Ich führe immer wieder Diskussionen über die Bedeutung von Datenschutz – und wie weit der gehen sollte. Datenschutz ist wichtig, keine Frage – nur manchmal wird für meinen Geschmack über das Ziel hinaus geschossen.
Datenschutz ist ein hohes Gut – und teilweise sogar ein Standortvorteil in Deutschland. Doch manchmal, das muss man sagen, gibt es Datenschutz des Datenschutzes willen.
Ich will das nicht pauschalieren, doch wenn jemand die Aufgabe hat, Datenschutz durchzusetzen, dann will der ein oder andere Datenschutz total – und stellt dieses Gut über alles. Dabei wäre eigentlich immer die Frage zu stellen: Welche Vorteile liegen vor, wenn Daten benutzt werden dürfen und welcher Schaden entsteht eigentlich tatsächlich?
Viele Datenschützer und auch Netzaktivisten argumentieren oft mit einem möglichen Szenario, dem Worst Case. Wir haben in Deutschland in diesem Punkt eine sehr agile Zivilgesellschaft. Der Chaos Computer Club, FragDenStaat, netzpolitik.org und viele andere kümmern sich darum, dass die Rechte der Menschen geschützt sind. Für meinen Geschmack manchmal mit allen Mitteln.
Beispiele für möglicherweise unnötig strengen Datenschutz
Ich würde mir oft mehr Rechte für die Polizei wünschen, etwa zur Auswertung von IP-Adressen, um Tätern auf die Schliche zu kommen. Dazu müssten IP-Adressen manchmal länger gespeichert werden – diese Daten, die anfallen, wenn jemand mit einem Gerät ins Internet geht.
In sehr begrenzten Fällen nur, etwa bei der Verbreitung von Material mit sexualisierter Gewalt an Kindern. Da sind wir allzu oft auf Hinweise aus den USA angewiesen, weil wir solche Daten nur kurz oder gar nicht speichern. Während andere EU-Länder bereits flexiblere Ansätze zur gezielten Datenspeicherung bei schweren Straftaten entwickelt haben, blockiert Deutschland oft auch sinnvolle Kompromisse.
Keine Frage: Manchmal haben Politiker allerdings – aus Unkenntnis – auch regelrecht Überwachungsphantasien. Dazu gehört die totale Vorratsdatenspeicherung, also das Speichern zahlreicher Kommunikationsdaten, anlasslos von jedem und immer. Das ist natürlich gefährlich und wird zu Recht abgelehnt.
Aber eben auch von unseren Gerichten. Wir haben sehr wache Gerichte in Deutschland, wir haben BGH und vor allem Verfassungsgerichte, die Gesetze einkassieren, wenn sie gegen die Grundrechte verstoßen. Es fehlt manchmal auch an Vertrauen in unsere Institutionen.

Die DSGVO ist ein Regelmonster, das die Großen kaum trifft
KI und Medizin: Wenn Datenschutz Innovation bremst
Ein besonders krasses Beispiel aus der Medizin: Deutsche Kliniken setzen zunehmend auf KI-gestützte Diagnostik und Behandlung. Radiologie-KI kann mittlerweile Krebs früher erkennen als erfahrene Ärzte. Doch deutscher Datenschutz verhindert oft, dass verschiedene Kliniken ihre anonymisierten Behandlungsdaten teilen – obwohl genau das die KI-Systeme deutlich verbessern würde.
Während andere Länder bereits nationale Gesundheitsdaten-Infrastrukturen aufbauen, um KI-Forschung zu beschleunigen, kämpfen deutsche Forscher mit kleinsten Datensätzen. Das kostet am Ende Menschenleben, weil bessere Behandlungen später verfügbar sind.
Ähnlich läuft es bei der Pandemie-Vorsorge: Während Länder wie Dänemark oder Estland ihre digitalen Gesundheitssysteme für bessere Früherkennung nutzen, blockieren hierzulande Datenschutzbedenken selbst anonymisierte Analysen von Krankheitsverläufen.
Das neue Digital Services Act Dilemma
Mit dem Digital Services Act der EU sollte eigentlich alles besser werden. Doch auch hier zeigt sich: Deutsche Behörden interpretieren die Regeln oft strenger als nötig. Während andere EU-Länder pragmatische Lösungen finden, um Innovation und Datenschutz zu vereinbaren, bremst deutsche Überregulierung oft sinnvolle digitale Projekte aus.
Besonders absurd wird es bei Start-ups: Sie müssen dieselben bürokratischen Hürden nehmen wie Meta oder Google – können sich aber keine Anwaltsteams leisten. Das Ergebnis: Deutsche Start-ups wandern ab, die großen Tech-Konzerne machen weiter wie bisher.
Wie blicken die Menschen auf Datenschutz
Prinzipiell ist den Menschen Datenschutz schon wichtig, aber es kommt auch darauf an. Die Corona-Warn-App war ein Paradebeispiel: Trotz datenschutzfreundlicher Technologie und klarem Nutzen gab es lautstark Bedenken – während gleichzeitig Millionen Deutsche bedenkenlos TikTok, Instagram und WhatsApp nutzen.
Und es gibt viele ähnliche Fälle. Viel zu selten wird gefragt: Wofür sind die Daten nötig? Wenn der Staat oder eine öffentliche Behörde sie möchte, gibt es einen Aufschrei. Gleichzeitig ist das Maß an Bedenkenlosigkeit bei chinesischen und amerikanischen Plattformen nahezu grenzenlos.
Die meisten Menschen wissen zwar, was die Tech-Konzerne alles mit den Daten anstellen. Und es entstehen wirklich gläserne Profile. Aber das ist den Menschen egal. Ein Effekt, der „Data Privacy Paradox“ genannt wird – „Datenschutzparadox„.
Besonders paradox wird es bei neuen Technologien: ChatGPT, Claude und andere KI-Tools sammeln massenhaft Daten und trainieren damit ihre Modelle – trotzdem nutzen sie Millionen Deutsche täglich, oft für sensible Themen.
Selbst für Datenschutz sorgen: Was 2026 wirklich hilft
Wer persönlich für sich beschließt: Datenschutz ist mir wichtig – was kann man dann eigentlich machen?
Die Antwort ist: Datensparsamkeit und die richtigen Tools. Das wird einem heute immer schwerer gemacht, aber es geht. Also keine Daten für Preisausschreiben online. Generell Eingabeformulare hinterfragen. Prinzipiell müsste man auf Facebook, TikTok, Instagram – und sogar Google verzichten.
Für die Praxis heißt das: Alternative Suchmaschinen wie DuckDuckGo oder Startpage nutzen. Signal statt WhatsApp. Proton Mail statt Gmail. Firefox mit aktiviertem Tracking-Schutz statt Chrome.
Wer noch einen Schritt weiter gehen möchte, besorgt sich ein „Virtual Private Network“ (VPN). Moderne VPN-Dienste wie Mullvad oder ProtonVPN verschlüsseln nicht nur die Verbindung, sondern maskieren auch die IP-Adresse. Das bedeutet deutlich weniger Tracking durch Werbenetze.
Neu sind Browser-Extensions wie uBlock Origin oder Privacy Badger, die Tracker blockieren. Und für Smartphones gibt es mittlerweile Apps wie NetGuard (Android) oder Focus (iOS), die unerwünschte Datenverbindungen unterbinden.
Das bedeutet keine 100-prozentige Anonymität, aber deutlich weniger Daten für Konzerne und Geheimdienste. Und es zeigt: Datenschutz geht auch pragmatisch – wenn man will.
Zuletzt aktualisiert am 17.02.2026