Während Bibliotheken physische Bücher problemlos kaufen und verleihen können, blockieren Verlage und Tech-Konzerne systematisch die digitale Ausleihe. Das schadet besonders den Menschen, die auf kostenlose Bildungsangebote angewiesen sind – und zeigt wieder einmal, wie langsam Deutschland bei der Digitalisierung ist.
Die Bibliothek von Alexandria war legendär. Im 3. Jahrhundert vor Christus entstanden, vereinte sie bis zu ihrer Zerstörung jahrhundertelang die wichtigsten Schriften der Gelehrten unter einem Dach. Ein Weltwunder, ein Sinnbild für Bildung – bis heute.
Aber damals gab es auch noch kein Amazon, keine Verlage mit Milliardengewinnen und keine künstlich verknappten Lizenzen. Heute wäre es kaum möglich, eine solche offene Bibliothek aufzubauen.

Digitale Werke anders behandelt als gedruckte Werke
Auf den ersten Blick scheinen E-Books die perfekte Lösung für moderne Bibliotheken: kein Stauraum nötig, keine verschmutzten oder beschädigten Exemplare, keine Transportkosten. Die Realität sieht anders aus.
Während Bibliotheken problemlos physische Bücher kaufen und verleihen dürfen, herrschen bei digitalen Publikationen andere Gesetze. Hier sind Bibliotheken auf die freiwillige Zustimmung von Verlagen angewiesen – und die lassen sich das teuer bezahlen.
Das Problem hat sich 2026 sogar verschärft: Große Verlage wie Penguin Random House, aber auch Tech-Giganten wie Amazon, die längst selbst zu den größten Verlagen geworden sind, diktieren die Bedingungen. Sie verkaufen Bibliotheken keine E-Books mehr, sondern nur noch zeitlich befristete Lizenzen. Nach 26 Ausleihvorgängen oder zwei Jahren ist Schluss – dann muss die Bibliothek das gleiche E-Book erneut kaufen.
Amazon und Co. verhindern digitale Volksbildung
Die Situation ist paradox: Ein physisches Buch kann eine Bibliothek jahrzehntelang verleihen, bei einem E-Book zahlt sie immer wieder drauf. Amazon blockiert besonders systematisch: Viele Bestseller und populäre Titel gibt es für Bibliotheken gar nicht oder zu Mondpreisen.
In den USA kostet ein E-Book für Bibliotheken oft das Fünf- bis Zehnfache des Endkundenpreises. In Deutschland sieht es ähnlich aus. Der Bundesrat hatte bereits 2021 kritisiert [PDF], dass die Bundesregierung keine praktikable Lösung erarbeitet hat. Fünf Jahre später: immer noch nichts passiert.
Dabei wären gerade jetzt verlässliche Regeln im Urheberrecht nötig. Denn die Nachfrage nach digitaler Ausleihe ist explodiert – nicht nur wegen der Pandemie-Jahre, sondern weil sich Lesegewohnheiten grundlegend geändert haben. Junge Menschen erwarten digitale Verfügbarkeit, Studenten brauchen schnellen Zugang zu Fachliteratur, Berufstätige wollen auch abends noch auf Bibliotheksbestände zugreifen können.
Künstliche Verknappung im digitalen Zeitalter
Das Perfide: Anders als bei physischen Büchern gibt es bei E-Books keine natürliche Knappheit. Ein digitales Buch kann theoretisch unbegrenzt oft gleichzeitig ausgeliehen werden. Doch die Verlage simulieren künstlich die alte Knappheit: Pro E-Book-Lizenz darf die Bibliothek meist nur ein bis drei Exemplare gleichzeitig verleihen.
Die Folge: Wartelisten von mehreren Monaten für populäre Titel. Währenddessen können sich gutverdienende Leser das E-Book einfach bei Amazon kaufen. Das spaltet die Gesellschaft in digitale Gewinner und Verlierer.

Andere Länder sind weiter
Dabei zeigen andere Länder, dass es anders geht. Frankreich hat 2022 ein Gesetz verabschiedet, das Verlagen vorschreibt, ihre E-Books auch an Bibliotheken zu verkaufen – zu fairen Preisen. Die Niederlande haben ähnliche Regelungen.
In Deutschland blockiert die Buchbranche weiterhin jeden Fortschritt. Die Verlage behaupten, E-Lending würde Bestseller verhindern. Das ist nachweislich falsch: Länder mit liberalen E-Lending-Regeln haben genauso viele Bestseller wie Deutschland.
Tatsächlich geht es um Kontrolle und Maximalprofite. Die großen Verlage wollen den wachsenden E-Book-Markt nicht mit Bibliotheken teilen – auch wenn das dem Bildungsauftrag schadet.
Digitale Spaltung wird größer
Die Leidtragenden sind wie immer die schwächeren Bevölkerungsschichten: Schüler aus Familien mit wenig Geld, Studenten, Senioren, Geringverdiener. Sie sind auf Bibliotheken angewiesen und werden systematisch von der digitalen Transformation ausgeschlossen.
Gerade nach der Pandemie, in der Homeoffice und Remote Learning normal geworden sind, ist das besonders bitter. Während gut situierte Bürger ihre Kindle-Bibliothek ausbauen, stehen andere vor verschlossenen digitalen Türen.
Die Bundesregierung redet zwar ständig von Digitalisierung und Chancengleichheit, lässt aber zu, dass private Konzerne den Zugang zu Wissen und Bildung kontrollieren. Das ist nicht nur sozial ungerecht, sondern auch volkswirtschaftlich dumm.
Was sich ändern muss
Erforderlich wäre ein Bibliotheksrecht für das digitale Zeitalter: Verlage müssten verpflichtet werden, ihre E-Books auch an Bibliotheken zu verkaufen – zu fairen, transparenten Preisen. Die künstliche Verknappung durch begrenzte Lizenzen gehört abgeschafft.
Einige Bibliotheken gehen bereits neue Wege: Sie kaufen vermehrt E-Books kleinerer, unabhängiger Verlage oder bauen Open-Access-Bestände auf. Doch das reicht nicht für eine echte digitale Transformation.
Solange die Politik nicht handelt, bleiben deutsche Bibliotheken digitale Entwicklungsländer. Und Millionen von Menschen der Zugang zu zeitgemäßer Bildung verwehrt.
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Zuletzt aktualisiert am 25.02.2026
