amazon mischt bei Regulierungen kräftig mit

Aber was macht Amazon? Formuliert weiterhin selbst Regeln und potenzielle Gesetze zur Regulierung mit. Allen Ernstes: Amazon schreibt gemeinsam mit anderen Tech-Giganten wie Microsoft und Google auf, wie die Regeln aus ihrer Sicht aussehen sollten. Das ist so, als würde ich dem Finanzminister aufschreiben, wie ich mir eine gerechte Steuerpolitik vorstelle, oder wenn ich meiner Stadt die Parkregeln diktieren könnte.

Große Konzerne haben aber mehr Erfolg darin, Politiker zu „überzeugen“. Lobbyismus funktioniert. In den USA arbeitet Amazon eng mit Kongressabgeordneten zusammen, um „angemessene“ Gesetze zu formulieren. In der EU versucht der Konzern, die KI-Verordnung in seinem Sinne zu beeinflussen.

Widerstand wächst – aber langsam

Immerhin: Der gesellschaftliche Widerstand gegen unkontrollierte Gesichtserkennung wächst. Mehrere US-Städte wie San Francisco haben die Technologie für Behörden verboten. Die EU-KI-Verordnung schränkt biometrische Überwachung ein. Und selbst Amazon hat angekündigt, ein Moratorium für die Polizeinutzung einzuführen – allerdings erst nach massivem öffentlichen Druck.

Das Problem: Die Technologie entwickelt sich schneller als die Gesetze. Während Politiker noch über Regulierungen diskutieren, werden täglich neue Gesichtserkennungs-Features ausgerollt. Amazons Ring-Türklingeln können bereits Gesichter erkennen und mit Nachbarn teilen. Die Echo Show Geräte verfügen über ausgereifte Kameras. Und die AWS-Cloud wird von Millionen Unternehmen genutzt.

Was können wir tun?

Als Nutzer haben wir durchaus Möglichkeiten. Kameras an Smart-Home-Geräten lassen sich oft deaktivieren. Bei Amazon-Geräten könnt ihr in den Datenschutz-Einstellungen festlegen, dass eure Aufnahmen nicht zur Verbesserung der Services genutzt werden. Und ihr könnt bewusst auf Geräte mit Kameras verzichten.

Außerdem sollten wir als Gesellschaft wachsam bleiben. Gesichtserkennung kann nützlich sein – aber sie darf nicht zur Totalüberwachung führen. Die Regeln dafür sollten demokratisch legitimierte Parlamente schreiben, nicht die Konzerne selbst.

Was sagt Amazon heute dazu? Wie immer bei kritischen Themen hält sich der Konzern bedeckt. Offizielle Statements gibt es kaum, dafür umso mehr Lobbyarbeit hinter den Kulissen.

Zuletzt aktualisiert am 03.03.2026