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Energiefresser Internet

von | 20.08.2022 | Digital

Die Energiekrise hat uns alle sensibilisiert: Jeder Verbrauch wird hinterfragt. Doch ein gigantischer Energiefresser bleibt meist unsichtbar – das Internet. Mit einem CO₂-Ausstoß größer als die meisten Länder verschlingt die digitale Infrastruktur mehr Strom als je zuvor. Zeit für einen ehrlichen Blick.

Die Energiewende ist in vollem Gange, und zu Recht schauen wir auf jeden Verbrauch genauer hin. Heizung runterdrehen, LED-Lampen nutzen, Standby-Modi vermeiden – alles richtig. Aber einen der größten Energieschlucker übersehen wir dabei komplett: das Internet und unsere digitale Infrastruktur.

Dabei ist das Netz unglaublich energiehungrig geworden. Jede Google-Suche, jeder Instagram-Post, jedes gestreamte Video – alles verbraucht Energie. Und zwar nicht nur die paar Watt in eurem Smartphone oder Laptop, sondern vor allem in den riesigen Rechenzentren weltweit.

Das Internet hilft auch Energie zu sparen

Das Internet hilft auch Energie zu sparen

Internet: Energieverbrauch wie ein ganzes Land

Wenn das Internet ein Land wäre, stünde es beim Energieverbrauch auf Platz vier weltweit – nach China, den USA und Indien. Die digitale Infrastruktur verbraucht mittlerweile etwa 4-6% der weltweiten Elektrizität und ist für rund 4% aller globalen CO₂-Emissionen verantwortlich. Das entspricht etwa dem CO₂-Ausstoß der gesamten Luftfahrt.

Bis 2030 könnte sich dieser Anteil verdoppeln, warnen Experten. Der Grund: Unser Datenhunger wächst exponentiell. 5G-Netze, Cloud-Gaming, Virtual Reality, KI-Anwendungen wie ChatGPT und die zunehmende Digitalisierung aller Lebensbereiche treiben den Verbrauch massiv nach oben.

Was viele nicht ahnen: Hinter jeder digitalen Aktion steckt eine komplexe Infrastruktur aus Rechenzentren, Netzwerkknoten, Mobilfunkmasten und Unterseekabeln. Google betreibt über 30 Rechenzentren weltweit, Amazon Web Services hunderte Server-Standorte. All diese Anlagen müssen nicht nur mit Strom versorgt, sondern auch permanent gekühlt werden.

Welche Apps verbrauchen viel Energie - und produzieren so viel Wärme?

Welche Apps verbrauchen viel Energie – und produzieren so viel Wärme?

KI macht alles noch hungriger

Besonders problematisch: der KI-Boom. ChatGPT, Midjourney, Copilot und Co. sind extreme Energiefresser. Eine einzige Anfrage an ChatGPT verbraucht etwa zehnmal so viel Energie wie eine normale Google-Suche. Das Training von GPT-4 soll so viel Strom verschlungen haben wie eine Kleinstadt in mehreren Monaten.

Microsoft, Google und andere Tech-Riesen investieren Milliarden in neue KI-Rechenzentren. Allein Microsoft plant bis 2030 über 50 neue Datenzentren – hauptsächlich für KI-Anwendungen. Der Energiebedarf steigt dadurch nochmals drastisch.

Ein Beispiel: Eine typische E-Mail verursacht etwa 4 Gramm CO₂. Eine E-Mail mit großem Anhang kann aber bis zu 50 Gramm erreichen. Ein Büroarbeiter mit 120 E-Mails täglich verursacht so viel CO₂ wie eine 6 Kilometer lange Autofahrt – jeden Tag.

Streaming: Der SUV unter den Apps

Videos und Streaming machen mittlerweile über 70% des weltweiten Internet-Traffics aus. Netflix, YouTube, TikTok, Twitch – sie alle sind Energieschleudern. Eine Stunde Netflix in 4K verbraucht so viel Strom wie ein Kühlschrank in einer Woche.

Besonders problematisch: die Qualitätsrüstung. 4K wird Standard, 8K kommt, HDR und hohe Bildraten verschlingen zusätzliche Bandbreite. Live-Streaming auf Twitch oder YouTube verbraucht nochmals deutlich mehr Energie als On-Demand-Videos.

Cloud-Gaming wie Xbox Game Pass oder GeForce Now sind die absolute Spitze des Energieverbrauchs. Hier laufen leistungsstarke Gaming-PCs in Rechenzentren rund um die Uhr, nur um Spiele zu streamen. Eine Stunde Cloud-Gaming kann so viel Energie verbrauchen wie ein Durchschnittshaushalt am ganzen Tag.

Jeder kann beitragen und Energie sparen

Jeder kann beitragen und Energie sparen

Streaming wird immer teurer

Was können wir tun?

Die Hauptverantwortung liegt bei den Tech-Konzernen und der Politik. Aber auch wir können unseren digitalen CO₂-Fußabdruck reduzieren:

  • Streaming-Qualität bewusst wählen: HD statt 4K reicht meist
  • E-Mails regelmäßig löschen, besonders mit Anhängen
  • Cloud-Speicher aufräumen – jedes gespeicherte Foto verbraucht permanent Energie
  • Bewusster mit KI-Tools umgehen – nicht jede Frage braucht ChatGPT
  • Apps schließen statt im Hintergrund laufen lassen
  • WLAN statt Mobilfunk nutzen (verbraucht weniger Energie)

Die Industrie muss liefern

Die großen Tech-Konzerne haben das Problem erkannt. Google, Microsoft und Amazon versprechen, bis 2030 klimaneutral zu werden. Viele neue Rechenzentren nutzen bereits 100% erneuerbare Energie. Apple hat seine gesamte Lieferkette auf grüne Energie umgestellt.

Aber es reicht nicht: Wir brauchen Transparenz. Welcher Cloud-Anbieter ist wirklich grün? Wie viel CO₂ verursacht mein Netflix-Abo? Diese Informationen sollten genauso selbstverständlich sein wie Nährwertangaben auf Lebensmitteln.

Die Politik muss strengere Effizienzstandards für Rechenzentren durchsetzen. Und wir Nutzer sollten endlich verstehen: Jeder Klick hat Konsequenzen. Digital ist nicht automatisch umweltfreundlich – oft sogar das Gegenteil.

Die Digitalisierung ist unverzichtbar für unsere Zukunft. Aber sie muss nachhaltiger werden. Sonst fressen die Klimavorteile der Digitalisierung deren eigener Energiehunger wieder auf.

 

Zuletzt aktualisiert am 21.02.2026

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