Eine App mit dem charmanten Namen „Are You Dead?“ stürmt gerade die iPhone-Charts. Klingt makaber? Ist es auch. Aber dahinter steckt ein ernstes Thema, das uns alle angeht.
Stell dir vor, du wachst morgens auf, greifst zum Handy – und als Erstes fragt dich eine App: „Hey, lebst du noch?“ Kein Witz. Genau das macht „Are You Dead?“, eine iPhone-App aus China, die gerade viral geht. In China ist sie bereits die meistverkaufte kostenpflichtige App im App Store, in den USA hat sie es unter die Top 10 geschafft.
Das Prinzip ist so simpel wie genial: Du lädst die App herunter, hinterlegst einen Notfallkontakt und drückst dann jeden Tag auf einen grünen Button mit einem niedlichen Cartoon-Geist. Drückst du zwei Tage nicht, schickt die App am dritten Tag automatisch eine E-Mail an deinen Kontakt. Frei nach dem Motto: „Hallo, ich hab da jemanden, der sich nicht mehr meldet. Vielleicht mal nachschauen?“

Von wegen morbider Humor
Der Name ist tatsächlich ein Wortspiel. Im Chinesischen heißt die App „Si-le-ma“, was an „E-le-ma“ angelehnt ist – eine beliebte Essenslieferungs-App, die übersetzt „Hast du Hunger?“ bedeutet. Aus „Bist du hungrig?“ wurde also „Bist du tot?“. Schwarzer Humor auf Chinesisch.
Entwickelt wurde das Ganze von drei jungen Gründern, alle nach 1995 geboren. Die Entwicklungskosten? Umgerechnet schlappe 140 Euro. Dafür muss man die App heute für knapp einen Euro kaufen. Ein ziemlich guter Return on Investment, würde ich sagen.
Aber mal im Ernst: Hinter dem provokanten Namen verbirgt sich ein echtes gesellschaftliches Problem. China erlebt gerade einen massiven Wandel. Die Ein-Kind-Politik der vergangenen Jahrzehnte zeigt ihre Spätfolgen, die Gesellschaft altert rapide, und immer mehr Menschen leben allein. Bis 2030 könnten 200 Millionen Chinesen in Single-Haushalten leben – das wären über 30 Prozent der Bevölkerung.
Deutschland ist keine Insel
Bevor wir jetzt mit dem Finger auf China zeigen: In Deutschland sieht es nicht viel besser aus. Über 17 Millionen Menschen leben hierzulande allein. Das ist mehr als jeder Fünfte. Bei den über 85-Jährigen ist es sogar mehr als jeder Zweite. Und die Zahlen steigen seit Jahren.
Das Statistische Bundesamt liefert noch eine weitere, unbequeme Zahl: Rund 12 Millionen Menschen in Deutschland fühlen sich häufig einsam. Besonders betroffen sind ausgerechnet junge Erwachsene zwischen 18 und 29 Jahren – jeder Vierte in dieser Altersgruppe gibt an, sich oft einsam zu fühlen. Die Corona-Pandemie hat diesen Trend noch verstärkt, und er ist seitdem nicht wieder auf das Vor-Pandemie-Niveau gesunken.

Die dunkle Seite des Alleinlebens
Es klingt nach Freiheit: Niemand, der einem reinredet, die Zahnpastatube falsch ausdrückt oder die Fernbedienung versteckt. Aber die Kehrseite ist weniger glamourös. Was, wenn man nachts stürzt? Wenn man einen Herzinfarkt hat? Wenn man einfach nicht mehr aufsteht – und niemand es merkt?
In Japan gibt es dafür sogar einen Begriff: „Kodokushi“ – der einsame Tod. Menschen, die in ihren Wohnungen sterben und erst Wochen oder Monate später gefunden werden. Es ist ein Tabuthema, aber eines, das mit der steigenden Zahl von Alleinlebenden immer relevanter wird.
Auch die wirtschaftlichen Folgen sind messbar: Alleinlebende in Deutschland sind fast doppelt so häufig von Armut bedroht wie der Durchschnitt der Bevölkerung. Die Armutsgefährdungsquote liegt bei über 27 Prozent. Wer allein lebt, hat oft auch weniger finanzielle Puffer für Notfälle – ein Teufelskreis.
Digitale Lösung für ein analoges Problem?
„Are You Dead?“ ist natürlich nur ein Pflaster auf einer viel größeren Wunde. Eine App kann keine echten Beziehungen ersetzen, keine Nachbarn, die mal klingeln, keine Freunde, die sich melden. Aber sie kann ein Sicherheitsnetz sein. Ein digitaler Wecker, der sagt: Falls mir was passiert, merkt es wenigstens jemand.
Die Entwickler betonen übrigens, dass die App auf Datenschutz achtet. Keine Standortdaten, verschlüsselte Speicherung, kein Login erforderlich. Man gibt nur eine E-Mail-Adresse an – die des Notfallkontakts.
Inzwischen planen die Macher auch Erweiterungen: SMS-Benachrichtigungen und eine Version speziell für ältere Nutzer. Außerdem denken sie über einen Namenswechsel nach. In westlichen Märkten heißt die App bereits „Demumu“ – deutlich weniger provokant, aber auch weniger einprägsam.
Alternativen gibt es auch
Für alle, die jetzt neugierig geworden sind: Die App gibt es aktuell nur für iPhones. Android-Nutzer schauen in die Röhre. Es gibt aber Alternativen wie „Snug Safety“ oder für iOS „Are You Still Alive?“, die ähnlich funktionieren.
Apple selbst bietet übrigens auch eine Check-in-Funktion, die allerdings nicht täglich automatisch erinnert. Und natürlich gibt es die klassische Variante: Einfach mal bei den Eltern anrufen. Bei den Nachbarn klingeln. Den Freund fragen, wie es ihm geht.
Manchmal braucht es eben keinen gruseligen Geister-Button, sondern nur ein bisschen echte Aufmerksamkeit.
Ein Symptom, keine Lösung
Am Ende ist „Are You Dead?“ vor allem eines: ein Spiegel. Die App zeigt uns, wie weit wir es gesellschaftlich gebracht haben, dass wir eine Software brauchen, um zu merken, wenn jemand nicht mehr da ist. Dass Einsamkeit kein Luxusproblem ist, sondern eine Volkskrankheit. Dass der Fortschritt uns zwar Lieferdienste bis an die Haustür bringt, aber nicht unbedingt Menschen, die klingeln und fragen: „Alles okay bei dir?“
Die Bundesregierung hat das Problem übrigens auch erkannt und 2023 eine „Strategie gegen Einsamkeit“ verabschiedet. Ob Strategiepapiere allerdings wirksamer sind als eine App mit Geister-Button, wage ich zu bezweifeln.
Die App „Are You Dead?“ (international: Demumu) kostet 0,99 Euro im Apple App Store. Sie fragt täglich, ob man noch lebt – und informiert einen Notfallkontakt, wenn man zwei Tage nicht antwortet. Ob der Name geschmacklos oder genial ist, darüber lässt sich streiten. Dass das Problem dahinter real ist, leider nicht.
