Investigative Recherchen von BR und netzpolitik.org haben 2024 aufgedeckt, wie perfide das Geschäft mit euren Daten funktioniert: Data Broker sammeln massenhaft Standortdaten aus Apps und verkaufen sie an jeden, der zahlt. Das Problem ist 2026 noch brisanter geworden – denn die Methoden werden raffinierter und die Datenmengen explodieren förmlich.
Data Broker sind die unsichtbaren Datensammler im Hintergrund. Diese Unternehmen haben sich darauf spezialisiert, eure persönlichen Informationen aus allen erdenklichen Quellen zusammenzutragen: Smartphone-Apps, Smart-Home-Geräte, Fitness-Tracker, Streaming-Dienste, Online-Shopping und soziale Medien. 2026 kommen neue Quellen dazu: KI-Assistenten, AR/VR-Brillen und sogar Elektroautos übertragen kontinuierlich Bewegungs- und Verhaltensdaten.
Diese gesammelten Informationen werden zu detaillierten digitalen Zwillingen verarbeitet und an Werbeunternehmen, Versicherungen, Finanzdienstleister, aber auch an Geheimdienste und autoritäre Regimes verkauft. Der globale Data-Broker-Markt ist mittlerweile über 400 Milliarden Dollar schwer – Tendenz stark steigend.
Lückenlose Überwachung durch Smartphone-Apps
Euer Smartphone sendet alle paar Sekunden präzise Standortdaten – nicht nur an Google, Apple und Meta, sondern auch an hunderte von App-Anbietern. Selbst wenn ihr glaubt, die Ortung deaktiviert zu haben, übertragen viele Apps weiterhin Daten über WLAN-Netzwerke, Bluetooth-Beacons und sogar Barometer-Messungen zur Höhenbestimmung.
Die daraus entstehenden Bewegungsprofile sind erschreckend detailliert. In Google Maps könnt ihr eure komplette Bewegungshistorie einsehen – aber das ist nur die Spitze des Eisbergs. Data Broker erstellen weitaus präzisere Profile, die bis auf wenige Meter genau zeigen, wo ihr wart, wie lange und mit wem.
Besonders perfide: Viele scheinbar harmlose Apps wie Wetter-Apps, Taschenrechner oder Spiele sammeln systematisch Standortdaten, obwohl sie diese gar nicht benötigen. Eine 2025 veröffentlichte Studie zeigte, dass 78% aller kostenlosen Apps unnötig auf Standortdaten zugreifen.
Der schockierende BR/netzpolitik.org-Fund
2024 gelang Journalisten von BR und netzpolitik.org ein beunruhigender Coup: Sie erhielten von einem US-Data-Broker kostenlos einen „Probe-Datensatz“ mit 3,6 Milliarden deutschen Standortdaten aus 2023. Was sie damit rekonstruieren konnten, war erschreckend präzise.
Die Journalisten konnten nicht nur exakte Bewegungsprofile erstellen, sondern auch intime Details enthüllen: Besuche bei Therapeuten, in Suchtberatungen, Bordellen, sogar Gefängnisaufenthalte. Möglich macht das die sogenannte Advertising ID – eine eindeutige Geräte-Kennung, die Apple (IDFA) und Google (GAID) automatisch vergeben.
Diese ID fungiert wie ein digitaler Fingerabdruck. Kombiniert mit anderen käuflichen Datenquellen lassen sich problemlos Namen, Adressen, Telefonnummern und E-Mail-Adressen zuordnen. 2026 haben Data Broker ihre Methoden noch weiter verfeinert und können binnen Minuten komplette Persönlichkeitsprofile erstellen.
Neue Gefahren 2026: KI macht Daten noch gefährlicher
Was die Sache 2026 noch brisanter macht: Künstliche Intelligenz kann aus scheinbar harmlosen Standortdaten erschreckend präzise Vorhersagen treffen. KI-Systeme erkennen mittlerweile Schwangerschaften, psychische Erkrankungen, finanzielle Probleme oder politische Einstellungen – allein anhand eurer Bewegungsmuster.
Ein Beispiel: Regelmäßige nächtliche Fahrten zu bestimmten Adressen können auf Drogenhandel hindeuten. Häufige Besuche bei Ärzten verschiedener Fachrichtungen lassen auf schwere Krankheiten schließen. Veränderungen im Bewegungsverhalten können Scheidungen, Jobverluste oder Depressionen vorhersagen.
Wer kauft eure Daten – und warum?
Die Käufer eurer Standortdaten sind vielfältig und oft überraschend: Versicherungen nutzen sie zur Risikobewertung, Banken für Kreditentscheidungen, Arbeitgeber zur Hintergrundprüfung. Autoritäre Regime kaufen systematisch Daten ihrer Bürger und Dissidenten.
Besonders beunruhigend: Auch Stalker, Privatdetektive und kriminelle Organisationen haben Zugang zu diesen Märkten. Der Preis ist erschreckend niedrig – für wenige Dollar bekommt man detaillierte Bewegungsprofile beliebiger Personen.
2025/2026 sind neue Käufergruppen dazugekommen: KI-Unternehmen benötigen Standortdaten für ihre Algorithmen, und sogar Dating-Apps kaufen Bewegungsdaten, um „Matches“ in der Nähe zu finden – oft ohne euer Wissen.
So schützt ihr euch effektiv
iPhone-Nutzer: Geht zu Einstellungen → Datenschutz & Sicherheit → Ortungsdienste und deaktiviert die Ortung für alle Apps, die sie nicht zwingend benötigen. Unter „Apple-Werbung“ könkönnt ihr personalisierte Anzeigen komplett abschalten. Wichtig: Unter „Systemdienste“ auch „iPhone-Analyse“ und „Verbesserungen für Ortung“ deaktivieren.
Android-Nutzer: In den Einstellungen unter „Standort“ → „App-Berechtigungen“ jede App einzeln prüfen. Bei Google-Diensten unter „Daten & Datenschutz“ den Standortverlauf pausieren und bestehende Daten löschen. Die Werbe-ID könnt ihr unter „Google“ → „Anzeigen“ zurücksetzen oder ganz deaktivieren.
Generelle Tipps: Installiert nur Apps aus vertrauenswürdigen Quellen und von bekannten Entwicklern. Lest die Datenschutzerklärungen – zumindest die Abschnitte über Standortdaten. Nutzt wenn möglich kostenpflichtige statt „kostenloser“ Apps. Aktiviert regelmäßige Bereinigungen eurer Standorthistorie.
Check: Sind eure Daten bereits verkauft worden?
Netzpolitik.org bietet weiterhin einen kostenlosen Check-Service: Ihr könnt eure Advertising-ID eingeben und prüfen lassen, ob eure Daten im Broker-Datensatz enthalten waren. Die Webseite erklärt auch detailliert, wie ihr diese ID auf eurem Gerät findet.
Aber seid euch bewusst: Selbst wenn eure ID nicht im Test-Datensatz war – die vollständigen kommerziellen Datensätze der Broker enthalten mit hoher Wahrscheinlichkeit jeden Smartphone-Nutzer. Der Schutz eurer Privatsphäre liegt letztendlich in euren eigenen Händen.
Die Recherchen von BR und netzpolitik.org haben ein System offengelegt, das unsere intimsten Geheimnisse zur Handelsware macht. Je mehr wir über diese Praktiken wissen, desto besser können wir uns schützen.
Zuletzt aktualisiert am 16.02.2026