Daten sind ein riesiges Geschäft. Das wissen wir längst – und liefern trotzdem bedenkenlos Daten bei den großen Konzernen ab, die damit Unsummen verdienen. Ein schönes Beispiel dafür ist Amazon: Der Konzern vergoldet die ungefragt erhobenen Daten ab wie kaum ein zweiter.
Immer noch denken viele, Amazon sei ein Onlineshop. Ein gigantisch großer zwar, aber eben ein Onlineshop.
Unfug. Amazon ist einer der geschicktesten Informationshändler der Welt: Der Konzern sammelt im großen Stil Daten ein, wertet sie aus, nein: wringt sie aus, betreibt überaus erfolgreiches Power-Marketing – und weiß aufgrund der ungeheuren Datenmengen, die wir dem Konzern frei Haus überlassen, früher als irgendjemand sonst, wonach sich die Leute sehnen.
Amazon sammelt Daten bis zum Abwinken
Der Bezos-Konzern – mittlerweile unter Andy Jassy – hat seine Datenstrategie seit 2019 noch massiv ausgebaut. Was damals mit Amazon Samples begann, ist heute ein vollständiges Ökosystem der Datenausbeutung. Der Konzern sammelt nicht nur über den Onlineshop Informationen, sondern auch über Alexa-Geräte, die mittlerweile in über 100 Millionen Haushalten stehen, über Prime Video, Amazon Music, die Whole Foods-Kette, Ring-Türklingeln und sogar über die AWS-Cloud-Dienste.
Jede Suchanfrage, jeder Klick, jede Verweildauer wird akribisch protokolliert. Amazon weiß, wann ihr aufsteht (Alexa-Aktivität), was ihr esst (Whole Foods-Einkäufe), was ihr schaut (Prime Video), wen ihr an der Haustür erwartet (Ring-Kameras) und sogar, wie es um eure Gesundheit bestellt ist (Health-Services und Fitnesstracker-Integration).
Die Algorithmen sind heute so raffiniert, dass sie nicht nur vorhersagen können, was ihr kaufen werdet, sondern auch wann. Das Patent auf „Method and System for anticipatory package shipping“ wird längst aktiv genutzt. Waren werden in Verteilzentren vorsortiert und in Regionen verschoben, noch bevor die ersten Bestellungen eingehen.
KI macht Amazon zum Gedankenleser
Mit dem Aufkommen von generativer KI hat Amazon seine Datenauswertung auf ein neues Level gehoben. Große Sprachmodelle analysieren eure Bewertungen, Chat-Verläufe mit dem Kundenservice und sogar die Art, wie ihr durch die App scrollt. Diese „Digital Body Language“ verrät mehr über euch, als euch lieb sein kann.
Amazon weiß heute beispielsweise, ob ihr gerade eine Beziehung begonnen habt (plötzlich zwei Zahnbürsten bestellt), ob finanzielle Probleme drohen (Wechsel zu günstigeren Eigenmarken) oder ob sich Nachwuchs ankündigt (subtile Änderungen im Suchverhalten, noch bevor ihr selbst Gewissheit habt).
Diese Erkenntnisse fließen nicht nur in Kaufempfehlungen ein, sondern auch in Preisstrategien. Dynamic Pricing sorgt dafür, dass ihr genau den Preis zahlt, den Amazon euch zutraut – individuell berechnet für jeden Kunden.
Am Ende profitiert einer immer: Amazon
Nur so entstehen die so häufig verblüffend gut passenden Kaufempfehlungen. Nur deshalb kann Amazon heute mit seinen Eigenmarken (Amazon Basics, Alexa, Echo, Kindle) gezielt die erfolgreichsten Produkte anderer Hersteller kopieren und unterbieten. Der Marketplace wird systematisch ausgespäht, erfolgreiche Nischenprodukthersteller werden schlichtweg überrollt.
Das sollte Anlass genug sein, sich ernsthafte Sorgen zu machen. Denn Amazon sammelt die Daten nicht einfach nur, sondern nutzt sie. Schamlos. Zum eigenen Vorteil. Der Konzern kennt die Märkte besser als jeder andere. Marketplace sei Dank. Amazon produziert besonders erfolgreiche Waren einfach selbst. Profitmaximierung at its best.
Auch die Werbeindustrie wird ausgehebelt
Seit 2021 hat Amazon seine Werbeabteilung massiv ausgebaut und ist heute nach Google und Meta der drittgrößte Werbeanbieter weltweit. Der Vorteil: Amazon weiß nicht nur, worauf ihr klickt, sondern auch was ihr tatsächlich kauft. Diese „Closed Loop“-Daten sind für Werbetreibende Gold wert.
Gleichzeitig nutzt Amazon diese Informationen, um eigene Produkte zu bewerben und Konkurrenten auszustechen. Ein unfairer Vorteil, den traditionelle Händler nie ausgleichen können.
Die Politik reagiert – aber zu langsam
Immerhin: Die Politik hat das Problem erkannt. Der Digital Services Act der EU und der Digital Markets Act setzen den Tech-Giganten erstmals echte Grenzen. Amazon muss seine Datensammlung transparenter machen und darf gesammelte Informationen nicht mehr so uneingeschränkt für eigene Zwecke nutzen.
Doch die Umsetzung läuft schleppend, und Amazon findet kreative Wege, die Regulierung zu umgehen. Solange wir weiterhin bereitwillig unsere Daten preisgeben für ein bisschen Komfort beim Einkaufen, wird sich wenig ändern.
Die Politik ist weiterhin gefordert, diesem Treiben endlich konsequent Einhalt zu gebieten. Konzerne, die Daten sammeln, sollten zur vollständigen Transparenz verpflichtet werden. Nur das schützt uns vor weiterem Missbrauch und bewahrt seriöser operierende Unternehmen davor, unterzugehen oder selbst zu Datenkraken zu werden.
Zuletzt aktualisiert am 05.03.2026
