25 Jahre Wikipedia auf Deutsch: Das stille Rückgrat des Internets

von | 17.03.2026 | Internet

Am 16. März 2001 – also gestern vor genau 25 Jahren – ging die deutschsprachige Wikipedia online. Nur zwei Monate nach dem englischen Original. Was damals wie ein verrücktes Experiment wirkte, ist heute eine der wichtigsten Wissensquellen der Welt.

Über 3,1 Millionen Artikel allein auf Deutsch, mehr als 65 Millionen weltweit in über 300 Sprachen. Geschrieben von Freiwilligen. Ohne Werbung. Ohne Abo. Ohne Algorithmus, der entscheidet, was du zu sehen bekommst.

Das ist im Jahr 2026 so ungewöhnlich, dass man kurz innehalten sollte.

Vom belächelten Wiki zur digitalen Grundversorgung

Die Anfänge waren holprig. Jimmy Wales und Larry Sanger wollten eigentlich eine professionelle Online-Enzyklopädie namens Nupedia aufbauen – mit Experten, Peer-Review, dem ganzen akademischen Programm. Wikipedia sollte nur ein Nebenprojekt sein, ein Mitmach-Spielplatz. Es kam anders: Nupedia wurde 2003 eingestellt, Wikipedia wurde zu einer der meistbesuchten Websites der Welt.

Die deutschsprachige Version wuchs schnell zur drittgrößten Wikipedia-Ausgabe heran. Heute arbeiten rund 8.000 Freiwillige regelmäßig an den deutschen Artikeln, etwa 1.000 davon sehr aktiv. Alle vier Minuten entsteht ein neuer deutschsprachiger Artikel. Gedruckt würde der gesamte Textbestand mehr als 1.750 Bücher mit je 500 Seiten füllen.

Hinter diesen Zahlen stecken Menschen, die abends nach der Arbeit Artikel über Bahnhöfe in Venetien pflegen, Fossilien in Innsbruck fotografieren oder Diskussionen über die korrekte Darstellung historischer Ereignisse führen. Unbezahlt, oft unbeachtet – und trotzdem unverzichtbar.

Wikipedia-Hauptseite mit verschiedenen Sprachen
300 Sprachen und 64 Mio. Artikel

Dann kam die KI

Und jetzt wird es spannend. Denn seit ChatGPT, Claude und Co. auf der Bildfläche sind, stellt sich eine unbequeme Frage: Brauchen wir Wikipedia überhaupt noch?

Die kurze Antwort: Ja. Mehr denn je.

Die längere Antwort erfordert einen Blick hinter die Kulissen. Denn praktisch alle großen KI-Sprachmodelle wurden unter anderem mit Wikipedia-Inhalten trainiert. Wikipedia ist, wenn man so will, die Grundschule der Künstlichen Intelligenz. Die KI hat dort lesen gelernt – und nutzt dieses Wissen jetzt, um euch Antworten zu liefern.

Das Problem dabei: Wenn immer mehr Menschen statt Wikipedia direkt einen KI-Chatbot fragen, sinkt die Motivation, Wikipedia zu pflegen und aktuell zu halten. Weniger Autoren bedeuten weniger aktuelle und weniger geprüfte Inhalte. Und weniger geprüfte Inhalte in Wikipedia bedeuten langfristig auch schlechtere KI-Antworten. Ein Teufelskreis.

Die Wikimedia Foundation weist stolz darauf hin, dass Wikipedia die KI mit Wissen füttert. Gleichzeitig ärgern sich viele Freiwillige darüber, dass Tech-Konzerne Milliarden mit KI-Produkten verdienen, die auf ihrer unbezahlten Arbeit basieren. Wikimedia bietet inzwischen mit „Wikimedia Enterprise“ einen kostenpflichtigen Zugang für Unternehmen an – aber bislang ist vor allem Google als zahlender Kunde bekannt.

Seit 25 Jahren gibt es Wikipedia; jetzt droht Konkurrenz durch Grokipedia von Elon Musk

Der entscheidende Unterschied

Wer Wikipedia und einen KI-Chatbot vergleicht, sollte einen fundamentalen Unterschied kennen: Transparenz.

Bei Wikipedia kann ich jede einzelne Aussage nachprüfen. Da stehen Quellenangaben, Fußnoten, Diskussionsseiten. Ich kann nachvollziehen, wer was wann geschrieben hat, welche Quellen zugrunde liegen und worüber gestritten wurde. Das ist manchmal mühsam, aber es ist ehrlich.

Ein KI-Chatbot liefert mir eine fertige Antwort – oft erstaunlich gut formuliert. Aber ich weiß nicht immer, woher die Information stammt. Und manchmal erfindet die KI schlicht Dinge dazu, die plausibel klingen, aber falsch sind. In der KI-Welt nennt man das „Halluzinationen“. Bei Wikipedia nennt man das einen Löschgrund.

Wikipedia setzt auf Transparenz. KI setzt auf Bequemlichkeit. Beides hat seinen Platz – aber nur eines davon lässt sich überprüfen.

Warum Wikipedia gerade jetzt wichtig ist

In einer Welt, in der KI-generierte Texte das Netz fluten, in der Deepfakes täuschend echt wirken und Desinformation zum politischen Werkzeug geworden ist, brauchen wir Orte, an denen Menschen gemeinsam Wissen prüfen und frei zugänglich machen. Wikipedia ist der letzte große nicht-kommerzielle Wissensspeicher im Netz. Kein Algorithmus entscheidet, was nach oben gespült wird. Keine Firma verdient an euren Klicks.

Das ist kein Selbstläufer. Wikipedia hat Probleme: Die Community ist nach wie vor überwiegend männlich, das Regelwerk kann abschreckend wirken, und laut einer Untersuchung der F.A.S. enthalten mindestens 20 Prozent der Seiten veraltete Informationen. Elon Musk hat mit „Grokipedia“ sogar eine eigene Alternative gestartet – die allerdings von Wikimedia als voreingenommen kritisiert wird.

Was ihr tun könnt

Wikipedia lebt von Menschen, die mitmachen. Das muss nicht gleich ein ganzer Artikel sein. Einen Tippfehler korrigieren, eine Quelle ergänzen, eine veraltete Jahreszahl aktualisieren – alles zählt. Und ja, auch spenden hilft. Wikipedia ist eine der wenigen Websites, die euch kein Tracking, keine Werbung und kein Abo aufdrückt. Das hat seinen Preis – und den zahlen bisher vor allem die Freiwilligen mit ihrer Zeit.

25 Jahre deutschsprachige Wikipedia. Das ist kein Grund für Nostalgie, sondern für eine einfache Frage: Wollen wir, dass es so etwas weiterhin gibt? Dann müssen wir etwas dafür tun. Nicht irgendwann. Jetzt.