Deutschlands Internet-Trauerspiel: 10 MBit/s als „ausreichend“

von | 26.12.2021 | Digital

Die Bundesnetzagentur hatte 2021 festgelegt, welche Bandbreite deutsche User mindestens bekommen sollen. Die damaligen Vorgaben waren schon ein Witz – heute zeigt sich: Deutschland versagt weiterhin bei der Digitalisierung und hinkt beim Breitbandausbau hoffnungslos hinterher.

Noch die große Koalition hatte ein „Recht auf schnelles Internet“ beschlossen. Denn wie allgemein bekannt, ist Deutschland beim Breitbandausbau und beim Mobilfunk nicht Weltspitze, sondern Bummelletzter.

Da war ein politisches Versprechen wie ein „Recht auf schnelles Internet“ zwar ohnehin schon fast lustig. Doch wie die Bundesnetzagentur dieses Recht 2021 interpretierte – und wie wenig sich seither getan hat – macht einen nur noch fassungslos.

Hohes Datentempo: Nur für Städter oder im Ausland

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10 MBit/Sekunde – ein Trauerspiel von gestern

Die Bundesnetzagentur definierte damals als „ausreichende“ Internetverbindung: 10 MBit/Sekunde im Download, 1,3 MBit/Sekunde im Upload und eine Latenz von maximal 150 Millisekunden. Diese Werte sollten angeblich den „Zugang zu allen relevanten Online-Diensten gewährleisten“.

Heute, Anfang 2026, wirken diese Zahlen wie ein schlechter Scherz. Ein einziges 4K-Netflix-Video braucht mindestens 25 MBit/s. Ein Teams-Call in HD benötigt bereits 4 MBit/s – und das nur für eine Person. Homeoffice mit mehreren Personen? Cloud-Gaming? KI-Anwendungen? Unmöglich mit solchen Steinzeit-Bandbreiten.

Die EU-Kommission empfiehlt längst mindestens 100 MBit/s für Haushalte und 1 GBit/s für Unternehmen. Deutschland klammert sich an 10 MBit/s – das entspricht dem Niveau von 2010.

Während wir träumen, überholt uns die Welt

Südkorea bietet flächendeckend Gigabit-Internet für unter 20 Euro monatlich. Estland hat schnelleres Internet als wir – bei einem Bruchteil unserer Wirtschaftskraft. Selbst Rumänien und die Slowakei stehen im EU-Vergleich besser da als Deutschland.

Die Bundesnetzagentur argumentierte 2021, höhere Ziele würden den Glasfaser-Ausbau bremsen. Ein klassischer deutscher Denkfehler: Statt ambitionierte Ziele zu setzen und dann daran zu arbeiten, definiert man die Ziele so niedrig, dass sie das eigene Versagen kaschieren.

Inzwischen haben wir 2026 und die Realität holt uns ein: Ohne leistungsstarkes Internet funktioniert praktisch nichts mehr. KI-Anwendungen wie ChatGPT, Claude oder die neuen Microsoft Copilot-Features brauchen stabile, schnelle Verbindungen. Augmented Reality, Virtual Reality, Cloud-Computing – alles Zukunftstechnologien, die an deutschen Internetleitungen scheitern.

Glasfaserausbau in Deutschland wurde nicht verschlafen, sondern verhindert

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Deutschland wird digital abgehängt

Die Folgen sind dramatisch: Deutsche Startups wandern ab, weil die Infrastruktur fehlt. Internationale Konzerne meiden Deutschland als Standort für digitale Services. Homeoffice funktioniert schlecht, Videokonferenzen ruckeln, Cloud-Anwendungen laden ewig.

Während andere Länder auf 5G und 6G setzen, kämpfen deutsche Haushalte noch mit VDSL. Die Telekom verspricht seit Jahren flächendeckendes Glasfaser – passiert ist wenig. Alternative Anbieter scheitern an bürokratischen Hürden und dem Widerstand etablierter Provider.

Die Politik? Versteckt sich hinter den lächerlichen 10-MBit-Zielen der Bundesnetzagentur. Hauptsache, man kann sagen: „Ziel erreicht!“ – auch wenn das Ziel völlig unzureichend war.

Was andere Länder richtig machen

Estland investierte früh in digitale Infrastruktur und ist heute EU-weit führend. Südkorea subventionierte massiv den Glasfaser-Ausbau – mit Erfolg. Selbst die USA, traditionell schwach bei der Breitband-Infrastruktur, investieren Milliarden in den Ausbau.

Deutschland diskutiert noch, ob 10 MBit/s ausreichen. Das ist so, als würde man 2026 noch über die Einführung von Farbfernsehen debattieren.

Was jetzt passieren muss

Die Bundesnetzagentur muss ihre Mindestanforderungen drastisch erhöhen: mindestens 100 MBit/s Download, 50 MBit/s Upload, Latenz unter 50 Millisekunden. Alles andere ist 2026 nicht mehr zeitgemäß.

Der Staat muss den Glasfaser-Ausbau vorantreiben – notfalls in Eigenregie. Private Anbieter hatten jahrzehntelang Zeit und haben versagt. Jetzt muss die öffentliche Hand ran.

Und die Politik muss endlich ehrlich sein: Deutschland ist bei der Digitalisierung gescheitert. Nur wenn wir das anerkennen, können wir gegensteuern.

Phoenix: Wie digital ist Deutschland tatsächlich?

Zuletzt aktualisiert am 23.02.2026