Wir haben uns daran gewöhnt, dass Google, TikTok, Instagram und Co. uns vor allem solche Inhalte präsentieren, die uns (vermutlich) gefallen. Dafür sorgen die KI-Algorithmen der Plattformen, die wollen, dass ihr möglichst lange bei ihnen bleibt – weil das ein Maximum an Werbe- und Datenerlösen verspricht. Objektive Inhalte, die sich nicht an persönlichen Interessen orientieren, sind zur Rarität geworden.
Der Autor und KI-Kritiker Jaron Lanier hat bereits vor Jahren einen wichtigen Punkt angesprochen, der heute aktueller denn je ist: Wikipedia ist einer der wenigen großen und bekannten Dienste im Netz, die nach wie vor kein kommerzielles Interesse verfolgen und Inhalte völlig unvoreingenommen präsentieren. Die Online-Enzyklopädie orientiert sich nicht an euren Bedürfnissen, Gewohnheiten oder Vorwissen – und ist schon mal gar nicht an kommerziellen Interessen ausgerichtet.
Wikipedia: Bastion der Unabhängigkeit
Wer bei Wikipedia etwas nachschlägt, bekommt dasselbe präsentiert wie jeder andere. Wikipedia ist eben ein Nachschlagewerk. Hier wird nichts verfälscht, verändert, manipuliert. Die „Sozialen Netzwerke“ hingegen sind laut Lanier in erster Linie „Maschinen, die unsere Wahrnehmung und unser Verhalten manipulieren“.
Diese Erkenntnis ist heute brisanter als je zuvor: ChatGPT, Gemini und andere KI-Systeme trainieren mittlerweile an unseren Verhaltensmustern und passen ihre Antworten entsprechend an. Selbst die Google-Suche wird zunehmend durch KI-generierte Antworten dominiert, die sich an vermeintlichen Nutzererwartungen orientieren.
Man muss es wirklich so deutlich sagen: Dass ein großer Onlinedienst nicht versucht, uns zu manipulieren, ist heutzutage eine absolute Ausnahme geworden. Nehmen wir Google. Der Suchdienst präsentiert jedem andere Ergebnisse. Schon beim Eintippen erscheinen erste Hilfen und Anregungen, was gemeint sein könnte. Die sogenannte „Autovervollständigen“-Funktion nutzt heute fortgeschrittene Machine Learning-Algorithmen, die nicht nur erraten, was ihr eintippen möchtet, sondern auch beeinflussen wollen, was ihr sucht.
Eure Persönlichkeit spielt eine Rolle, die Such-Historie, die Uhrzeit, der aktuelle Standort, sogar eure Verweildauer auf bestimmten Seiten – das fließt alles in die KI-gestützte Vorhersage ein. Google macht entsprechende Vorschläge – und die sehen bei mir anders aus als bei jedem anderen.
Aber auch die präsentierten Suchtreffer sind von unzähligen Faktoren abhängig. Seit 2024 spielt Googles „Search Generative Experience“ (SGE) eine immer größere Rolle: KI-generierte Antworten stehen oft über den klassischen Suchergebnissen und fassen zusammen, was die Algorithmen für relevant halten.
Der Unterschied wird immer extremer
Würde Wikipedia genauso vorgehen, bekäme ein Physik-Student bei der Eingabe von „Erde“ etwas völlig anderes zu sehen als ein Verschwörungstheoretiker, der fest davon ausgeht, die Erde wäre eine Scheibe. Der Physiker sähe Erkenntnisse aus der Naturwissenschaft, der Anhänger der „Die-Erde-ist-eine-Scheibe“-Annahme ganz andere Texte. Denn – hey: Wozu gibt es KI-Algorithmen, die uns alle Inhalte so präsentieren, dass sie uns schmecken und gefallen?
Bei TikTok, Instagram und Facebook ist das längst Realität geworden. Hier erscheint in den Feeds nicht das, was wirklich relevant oder gar wahr ist, sondern das, was entweder gut bezahlt ist oder was am meisten „Engagement“ verspricht – Likes, Kommentare, Shares.
Die KI-Systeme dieser Plattformen sind heute so ausgeklügelt, dass sie binnen Sekunden erkennen, welcher Content euch fesselt. TikToks Algorithmus gilt als einer der präzisesten: Er lernt aus jedem Wisch, jedem Verweilen, jedem Doppeltipp. Das Ergebnis: Ihr bekommt immer mehr vom Gleichen – eure Weltsicht verengt sich, ohne dass ihr es merkt.
Wikipedia bleibt standhaft – aber wie lange noch?
Verzerrt ein solches Verhalten die Realität? Selbstverständlich! Während andere Plattformen auf personalisierte KI setzen, hält Wikipedia an seinem ursprünglichen Prinzip fest: Wissen für alle, gleich und unverfälscht. Keine Algorithmen entscheiden hier, was ihr seht. Keine KI interpretiert, was ihr vermutlich lesen wollt.
Doch auch Wikipedia steht vor Herausforderungen: KI-Tools werden zunehmend für die Erstellung und Bearbeitung von Artikeln eingesetzt. Die Community diskutiert intensiv, wie sich das auf die Neutralität auswirkt. Bislang gilt: Jede KI-Nutzung muss transparent gemacht werden, und menschliche Kontrolle bleibt unverzichtbar.
Die Ironie dabei: Während Wikipedia um seine Unabhängigkeit kämpft, nutzen kommerzielle KI-Systeme wie ChatGPT ausgerechnet Wikipedia-Inhalte für ihr Training. Das freie Wissen wird zur Grundlage für proprietäre Systeme, die dann wieder personalisierte, gefilterte Antworten liefern.
Das macht Wikipedia heute wertvoller denn je: Als letztes großes digitales Refugium für objektive Information, die nicht durch Algorithmen, Werbung oder Engagement-Metriken verzerrt wird. Ein digitales Gut, das wir schützen sollten – denn die Alternative wäre eine Welt, in der jeder seine eigene, algorithmisch kuratierte Realität lebt.
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Zuletzt aktualisiert am 27.02.2026