Wikipedia ist eine Institution: Die meisten von uns nutzen das Online-Nachschlagewerk regelmäßig – viele auch intensiv. Das nachschlagbare Wissen ist meist top-aktuell und gut recherchiert. Allerdings gibt es auch Kritik. Manche machen sich Sorgen um die Qualität, andere über die Ausgewogenheit der Themen. Und dann ist da noch die KI – die stellt Wikipedia vor völlig neue Herausforderungen.
Eine Welt ohne Wikipedia? Schwer vorstellbar…
Wikipedia ist zweifellos die mit Abstand beste und eine der seriösesten Informationsquellen im Netz. Über 85% der Deutschen nutzen Wikipedia regelmäßig. Ansehen, Glaubwürdigkeit und Vertrauen sind extrem hoch – trotz aller Diskussionen.
Aus gutem Grund, denn Wikipedia ist nicht kommerziell korrumpiert, so wie nahezu alle anderen Angebote – insbesondere die sogenannten Sozialen Netzwerke. Wikipedia lebt von Spenden. Die werden vor allem für die Infrastruktur genutzt. Autoren, Redakteure und Administrative machen ihren Job ehrenamtlich – was höchsten Respekt verdient.
Mein Tipp: Spendet doch auch mal. Wer Wikipedia regelmäßig nutzt und es schätzt, sollte auch angemessen spenden. Die Wikimedia Foundation benötigt diese Unterstützung mehr denn je.

KI verändert alles – auch Wikipedia
Die größte Herausforderung für Wikipedia kommt heute von der Künstlichen Intelligenz. ChatGPT, Claude und Co. liefern schnelle Antworten auf praktisch jede Frage – oft basierend auf Wikipedia-Inhalten. Das führt zu einem paradoxen Problem: Weniger Menschen besuchen Wikipedia direkt, aber die KI-Systeme sind auf die Inhalte angewiesen.
Gleichzeitig entstehen neue Probleme: KI-generierte Texte landen zunehmend in Wikipedia-Artikeln. Das zu erkennen und zu verhindern wird immer schwieriger. Die Wikipedia-Community arbeitet intensiv an Erkennungstools und verschärft die Richtlinien. Aber es bleibt ein Wettlauf gegen die Technologie.
Positiv: KI hilft auch beim Übersetzen von Artikeln zwischen verschiedenen Wikipedia-Versionen und beim Aufspüren von Vandalismus. Die Wikimedia Foundation experimentiert mit KI-Tools, die Editoren unterstützen sollen.
Weniger Mitmachende, mehr Herausforderungen
Trotz allem: Wikipedia kämpft weiterhin mit dem Mitgliederschwund. 23 Jahre nach der Gründung durch Jimmy Wales zeichnen sich die Probleme noch deutlicher ab. Immer weniger Menschen machen aktiv mit, obwohl der Bedarf an Aktualisierungen steigt.
Beispiel: Wenn PR-Agenturen oder sogar KI-Bots in Wikipedia etwas schönen, fällt das oft nicht auf – oder viel zu spät. Es fehlt an Manpower, um schnell zu reagieren. Updates zu liefern. Aktuell sind über 7.000 Artikel im deutschsprachigen Wikipedia als „veraltet“ markiert. Tendenz steigend.
Mitmachen kann bei Wikipedia grundsätzlich jeder. Die Hürden sind aber gestiegen: Strengere Richtlinien, komplexere Formatierung, härtere Diskussionen. Wesentlich sind seriöse Quellen, die als Beleg für Standpunkte oder Fakten dienen. Oft wird über Aspekte oder Relevanz intern diskutiert – manchmal sehr kontrovers.
Diversität bleibt eine Baustelle
Kritiker sagen: Der Frauenanteil ist immer noch nicht zeitgemäß. Lediglich 12 bis 18 Prozent der aktiven Wikipedianer sind Frauen – je nach Erhebung. Wie viele es genau sind, lässt sich schwer sagen, da bei der Registrierung keine zwingenden Angaben zum Geschlecht gemacht werden müssen.
Aber der Blick auf Diversität wird schärfer. Wikipedia ist durchaus anzumerken, dass weniger Frauen mitmachen. Technik-Themen sind überrepräsentiert, viele andere Bereiche unterrepräsentiert. Das betrifft nicht nur Geschlecht, sondern auch kulturelle und regionale Diversität.

Aktionsgruppen wie Wiki Women in Red arbeiten daran, mehr diverse Themen und Perspektiven einzubringen. Mit wechselndem Erfolg, aber durchaus erkennbaren Fortschritten.
Neue Konkurrenz, alte Probleme
Warum heute noch bei Wikipedia mitmachen? Die Konkurrenz um Aufmerksamkeit ist riesig geworden. Social Media, Gaming, Streaming – alles konkurriert um Zeit und Engagement.
Als Wikipedia erfunden wurde, gab es diese Ablenkungen nicht. Heute herrscht auch bei Wikipedia intern häufiger ein harscher Ton – wie überall im Netz. Der Unterschied: Bei TikTok oder Instagram bekommen Creator wenigstens Likes, Views und manchmal sogar Geld. Bei Wikipedia gibt es hauptsächlich Kritik und Diskussionen.
Der Schwund an Mitmachern ist also leicht zu erklären. Trotzdem gibt es sie noch: Menschen, die aus Überzeugung freies Wissen schaffen und pflegen.
Reformen sind überfällig
Wikipedia braucht dringend Modernisierung: Eine intuitivere Benutzeroberfläche (die kommt schrittweise), bessere mobile Apps, einfachere Editing-Tools. Die Wikimedia Foundation investiert Millionen in diese Verbesserungen.
Vor allem braucht es eine bessere Diskussionskultur. Weniger Gatekeeping, mehr Willkommenskultur für Newcomer. Und ja: Auch Anerkennung für gute Arbeit. Gamification-Elemente werden vorsichtig getestet.
Trotz aller Probleme: Wikipedia bleibt ein faszinierendes Projekt. Eine der wenigen Plattformen, die nicht auf Profit aus ist. Die Herausforderungen sind real, aber lösbar – wenn genug Menschen mitmachen. Auch ihr könntet Teil davon sein.
Ausführliches Interview mit Wikipedianer Raimond Spekking
Zuletzt aktualisiert am 03.03.2026