Lerne KI in neuem Online-Kurs, jetzt starten.

Von Twitter zu X: Bilanz nach zweieinhalb Jahren Elon Musk

von | 30.10.2022 | Social Networks

Zweieinhalb Jahre nach Elon Musks spektakulärer Twitter-Übernahme ist aus der blauen Plattform „X“ geworden. Was ist aus den großen Versprechen geworden? Eine Bilanz der radikalsten Social-Media-Transformation der Geschichte.

Es war einer der spektakulärsten Tech-Deals aller Zeiten: Im Oktober 2022 kaufte Elon Musk Twitter für 44 Milliarden Dollar. Zweieinhalb Jahre später ist von der ursprünglichen Plattform kaum noch etwas übrig – aus Twitter wurde „X“, eine „Everything App“, die weit mehr sein soll als nur ein Kurznachrichtendienst.

Elon Musk mit Waschbecken in der Hand

Elon Musk mit Waschbecken in der Hand

Der Waschbecken-Coup und seine Folgen

Erinnerem wir uns: Musk trug damals ein Waschbecken in die Twitter-Zentrale und rief „Let that sink in!“ – ein englisches Wortspiel zwischen „sink“ (Waschbecken) und „let that sink in“ (gewöhnt euch dran). Was als PR-Gag begann, wurde zur Blaupause für die radikalste Unternehmenstransformation im Social-Media-Bereich.

Innerhalb weniger Monate entließ Musk etwa 80% der Belegschaft, schaffte die Verifikationssysteme ab und führte das kostenpflichtige „X Premium“ ein. Die blauen Häkchen, einst Symbol für Authentizität, wurden zur käuflichen Ware – für 8 Dollar monatlich kann sich heute jeder verifizieren lassen.

Kevin Kühnert hat seinen Twitter Account auf Eis gelegt

Von Twitter zu X: Die Vision einer „Everything App“

Aus Twitter wurde im Juli 2023 offiziell „X“ – nicht nur ein Rebranding, sondern der erste Schritt zu Musks Vision einer „Everything App“ nach chinesischem Vorbild WeChat. X soll nicht nur Nachrichten und Diskussionen ermöglichen, sondern auch Bezahldienste, Shopping, Video-Streaming und sogar Banking integrieren.

Die Zahlen sprechen eine gemischte Sprache: Laut verschiedenen Analysten verlor X seit der Übernahme etwa 50-60% seiner aktiven Nutzer. Viele wanderten zu Alternativen wie Mastodon, Threads (Meta) oder Bluesky ab. Gleichzeitig führte Musk neue Features ein: längere Posts (bis zu 25.000 Zeichen für Premium-Nutzer), erweiterte Video-Funktionen und ein Creators-Programm, das Nutzer für virale Inhalte bezahlt.

Elon Musk

Meinungsfreiheit vs. Moderation: Der Balanceakt

Musks Versprechen der „absoluten Meinungsfreiheit“ erwies sich als komplexer als angekündigt. Zwar wurde Donald Trump wieder zugelassen und viele zuvor gesperrte Accounts reaktiviert, doch gleichzeitig musste X weiterhin mit Gesetzen und Regulierungen umgehen – besonders in Europa mit dem Digital Services Act (DSA).

Die Realität: X moderiert heute anders, aber nicht weniger. Statt menschlicher Moderatoren setzt die Plattform verstärkt auf Algorithmus-basierte Systeme und „Community Notes“ – Faktenchecks durch die Nutzergemeinschaft. Das führt zu kontroversen Diskussionen über Qualität und Geschwindigkeit der Moderation.

Interessant ist auch die Entwicklung in verschiedenen Ländern: In Brasilien war X zeitweise komplett gesperrt, in der EU drohen hohe Strafen wegen Verstößen gegen den DSA. Musk navigiert zwischen seinem Freiheitsideal und regulatorischen Zwängen.

Das Geschäftsmodell: Weniger Werbung, mehr Abos

Die größte Veränderung betrifft das Geschäftsmodell. Während Twitter fast vollständig von Werbung lebte, setzt X auf ein diversifizierteres Modell:

  • X Premium: 8$/Monat für erweiterte Features, weniger Werbung und bessere Sichtbarkeit
  • X Premium+: 16$/Monat für nahezu werbefreie Erfahrung
  • Creator-Programm: Gewinnbeteiligung für viral gehende Inhalte
  • Werbeeinnahmen: Deutlich reduziert, da viele Konzerne abgesprungen sind

Das Ergebnis ist ambivalent: Einerseits ist X weniger abhängig von Werbetreibenden, andererseits sanken die Gesamteinnahmen erheblich. Schätzungen zufolge verlor die Plattform etwa 70% ihrer Werbeeinnahmen seit der Übernahme.

Politischer Einfluss und gesellschaftliche Relevanz

X bleibt trotz Nutzerschwund politisch relevant. Politiker, Journalisten und Meinungsführer nutzen die Plattform weiterhin intensiv. Allerdings entstanden auch starke Konkurrenten: Threads von Meta wuchs innerhalb weniger Monate auf über 100 Millionen Nutzer, Bluesky positioniert sich als „das bessere Twitter“.

In Deutschland verließen zwar prominente Politiker wie Robert Habeck und Kevin Kühnert zeitweise die Plattform, kehrten aber größtenteils zurück – zu wichtig ist X für politische Kommunikation.

Die Zukunft von X: Erfolg oder Scheitern?

Zweieinhalb Jahre nach der Übernahme ist die Bilanz gemischt. Elon Musk schaffte es, Twitter grundlegend zu transformieren und von Werbetreibenden unabhängiger zu machen. Gleichzeitig verlor die Plattform massiv an Nutzern und gesellschaftlichem Einfluss.

Die „Everything App“-Vision ist noch nicht Realität geworden. Zwar experimentiert X mit Bezahlfunktionen und erweiterten Services, doch der große Durchbruch blieb bisher aus. Die Konkurrenz schläft nicht: TikTok, Instagram und neue Plattformen kämpfen um die Aufmerksamkeit der Nutzer.

Eines steht fest: Musks Übernahme war ein historischer Wendepunkt für Social Media. Ob X langfristig erfolgreich sein wird, entscheidet sich in den kommenden Jahren – wenn die „Everything App“-Features tatsächlich ausgerollt werden und sich beweisen müssen.

Für Nutzer bleibt X eine Plattform im Wandel: innovativ und chaotisch zugleich, polarisierend, aber nach wie vor einflussreich. Die Twitter-Ära ist definitiv vorbei – was aus X wird, schreibt sich täglich neu.

Zuletzt aktualisiert am 20.02.2026

superboard small
schieb.de App Download
ebooks schlauer
Jörg Schieb bietet mit Pro, Plus und Flat digitale Newsletter, eBooks und Anleitungen für Menschen, die sich in der digitalen Welt zurechtfinden wollen.