Tweets

Wie geht es mit Twitter weiter?

Finanziell scheint alles geklärt: Elon Musk kann Twitter kaufen. Aber nicht allein. Er braucht Investoren. Und was passiert dann mit der Plattform Twitter?

Twitter ist nicht das wichtigste soziale Netzwerk, zumindest nicht in punkto Nutzerzahlen, gehört aber zweifellos zu den großen Meinungsplattformen. Hier tauschen sich Menschen aus, sagen ihre Meinung, streiten – oder nutzen den Dienst als Sprachrohr. Der reichste Mensch der Welt, Elon Musk, will den Dienst kaufen. Und umgestalten. Aber wie genau? Vielen macht es Sorge, dass ein einzelner Mensch eine so wichtige Plattform besitzt – und Kontrolle über die Meinungsfreiheit bekommt. Wie wäre es mit einer öffentlich-rechtlichen Plattform, fragen viele.

Elon Musk

Elon Musk kauft den Laden

Die Chefetage von Twitter hat dem Verkauf zugestimmt. Elon Musk zahlt 44 Mrd. Dollar für den Dienst. Kein Bargeld, sondern mit Aktienanteilen und Krediten. Und auch nicht alleine, Elon Musk hat über sieben Milliarden von Investoren eingesammelt, die sich an dem Deal beteiligen wollen. Eins scheint aber klar: Elon Musk, der ja auch Tesla gegründet hat und leitet, wird Chef des Ganzen und will das Unternehmen von der Börse nehmen, damit er Twitter alleine leiten kann.

Ob das so kommt, ist sehr wahrscheinlich, aber nicht 100% sicher. Es gibt einige Stolpersteine: Bekommt er das Geld zusammen? Machen die Twitter-Aktionäre am Ende einen Rückzug? Gibt es möglicherweise Behörden, die Schwierigkeiten machen? Es sieht nicht danach aus, aber alles ist möglich. Es sind aber definitiv mehrere große Investoren dabei, der ehemalige Chef der Softwarefirma Oracle etwa oder saudische Prinzen. Es ist also nicht ganz so, dass ein Mann alleine eine Plattform kauft. Die Großinvestoren werden sicher auch mitreden wollen.

Musk verspricht „Meinungsfreiheit pur“

Nun gibt es eine Menge Kritik daran, dass ein Mann alleine das Unternehmen führen will. Dabei kündigt er doch an, sich für mehr Meinungsfreiheit einzusetzen. Klingt erst mal gut.

Das Problem, das viele sehen: Wollen wir auf einer Plattform unterwegs sein, auf der ein Mann mehr oder weniger alleine bestimmt, was im Rahmen der Meinungsfreiheit geht? Werden wirklich alle alles sagen dürfen, wie Elon Musk ankündigt, der von einer „maximalen Meinungsfreiheit“ spricht – auch Verschwörungschwurbler, Nazis, Islamisten und Linke?

Es gibt keine Freiheit ohne Regeln. Und es gibt keine Freiheit ohne gegenseitiges Verständnis, sagt Albert Camus. Eine solche Ankündigung wie die von Musk kann einem also Sorgen bereiten.

Abgesehen davon gibt es selbstverständlich Regeln, in Deutschland das NetzDG, in Europa künftig der „Digital Services Act“, der Playern wie Twitter klare Auflagen machen. Natürlich darf eine öffentliche Plattform wie Twitter nicht machen was sie will. Wenn Mitglieder dort gegen Regeln verstoßen, muss das Netzwerk einschreiten – auch wenn Elon Musk das nicht will. Aber ansonsten drohen hohe, empfindliche Strafen. Es kostet Geld. Das ist dann eine Sprache, die auch Elon Musk versteht. Deshalb sollte man die Ankündigungen vielleicht auch nicht zu ernst nehmen.

Es gibt auch eine Mastodon App
Es gibt auch eine Mastodon App (iOS und Android)

Kritik an Elon Musk selbst

 Außerdem sagen viele, Elon Musk sei ein Mensch, der seine Kritiker durchaus hart angehe… Von wegen Meinungsfreiheit.

Das stimmt, erscheint mir in dem Zusammenhand aber nicht so relevant. Tesla verbannt in der Tat kritische Journalisten von Pressekonferenzen. Tesla ist nach meiner eigenen persönlichen Erfahrung das Gegenteil von kommunikativ gegenüber Journalisten. „Wir geben keine Interviews“, wurde mir mal gesagt. Das ist alles unschön. Aber eine andere Komponente von Tesla ist in diesem Zusammenhang bedeutender: Was ist, wenn China nicht gefällt, was Twitter macht? China ist nicht dafür bekannt, die Meinungsfreiheit zu fördern.

China ist aber ein wichtiger Abnehmer von Tesla-Autos und noch wichtigerer Lieferant von Akkus für E-Autos. Es ist China zuzutrauen zu sagen: Wenn Twitter nicht macht, was wir wollen, gibt’s keine Akkus mehr für Tesla. Was macht Elon Musk dann? Diese unmittelbaren Verwicklungen könnten sehr wohl eine Rolle spielen. Auch ein Elon Musk ist nicht völlig frei – und seine Bedürfnisse könnten darüber entscheiden, was auf einer Plattform wie Tesla geht und was nicht. Ein unhaltbarer Zustand.

Alternative Mastodon

Es gibt ja durchaus Alternativen zu Twitter. Eine heißt Mastodon.

Mastodon kann man im Web benutzen – oder als App. Im Prinzip wie Twitter. Und auf den ersten Blick sieht es auch aus wie bei Twitter. Tweets heißen „Tröts“ – ernsthaft. In Englisch „Toots“. Die Nachrichten können bis zu 500 Zeichen lang sein und auch Fotos oder Videos enthalten. Anmeldung und Nutzung sind kostenlos. Das Angebot ist werbefrei, es werden keinerlei Nutzerdaten erhoben und es steckt auch kein Konzern dahinter.

Die Software, mit der Mastodon betrieben wird, ist quelloffen. Es kann also jeder reinschauen und mitmachen. Entwickelt übrigens von einem Deutschen. Nun der große Unterschied zu Twitter: Mastodon funktioniert dezentral. Es gibt ganz viele sogenannte „Instanzen“, die von Privatleuten, Institutionen oder Unternehmen betrieben werden, zum Beispiel nrw.social, die Community in NRW. In jeder Community lassen sich eigene Regeln definieren – und trotzdem kann jeder mit jedem kommunizieren. Charmantes System.

Aber natürlich ist dort – noch – nicht so viel los wie auf Twitter. Twitter hat 211 regelmäßige Nutzer weltweit, Mastodon 4,4 Millionen. Das führt zwangsweise dazu, dass hier weniger los ist. Das ist ja immer so. Das Problem haben wir auch bei WhatsApp: Alle sind da – und nur wenige trauen sich weg. Das wird „Netzwerkeffekt“ genannt. Aber Mastodon ist wirklich ein beeindruckendes Konzept. Hier herrscht nicht ein Unternehmen und schon gar nicht eine Person, sondern die Allgemeinheit.

Elon Musk will Twitter kaufen

Europäisches Twitter

Es gibt ja immer wieder die Forderung: Lasst uns ein europäisches Twitter oder Netzwerk bauen, quasi eine EU-Plattform. Wäre das eine gute Idee?

Wenn eins klar sein muss: Erfolg lässt sich nicht verordnen. Nirgendwo haben die Menschen mehr die Wahl als im Internet. Entweder, man überzeugt mit Inhalten, Komfort, Esprit – oder man wird ignoriert. Ich kann mir kein À-la-Twitter vorstellen, das in europäischen Amtsstuben oder der Politik erdacht wurde und auch nur den Hauch von Erfolgschancen hätte. Es gäbe von Anfang an massives Misstrauen. Das würde leider sogar für eine öffentlich-rechtliche Plattform gelten, fürchte ich.

 

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