Dürfen Suchmaschinen werten? Eine Frage, die man unterschiedlich beurteilen kann. Die Suchmaschine Ecosia hat eine Art modernen Pranger eingefürt: Bestimmte Unternehmen werden als Umweltsünder gekennzeichnet. Die Macher wollen die Welt damit sicher besser machen – aber ist das der richtige Weg?

Die Suchmaschine Ecosia ist mir sehr sympathisch. Denn wer über die Suchmaschine mit Sitz in Berlin sucht, der fahndet nicht nur datensparsam im Netz, sondern pflanzt – indirekt – auch Bäume.

Das Unternehmen steckt seine Gewinne aus Werbeanzeigen in Projekte für  Wiederaufforstung. Laut Ecosia reichen im statistischen Mittel 45 Suchanfragen, um einen neuen Baum zu pflanzen. Ecosia betreibt dazu keine eigene Suchmaschine, sondern greift auf die Suchmaschine Microsoft Bing zurück.

Dank Ecosia sind so bislang rund 83 Millionen Bäume weltweit gepflanzt worden. Sinnvoll, nachhaltig – und deutlich mehr als nur ein Zeichen. Danke dafür!

Ecosia kennzeichnet ausgewählte Klimasünder

Doch seit Oktober 2019 hat Ecosia eine Funktion, die ich bedenklich finde. Die 200 größten Klimasünder bekommen in den Suchergebnissen ein Kohlekraftwerk-Symbol verpasst. Dazu wertet Ecosia die Daten aus unterschiedlichen Quellen aus. Die Folge: Wer mit der Maus darüber fährt, liest im Overlay-Text: „Suchergebnisse mit diesem Symbol zeigen dir Ergebnisse von Firmen, die mit fossilen Brennstoffen Geld verdienen und damit das Klima zerstören“.

In Deutschland sind das Unternehmen wie RWE, EnBW sowie der zweitgrößte Zementhersteller der Welt (ja, auch die Zementherstellung verursacht extrem viel CO2) Heidelberg Cement.

Bei den Kollegen von t3n erklären die Ecosia-Macher, warum sie das tun. Doch ich finde: Eine solche Kennzeichnung ist ideologisch – und deshalb in meinen Augen problematisch. Natürlich denke auch ich zuerst: Gut so, die „Sünder“ kenntlich zu machen.

Aber wen markiert man? Warum RWE – und nicht diejenigen, die den Strom im großen Stil abnehmen und damit letztendlich (auch) verursachen? Auch Netflix, Youtube, Amazon Prime Video und Co. hätten eine Kennzeichnung verdient, denn Streaming verursacht einen enormen CO2-Ausstoß. Tendenz: Steigend.

Was kommt als nächstes?

Außerdem frage ich mich: Haben solche Kennzeichnungen nüchtern betrachtet überhaupt etwas in einer Suchmaschine verloren? Klar, Ecosia ist eine außergewöhnliche Suchmaschine, weil ihr der Umweltschutz besonders wichtig ist und den Dienst selbst CO2-neutral anbietet. Das verstehe ich – und deshalb kann es sich Ecosia eher erlauben als Google oder Bing.

Aber dennoch: Welches Zeichen setzen wir damit? Am Ende ist es eine Art Pranger. Sünder werden öffentlich angeprangert. In einer Suchmaschine, die man schließlich nicht in erster Linie dazu nutzt, um Umweltthemen zu recherchieren.

Erst die 200 größten CO2-Verschmutzer. Dann die 1.000 größten. Dann alle Diesel-Fahrzeuge. Alle Filme, in denen Diesel-Fahrzeuge vorkommen. Dann alle Automodelle, die im Schnitt mehr als vier, sechs oder acht Liter verbrauchen – am Ende beliebig.

Oder es wird ein Plugin entwickelt, das CO2-„Sünder“ in Sozialen Medien identifiziert und markiert. Achtung: Dieser User fährt Diesel und hat schon mal eine Kreuzfahrt gemacht.

Sollen als nächstes auch Zeitungen, Blogs und Soziale Netzwerke Umweltsünder jeder Art kennzeichnen? Welches Stigma kommt dann: „Links“, „rechts“, zu alt, dunkelhäutig, weiß, homosexuell, heterosexuell? Am Ende ist es ja immer eine Frage der Perspektive, was verurteilt werden soll – und was kennzeichnungswürdig ist.

Genau darin sehe ich das Problem: Es öffnet Tür und Tor für eine Beliebigkeit. Der Zweck heiligt nicht die Mittel.