Lange wurde darüber spekuliert, jetzt ist es Realität: OpenAI hat am Dienstag bekannt gegeben, dass in ChatGPT künftig Werbung geschaltet wird. Zunächst nur in den USA, zunächst nur als Test – doch wer die Geschichte des Silicon Valley kennt, weiß: Das ist erst der Anfang. Was als vorsichtiger Versuch daherkommt, dürfte sich schon bald zur Standardpraxis entwickeln. Und das hat weitreichende Folgen für uns alle.
Die große Kehrtwende
Noch vor wenigen Monaten hatte sich OpenAI-Chef Sam Altman vehement gegen Werbung in KI-Bots ausgesprochen. Jetzt macht sein Unternehmen genau das, was er lange abgelehnt hat. Die Begründung klingt nachvollziehbar: Die Kosten für Infrastruktur, Rechenzentren und Chips sind enorm. Im KI-Rennen mit Google, Meta und anderen Giganten braucht OpenAI schlicht mehr Geld. Und Werbung ist nunmal eine sprudelnde Einnahmequelle.
Interessant ist dabei die Preisgestaltung: Pro tausend Kundenkontakten verlangt OpenAI 60 Dollar – dreimal so viel wie Meta für Online-Werbung. Werbekunden müssen sich zudem verpflichten, Werbeplätze im Wert von mindestens 200.000 Dollar zu buchen. Das zeigt: OpenAI richtet sich an große Unternehmen, die bereit sind, einen ordentlichen Aufpreis dafür zu bezahlen, von Anfang an dabei zu sein.
Was OpenAI verspricht – und was dahintersteckt
Die Versprechen klingen erst mal beruhigend: Die Anzeigen sollen die Antworten von ChatGPT nicht beeinflussen, Werbekunden bekommen keinen Zugriff auf Chats oder persönliche Daten, und die Anzeigen werden visuell von den Antworten getrennt. Nur eingeloggte Erwachsene mit dem kostenlosen oder dem günstigeren Go-Tarif (in Deutschland 8 Euro pro Monat) sollen Werbung sehen. Wer mehr zahlt, bleibt verschont.
Spannend wird es bei der Opt-out-Option: Nutzer können sich von der Werbung befreien lassen – allerdings wird dann die Anzahl der täglich kostenlosen Chats reduziert. Ein klassischer Zug, um mehr zahlende Kunden zu gewinnen. Wer keine Werbung will, soll eben upgraden.
Die Gefahren: Wenn KI zur Verkaufsplattform wird
Doch bei aller Vorsicht: Die Risiken sind real und nicht zu unterschätzen. Viele Menschen vertrauen ihren Chatbots heute schon sehr persönliche Informationen an. Sie nutzen ChatGPT als eine Art Therapeuten, als medizinischen Berater oder als Coach für schwierige Lebenssituationen. Wie gut werden diese sensiblen Daten geschützt, wenn sie plötzlich ins Ausspielen von Werbung einfließen könnten?
Der Medienwissenschaftler Björn Staschen bringt es auf den Punkt: Werbung in ChatGPT wird nicht die besten Angebote anzeigen, sondern die wirtschaftlich attraktivsten für OpenAI. Und weil viele Menschen KI als „denkendes Wesen“ wahrnehmen, das „unser Bestes im Sinn“ hat, besteht die Gefahr, dass wir keine freien Konsumentscheidungen mehr treffen. Stattdessen werden wir mit unseren Daten zum Produkt.
Die Forschung warnt deutlich
Eine Studie der University of Michigan hat genau diese Risiken untersucht. Forschende bauten einen eigenen KI-Bot, der Werbeanzeigen an seine Antworten anfügt. Das Experiment mit 179 Teilnehmenden zeigte: Die Testpersonen hatten große Schwierigkeiten, die Werbung als solche zu erkennen.
Noch problematischer: Sobald die Probanden erkannten, dass es sich um Werbung handelt, vertrauten sie den Antworten deutlich weniger. Sie hielten sie für „irreführend, manipulativ und ausbeutend“. Das ist das Dilemma, vor dem OpenAI steht: Um profitabel zu werden, braucht das Unternehmen die massenhafte Nutzung. Wenn aber das Vertrauen in die Antworten schwindet, könnte genau das gefährdet sein.

Das Silicon-Valley-Muster: Vom kostenlosen Service zur Werbeflut
Der Blogger Cory Doctorow hat für solche Entwicklungen den Begriff „Enshittification“ geprägt – zu Deutsch etwa „Verschlimmbesserung“ oder „Verelendung“. Der Prozess läuft fast immer gleich ab: Zunächst werden Nutzer mit hochwertigen kostenlosen Angeboten angelockt, finanziert durch Risikokapital. Dann wird die gewachsene Nutzerbasis verwendet, um Werbekunden zu locken. Parallel werden Bezahlangebote eingeführt. Am Ende wird versucht, das Maximum an Gewinn herauszuholen – oft auf Kosten der Produktqualität.
Google ist ein Paradebeispiel: Anfangs wurden Anzeigen auf der Ergebnisseite optisch deutlich von den Suchergebnissen getrennt – durch dicke blaue Schrift oder gelb unterlegte Boxen. Heute sind Anzeigen optisch nicht mehr von den eigentlichen Suchergebnissen zu unterscheiden und werden nur noch durch den Hinweis „Gesponsertes Ergebnis“ kenntlich gemacht.
Was die Konkurrenz macht
Demis Hassabis, CEO bei Googles KI-Ableger Deepmind, hatte kürzlich gesagt, dass man „keine Pläne“ habe, Werbung in Googles KI-Bot Gemini einzubauen. Dauerhaft ausgeschlossen hat er das aber nicht. Google könnte einfach abwarten, wie sich das Werbegeschäft bei ChatGPT entwickelt – und dann aufspringen.
Anthropic, der Anbieter von Claude und direkter OpenAI-Konkurrent, steht besonders unter Druck. Das Unternehmen hatte zum Super Bowl Werbevideos veröffentlicht, in denen es sich lautstark über OpenAIs Werbepläne lustig machte. Ein Einstieg ins Werbegeschäft wäre für Anthropic nun mit einem enormen Gesichtsverlust verbunden.
Die wichtigsten Fragen bleiben offen
Wann die Werbung nach Deutschland kommt, ist noch unklar. OpenAI hat eine entsprechende Anfrage des SPIEGEL zunächst unbeantwortet gelassen. In der Vergangenheit hat das Unternehmen neue Funktionen meist erst in den USA ausgerollt und dann mit Verzögerung von Wochen oder Monaten hierzulande eingeführt.
Was wir aber jetzt schon wissen: Die Einführung von Werbung in ChatGPT ist ein Wendepunkt. Es geht nicht mehr nur darum, die beste KI zu entwickeln, sondern auch darum, mit dieser KI möglichst viel Geld zu verdienen. Die Frage ist: Wird das Vertrauen der Nutzer dabei auf der Strecke bleiben? Und werden die Antworten schlechter, wenn wirtschaftliche Interessen eine größere Rolle spielen?
Die nächsten Monate werden zeigen, ob OpenAI seinen Versprechungen treu bleibt – oder ob ChatGPT den gleichen Weg geht wie so viele andere einst vielversprechende Dienste aus dem Silicon Valley.