Fünf von fünf Sternen: Wer im größten Einkaufsportal der Welt die Produktbewertungen studiert, stößt erstaunlich häufig auf euphorische Rezensionen. Hersteller, Händler und Amazon freut das. Denn Top-Bewertungen – möglichst viele davon – motivieren die Menschen, den „Kaufen“-Button zu drücken, zu klicken oder anzutippen.
Gute Bewertungen sind – das wissen alle! – eine Art Aphrodisiakum für die Verkaufszahlen. Der beste Verkaufsbeschleuniger, der sich denken lässt.
Obwohl wir alle längst ahnen, dass viele Bewertungen Fake sind, vertrauen wir doch darauf – weil wir uns insgeheim wünschen, dass das, was wir zu kaufen gedenken, wirklich top ist.
Das Problem wird immer größer
Das Problem: Das Ausmaß der Fälschungen, der Fake-Bewertungen, ist seit den ersten großen Enthüllungen vor Jahren kontinuierlich gewachsen. Inzwischen sprechen wir von einer regelrechten Industrie – mit klaren Strukturen, nachvollziehbaren Geldströmen, einem Kopf der Bande, Mittelsmännern und Erfüllungsgehilfen. Ich würde das „organisierte Kriminalität“ nennen.
Tausende von 5-Sterne-Bewertungen auf Amazon. Die Masche scheint immer dieselbe: Ein Hersteller – meist aus China! – beauftragt einen „Agenten“, möglichst viele positive Bewertungen zu organisieren. Die Agenten richten Gruppen ein, etwa auf WhatsApp, auf Telegram oder neuerdings auch in Discord-Servern, und fordern willige „Mitarbeiter“ auf, die betreffenden Produkte bei Amazon zu kaufen.
Wenn sie eine Top-5-Sterne-Bewertung schreiben, bekommen sie per Paypal, Wise oder sogar Krypto-Wallets das Geld zurück. Sie haben also die Ware kostenlos bekommen. Zwar ausnahmslos No-Name-Produkte unter 50 EUR – aber davon Hunderte pro Aktion.

Ein verifizierter Kauf gilt als besonders vertrauenswürdig – ist aber auch häufig Fake
KI macht Fake-Bewertungen noch raffinierter
Was besonders perfide ist: Seit 2024 nutzen die Betrüger verstärkt KI-Tools wie ChatGPT oder Claude, um authentisch wirkende Bewertungstexte zu generieren. Diese sind schwer von echten Reviews zu unterscheiden, weil sie natürliche Sprache verwenden, kleine „Schwächen“ des Produkts erwähnen und trotzdem positiv bleiben.
Die neuen KI-generierten Fake-Reviews sind deutlich ausgefeilter als die früher oft schlecht übersetzten Standardtexte. Sie variieren in Länge, Stil und Details – und fallen dadurch kaum noch auf. Amazon hat zwar eigene KI-Systeme entwickelt, um solche Bewertungen zu erkennen, aber es ist ein Katz-und-Maus-Spiel.
Ausnahmslos chinesische Hersteller von No-Name-Produkten
Eine Fake-Bewertung ist schnell geschrieben. Nicht gut fürs Karma, aber das stört die wenigsten. Die Mittelsmänner bekommen eine Provision. Und die chinesischen Hersteller verkaufen mehr und mehr der Produkte. Nicht selten an der Steuer vorbei – ein Problem, das sich durch die neuen EU-Importregeln seit 2025 etwas entspannt hat, aber nicht verschwunden ist.
Amazon selbst bemüht sich zwar, Fake-Bewertungen zu unterdrücken – wie wir sehen aber nur mäßig erfolgreich. Das ist auch schwierig, wenn die Menschen die Produkte sogar gekauft haben. Solche Bewertungen sind besonders viel wert, weil Amazon ausweist, dass diese Bewertungen von echten Käufern sind („Verifizierter Kauf“).
Neue Erkennungsmethoden und Gegenmaßnahmen
Immerhin: Amazon hat 2025 neue Algorithmen eingeführt, die verdächtige Bewertungsmuster erkennen sollen. Wenn beispielsweise ein Produkt binnen weniger Tage Dutzende 5-Sterne-Bewertungen erhält, werden diese genauer geprüft. Auch Profile, die auffällig viele Produkte derselben Hersteller bewerten, stehen unter Beobachtung.
Doch die Betrüger reagieren: Sie verteilen ihre Aktivitäten über längere Zeiträume, nutzen verschiedene Accounts und bewerten zwischendurch auch mal andere Produkte authentisch. Ein ausgeklügeltes System, das schwer zu durchbrechen ist.
Nicht einfach für Amazon, solche Fake-Projekte zu stoppen. Denn Telegram lässt nach wie vor alles zu – und beteiligt sich kaum daran, gegen Missbrauch oder Straftaten vorzugehen. Auch Discord und andere Plattformen werden zunehmend für solche Zwecke missbraucht.
Was können Käufer tun?
Als Käufer solltet ihr skeptisch bleiben. Besonders bei Produkten mit auffällig vielen 5-Sterne-Bewertungen von No-Name-Herstellern. Schaut euch die Bewertungen genauer an: Sind sie zu euphorisch? Ähneln sich die Formulierungen? Wurden sie alle in kurzer Zeit abgegeben?
Hilfreich sind auch Tools wie FakeSpot oder ReviewMeta, die Bewertungen auf Echtheit prüfen. Diese Browser-Extensions analysieren Bewertungsmuster und warnen vor verdächtigen Produkten.
Aber es gäbe auch einen radikaleren Weg für Amazon: Keine chinesischen Händler mehr ohne strengste Verifikation zulassen. Die verkaufen häufig an Zoll und Steuer vorbei, stellen keine ordentlichen Rechnungen aus und betrügen nachweislich im großen Stil bei den Bewertungen. Das verzerrt den Wettbewerb, denn ehrliche Hersteller und Händler ziehen den Kürzeren.
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Einkäufe bei Amazon: Es kann eine Menge schiefgehen…
Zuletzt aktualisiert am 27.02.2026
