Ecosia: Suchmaschine mit digitalem Pranger

von | 12.02.2020 | Internet

Dürfen Suchmaschinen werten? Eine Frage, die man unterschiedlich beurteilen kann. Die Suchmaschine Ecosia hat eine Art modernen Pranger eingeführt: Bestimmte Unternehmen werden als Umweltsünder gekennzeichnet. Die Macher wollen die Welt damit sicher besser machen – aber ist das der richtige Weg?

Die Suchmaschine Ecosia ist mir sehr sympathisch. Denn wer über die Suchmaschine mit Sitz in Berlin sucht, der fahndet nicht nur datensparsam im Netz, sondern pflanzt – indirekt – auch Bäume.

Das Unternehmen steckt seine Gewinne aus Werbeanzeigen in Projekte für Wiederaufforstung. Laut Ecosia reichen im statistischen Mittel 45 Suchanfragen, um einen neuen Baum zu pflanzen. Ecosia betreibt dazu keine eigene Suchmaschine, sondern greift auf die Suchmaschine Microsoft Bing zurück.

Dank Ecosia sind mittlerweile über 200 Millionen Bäume weltweit gepflanzt worden. Sinnvoll, nachhaltig – und deutlich mehr als nur ein Zeichen. Danke dafür!

Ecosia kennzeichnet ausgewählte Klimasünder

Doch seit 2019 hat Ecosia eine Funktion, die ich bedenklich finde. Die größten Klimasünder bekommen in den Suchergebnissen ein Kohlekraftwerk-Symbol verpasst. Dazu wertet Ecosia die Daten aus unterschiedlichen Quellen aus. Die Folge: Wer mit der Maus darüber fährt, liest im Overlay-Text: „Suchergebnisse mit diesem Symbol zeigen dir Ergebnisse von Firmen, die mit fossilen Brennstoffen Geld verdienen und damit das Klima zerstören“.

In Deutschland sind das Unternehmen wie RWE, EnBW sowie große Zementhersteller wie Heidelberg Cement. Ja, auch die Zementherstellung verursacht extrem viel CO2 – etwa 8% der globalen Emissionen.

Ich finde: Eine solche Kennzeichnung ist ideologisch – und deshalb in meinen Augen problematisch. Natürlich denke auch ich zuerst: Gut so, die „Sünder“ kenntlich zu machen.

Aber wen markiert man? Warum RWE – und nicht diejenigen, die den Strom im großen Stil abnehmen und damit letztendlich (auch) verursachen? Auch Netflix, YouTube, Amazon Prime Video, Disney+ und TikTok hätten eine Kennzeichnung verdient, denn Streaming verursacht einen enormen CO2-Ausstoß. Tendenz: Weiterhin steigend.

Was kommt als nächstes?

Außerdem frage ich mich: Haben solche Kennzeichnungen nüchtern betrachtet überhaupt etwas in einer Suchmaschine verloren? Klar, Ecosia ist eine außergewöhnliche Suchmaschine, weil ihr der Umweltschutz besonders wichtig ist und den Dienst selbst CO2-neutral anbietet. Das verstehe ich – und deshalb kann es sich Ecosia eher erlauben als Google oder Bing.

Aber dennoch: Welches Zeichen setzen wir damit? Am Ende ist es eine Art Pranger. Sünder werden öffentlich angeprangert. In einer Suchmaschine, die man schließlich nicht in erster Linie dazu nutzt, um Umweltthemen zu recherchieren.

Die Problematik wird durch aktuelle Entwicklungen noch verschärft. KI-basierte Suchmaschinen wie ChatGPT Search, Perplexity oder Google’s Search Generative Experience könnten solche Bewertungen noch subtiler einbauen. Stellt euch vor, ChatGPT würde bei jeder Antwort über bestimmte Unternehmen automatisch eine Klimawarnung einblenden. Oder wenn Perplexity Quellenangaben mit kleinen „Umweltsünder“-Icons versehen würde.

Der rutschige Hang der algorithmischen Moral

Erst die größten CO2-Verschmutzer. Dann alle Diesel-Fahrzeuge. Alle Filme, in denen Diesel-Fahrzeuge vorkommen. Dann alle Automodelle, die im Schnitt mehr als sechs oder acht Liter verbrauchen – am Ende beliebig.

Oder es wird ein Plugin entwickelt, das CO2-„Sünder“ in Sozialen Medien identifiziert und markiert. Achtung: Dieser User fährt Diesel und hat schon mal eine Kreuzfahrt gemacht. Mit den heutigen Tracking-Möglichkeiten und KI-Analysewerkzeugen wäre das technisch durchaus machbar.

Die Gefahr: Wenn Suchmaschinen anfangen zu werten, wo hört das auf? Sollen als nächstes auch soziale Netzwerke, Browser oder sogar Betriebssysteme Unternehmen nach verschiedenen Kriterien kennzeichnen? „Links“, „rechts“, zu alt, zu jung, bestimmte Branchen, Herkunftsländer? Am Ende ist es ja immer eine Frage der Perspektive, was verurteilt werden soll – und was kennzeichnungswürdig ist.

Transparenz vs. Ideologie

Dabei bin ich keineswegs gegen Transparenz. Im Gegenteil: Mehr Informationen über Unternehmen und ihre Umweltauswirkungen sind wichtig. Aber diese Informationen gehören meiner Meinung nach in spezialisierte Plattformen, Nachhaltigkeitsratings oder dedizierte Umwelt-Apps – nicht in die allgemeine Websuche.

Es gibt mittlerweile zahlreiche seriöse Plattformen, die Unternehmen nach ESG-Kriterien bewerten: Von Bloomberg ESG Data über MSCI ESG Research bis hin zu spezialisierten deutschen Anbietern. Diese arbeiten mit standardisierten Methoden und transparenten Kriterien.

Genau darin sehe ich das Problem bei Ecosias Ansatz: Es öffnet Tür und Tor für eine Beliebigkeit. Der Zweck heiligt nicht die Mittel. Auch wenn das Ziel – mehr Klimaschutz – absolut unterstützenswert ist.

Alternative Wege

Stattdessen könnte Ecosia andere Wege gehen: Warum nicht bei Suchanfragen zu Umweltthemen besonders nachhaltige Alternativen prominent anzeigen? Oder bei der Suche nach Produkten automatisch nachhaltige Alternativen vorschlagen?

So würde Ecosia seiner Überzeugung treu bleiben, ohne in die Falle des digitalen Prangers zu tappen. Denn am Ende müssen wir uns fragen: In was für einer digitalen Gesellschaft wollen wir leben? In einer, in der Algorithmen permanent bewerten, einordnen und stigmatisieren?

Ich finde: Informieren ja, bewerten nein. Ecosia bleibt trotz dieser Kritik eine wichtige und unterstützenswerte Suchmaschine – aber diese eine Funktion sollte überdacht werden.

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Zuletzt aktualisiert am 02.03.2026