Streamingdienste für Musik haben die Musikindustrie erst in die Bredouille gebracht – und dann gerettet. Die Umsätze aus den Streamingdiensten wachsen weiter rasant. Allein 2025 verzeichneten die großen Anbieter erneut zweistellige Zuwachsraten. Viele von uns streamen Musik mit großer Begeisterung.
Weil es angenehm ist, auf praktisch jeden Track zugreifen zu können – jederzeit. Und weil es vergleichsweise günstig ist. Deshalb explodieren die Nutzerzahlen bei Spotify, Apple Music, Amazon Music, YouTube Music und Co. Ein gutes Gewissen haben die meisten obendrein: Ohne CDs fällt wenigstens kein Plastik-Müll mehr an.

Höherer CO2-Ausstoß als früher
Stimmt: Plastik wird weniger gebraucht als früher. Trotzdem ist die Öko-Bilanz alarmierend: Forscher aus Norwegen und Schottland haben penibel untersucht, welche Ressourcen für die Produktion von LPs auf Vinyl, CDs und für das Streaming benötigt werden – und welcher CO2-Ausstoß dabei entsteht.
Ergebnis: Streaming ist schädlicher als die physischen Datenträger es waren und sind. Kyle Devine, der Musikprofessor, der die Studie geleitet hat, weist deutlich darauf hin, dass „der Umstieg auf das Streaming zu einem signifikant höheren CO2-Ausstoß geführt hat.“
Das erstaunt. Macht aber deutlich: Der Klima-Effekt der Cloud ist nicht zu unterschätzen. Aktuelle Studien zeigen, dass der globale Datenverkehr bis 2026 für etwa 4% der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich ist – Tendenz steigend. Es ist enorm viel Energie erforderlich, um die Daten vorzuhalten, zu streamen, in die Endgeräte zu laden und dort abzuspielen.
Forscher haben den CO2-Footprint von Musik-Medien ermittelt
Die Realität der Rechenzentren 2026
Die großen Streaming-Anbieter haben mittlerweile reagiert. Spotify kündigte Ende 2025 an, bis 2030 klimaneutral zu werden. Amazon Music läuft bereits zu 90% mit erneuerbaren Energien, Apple Music sogar zu 100%. Google hat für YouTube Music ähnliche Ziele formuliert. Das klingt gut – aber reicht es?
Das Problem liegt oft nicht nur bei den Anbietern selbst, sondern in der gesamten Infrastruktur: Content Delivery Networks, Internet-Provider, Mobilfunknetze. Hier wird noch immer viel konventionelle Energie verbraucht. Ein einziger Song-Stream verursacht im Schnitt etwa 0,4 Gramm CO2 – klingt wenig, aber bei Milliarden von Streams täglich summiert sich das gewaltig.
Zudem steigt die Nachfrage nach hochauflösenden Audio-Formaten. Lossless Audio und Spatial Audio verbrauchen etwa das 5-10fache an Datenvolumen im Vergleich zu komprimierten Formaten. Was für die Ohren ein Genuss ist, belastet das Klima zusätzlich.
Streaming vs. physische Medien: Die aktuelle Rechnung
Eine CD zu produzieren und zu verkaufen verursacht etwa 150-200 Gramm CO2. Ein Album zu streamen – bei durchschnittlicher Hörfrequenz über die Lebensdauer – kommt auf 300-500 Gramm CO2. Vinyl-Platten liegen sogar bei nur 100-150 Gramm, da sie oft jahrzehntelang gehört werden.
Aber: Diese Rechnung ist komplex. Wer ein Album nur einmal hört, fährt mit Streaming klimafreundlicher. Wer seine Lieblingsalben hunderte Male hört, belastet mit Streaming das Klima stärker. Die meisten von uns liegen irgendwo dazwischen.
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Was können wir tun?
Verzicht auf Streaming ist unrealistisch – und auch nicht nötig. Aber bewusstes Streaming schon. Hier ein paar Tipps:
• Nutzt Offline-Modi: Songs herunterladen und offline hören spart Energie bei wiederholtem Abspielen
• Wählt normale Qualität statt Hi-Res für Alltagsmusik
• Nutzt WLAN statt Mobilfunk, wo möglich
• Unterstützt Anbieter, die auf Klimaneutralität setzen
Die Industrie muss aber die Hauptarbeit leisten. Bis 2030 sollten alle großen Streaming-Anbieter und die gesamte Internet-Infrastruktur klimaneutral arbeiten. Erste Schritte sind gemacht, aber das Tempo muss sich erhöhen.
Streaming sollte klimaneutral sein
Die offensichtlich vorhandene Belastung sollte niemand runterspielen. Es ist erforderlich, sich damit auseinanderzusetzen – denn wie will man sonst die richtigen Schlüsse ziehen? Kaum jemand wird nun wieder in die CD-Produktion einsteigen wollen.
Aber es ist erstrebenswert und machbar: Bis 2030 können alle Rechenzentren der Welt mit Ökostrom betrieben werden oder klimauneutral arbeiten. Die Technologie dafür existiert, es braucht nur den Willen zur Umsetzung. Dann können wir Musik streamen – mit gutem Gewissen.
Zuletzt aktualisiert am 05.03.2026