Tech-Giganten zerschlagen: Warum digitale Monopole beendet werden müssen

von | 26.05.2019 | Digital

Im Internet herrschen mitunter Wildwest-Methoden: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst – und es gilt das Recht des Stärkeren. Das ist nur deswegen möglich, weil die Politik kaum klare Grenzen zieht. Wir alle wollen keine überregulierte Welt. Aber eine regulierte. Da sollte auch die Zerschlagung von Tech-Giganten nicht tabu sein.

Was haben Öl, Telefon und Internet gemeinsam? Richtig: Auf den ersten Blick nicht sonderlich viel. Bei genauerer Betrachtung aber dann durchaus. Denn Öl, Telefon und Internet haben ohne jeden Zweifel unsere Welt verändert. Das Öl hat Industrie und Mobilität angeheizt, das Telefon die Kommunikation auf ein neues Level gehoben – und das Internet hat bekanntlich so ziemlich alles auf den Kopf gestellt.

Monopole schaden den Konsumenten

Und nun kommt die Gemeinsamkeit: Die Pioniere in diesen Bereichen haben sich nicht nur dumm und dämlich verdient, sondern auch – mangels intelligenter Kontrolle und Regulierung – Monopole aufbauen können. Beim Öl war es die Standard Oil Company, die Rockefeller reich machte. Das Unternehmen musste dann irgendwann aufgrund seiner ungeheuren Marktmacht zerschlagen werden. Beim Telefon lief es ganz ähnlich: AT&T konnte sich in den USA eine Monopolstellung erarbeiten – und wurde dann zerschlagen.

In beiden Fällen war das Aufbrechen der Monopole ohne jede Frage gut für die Konsumenten.

Im Internet gibt es zwar solche Überlegungen, aber kaum Taten. Dabei gibt es gleich mehrere Kandidaten, die monopolartige Strukturen entwickelt haben: Google (Suchmaschinen und Online-Werbemarkt), Meta (Social Media und Kommunikation), Amazon (Onlinehandel und Cloud), Apple (App Store und Hardware-Ökosystem) sowie Microsoft (Cloud-Services und Produktivität). Doch diesmal ist die Sache sogar schlimmer: Anders als früher wachsen die Tech-Giganten nicht nur in ihrem Kerngeschäft, sondern wuchern in andere Branchen.

Big Tech dominiert ganze Märkte

Google zum Beispiel ist zwar als Suchmaschine groß geworden, beherrscht aber heute den weltweiten digitalen Werbemarkt mit über 90% Marktanteil bei der Websuche. Selbst Zeitschriften, Zeitungen und Fernsehsender bekommen das schmerzhaft zu spüren. Die KI-Integration in die Suche macht Google noch mächtiger – ChatGPT und Gemini sind längst in die Suchergebnisse integriert.

Bei Meta ist es noch dramatischer: Das Unternehmen dominiert den Markt der Sozialen Netzwerke – mit Facebook, Instagram, WhatsApp und Threads. Mit über 3,9 Milliarden aktiven Nutzern weltweit kontrolliert Meta praktisch die digitale Kommunikation ganzer Generationen. Ein Leben ohne einen Dienst aus dem Meta-Universum? Möglich, aber schwierig.

Auch Amazon ist ein Fall für die Kartellwächter. Längst kennt Amazon die Verbraucher besser als sie sich selbst – weil sie Amazon als Suchmaschine für jedweden Kaufwunsch nutzen. Mit Amazon Web Services (AWS) beherrscht das Unternehmen zusätzlich einen Großteil der Cloud-Infrastruktur im Internet. Über 40% des deutschen Onlinehandels laufen über Amazon. Die Marktmacht ist erdrückend.

Apple wiederum kontrolliert mit seinem App Store den Zugang zu Millionen iPhone-Nutzern und kassiert bis zu 30% Provision von Entwicklern ab. Microsoft dominiert mit Office 365 und Azure weite Teile der Unternehmens-IT und hat durch die Übernahme von Activision Blizzard auch im Gaming-Bereich enormen Einfluss gewonnen.

google

Erste Erfolge der Kartellwächter

Immerhin: Die Kartellbehörden sind aufgewacht. In der EU sorgt der Digital Markets Act (DMA) seit 2024 für schärfere Regeln. Meta muss Facebook und Instagram in Europa entkoppeln, Apple den App Store öffnen, Google seine Dienste weniger aggressiv bündeln. Auch in den USA gibt es Bewegung: Das Justizministerium hat Google wegen illegaler Monopolbildung verklagt – mit ersten Erfolgen.

Doch die Maßnahmen greifen oft zu langsam. Während die Behörden noch verhandeln, schaffen die Tech-Riesen längst neue Abhängigkeiten. Die KI-Revolution gibt ihnen zusätzliche Macht: OpenAI mit ChatGPT, Google mit Gemini, Meta mit Llama – sie alle sammeln über ihre KI-Systeme noch mehr Daten und schaffen neue Monopolstrukturen.

Besonders problematisch: Die Konzerne kaufen potenzielle Konkurrenten auf, bevor diese gefährlich werden können. Meta übernahm WhatsApp und Instagram, Microsoft schluckte LinkedIn und GitHub, Google kaufte YouTube und unzählige KI-Startups. Amazon übernimmt MGM Studios und Whole Foods. Die „Kill Zone“ um die Tech-Giganten wird immer größer.

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KI verschärft das Monopol-Problem

Die künstliche Intelligenz macht das Monopol-Problem noch größer. Nur wenige Unternehmen haben die Ressourcen, fortgeschrittene KI-Systeme zu entwickeln. OpenAI, Google, Meta, Microsoft und Amazon dominieren den Markt. Kleinere Anbieter werden systematisch aufgekauft oder verdrängt.

Die KI-Systeme brauchen riesige Datenmengen und Rechenpower – beides haben hauptsächlich die etablierten Tech-Riesen. So entstehen neue Abhängigkeiten: Wer die besten KI-Modelle hat, dominiert auch andere Märkte. Google integriert KI in die Suche, Microsoft in Office, Amazon in AWS, Meta in soziale Netzwerke.

Dazu kommt: KI-Systeme werden zunehmend als „Betriebssysteme“ für digitale Dienste genutzt. Wer hier die Standards setzt, kontrolliert ganze Branchen. Das erinnert fatal an die Anfänge des PC-Zeitalters, als Microsoft mit Windows eine ähnliche Gatekeeper-Position aufbaute.

Zerschlagung ist machbar

Es wird Zeit für härtere Maßnahmen. Die Kartellbehörden sollten ihre Kräfte bündeln – und auch über die Zerschlagung von Tech-Giganten nachdenken. Was bei Standard Oil und AT&T möglich war, das geht auch bei Google, Meta und Co. Selbst ehemalige Facebook-Gründer fordern mittlerweile eine Zerschlagung des Konzerns.

Eine mögliche Aufteilung: Meta könnte in Facebook, Instagram und WhatsApp aufgespalten werden. Google ließe sich in Suchmaschine, YouTube und Android trennen. Amazon könnte in Onlinehandel, AWS und Logistik aufgeteilt werden. Apple müsste den App Store unabhängig betreiben.

Die Vorteile wären enorm: Mehr Wettbewerb, bessere Preise, mehr Innovation. Kleinere Unternehmen hätten wieder eine Chance. Nutzer könnten zwischen verschiedenen Anbietern wählen, ohne gleich ein ganzes Ökosystem wechseln zu müssen.

Europa macht Druck – USA zögern

Die EU geht mit dem Digital Markets Act und dem AI Act voran. „Gatekeeper“ wie Google, Apple, Meta, Amazon und Microsoft müssen sich an strikte Regeln halten. Interoperabilität wird vorgeschrieben, Datenhortung erschwert, unfaire Praktiken verboten.

In den USA tut sich auch etwas: Sowohl Demokraten als auch Republikaner kritisieren die Macht der Tech-Konzerne. Erste Klagen laufen, weitere sind angekündigt. Doch die Lobbyarbeit der Konzerne ist intensiv – sie geben Milliarden für politische Einflussnahme aus.

Das Problem: Solange die Regulierung nur regional erfolgt, können die Konzerne ausweichen. Sie verlagern Gewinne in Steueroasen, Daten in wenig regulierte Länder, problematische Features in andere Märkte. Nur koordiniertes internationales Vorgehen kann wirklich helfen.

Deshalb mein Appell: Macht endlich Ernst mit der Kartell-Durchsetzung. Die Zeit der Nachsicht ist vorbei. Tech-Monopole schaden Innovation, Wettbewerb und letztendlich uns allen. Was früher bei Öl- und Telefonmonopolen funktioniert hat, muss auch im digitalen Zeitalter möglich sein.

Zuletzt aktualisiert am 04.03.2026