Streamingdienste: Gerechtere Bezahlung für Künstler ab 2026

von | 19.01.2024 | Digital

Per Streaming Musik zu hören ist zweifellos praktisch und komfortabel. Aber ist es auch fair für die Künstler? Die EU setzt ab 2026 neue Maßstäbe für gerechtere Vergütung – doch die großen Plattformen wehren sich.

Nur wenige haben heute noch ein Regal mit CDs in der Wohnung. Die meisten benutzen heute Streamingdienste wie Spotify, Apple Music und Co. Über 640 Millionen Menschen weltweit hören Musik allein bei Spotify – unangefochten Marktführer. Allein 18 Millionen in Deutschland. Hinzu kommen viele andere Streamingdienste wie Apple Music, Amazon Music Unlimited, YouTube Music oder Deezer.

Was bekommen eigentlich die Künstler?

Aber wie viel bekommen eigentlich die Künstler? Viel zu wenig, sagen viele Künstler – und mittlerweile auch die EU-Kommission. Die neuen Streaming-Richtlinien von 2026 sollen die Umsätze der Streamingdienste fairer verteilen.

Früher war es einfach: Mir gefällt eine Musik, da habe ich eine CD gekauft, dafür Geld bezahlt – und ein bestimmter Prozentsatz davon ging an die Künstler, die die Musik machen.

Heute ist das bei den Streamingdiensten komplizierter und war bis vor kurzem kein sonderlich transparentes Verfahren. Spotify zahlt Künstlern für jeden Stream ihrer Musik – also jedes Mal, wenn ein Track/Titel auf Spotify abgespielt wurde – einen bestimmten Betrag. Seit 2024 müssen Tracks allerdings mindestens 30 Sekunden dauern und mindestens 1.000 Mal pro Jahr gespielt werden – die Hürde wurde erhöht.

Ein Prozent der Künstler bekommt 90% der Lizenzen

Ein Prozent der Künstler bekommt 90% der Lizenzen

Spotify: nur 0,3 Cent pro Stream – aber es ändert sich

Das schließt sehr kleine Künstler schon mal aus. Kommen wir aber zu den konkreten Lizenzen: Im Durchschnitt zahlt Spotify einem Künstler etwa 0,3 bis 0,5 Cent pro Stream, also pro Abspielen. Das bedeutet, dass ein Künstler für 1.000 Streams etwa 3 bis 5 EUR erhält.

Wie viel genau, ist allerdings noch von vielen weiteren Faktoren abhängig. Wenn ein User zum Beispiel das kostenlose, werbefinanzierte Spotify benutzt, zahlt der Streamingdienst nur 0,07 Cent pro Stream – also nochmal deutlich weniger. Bei den anderen großen Streamingdiensten ist es ähnlich: Apple Music zahlt etwas mehr (0,4-0,6 Cent), Amazon Music liegt dazwischen.

Ab 2026 gelten jedoch neue EU-Regelungen: Die „Digital Services Fairness Directive“ verpflichtet Streamingdienste zu mehr Transparenz bei der Vergütung und fordert alternative Abrechnungsmodelle.

Spotify verdient 23,1 Mrd. EUR pro Jahr

Aber vielleicht macht es die Masse: Die großen Streamingdienste bieten mittlerweile über 120 Millionen Songs, viele hören den ganzen Tag lang Streams, 640 Mio. Nutzer weltweit – da kommt doch bestimmt einiges zusammen.

Durchaus: Spotify allein hat im Jahr 2025 einen weltweiten Umsatz von 23,1 Milliarden Euro erzielt. Davon wurden 16,2 Milliarden Euro, also rund 70 Prozent, an die Musikindustrie ausgeschüttet. 70 Prozent ist wirklich viel, muss man sagen. Das war früher bei den CDs deutlich weniger. Ein Buchautor bekommt 10-14 Prozent. Doch bei 120 Mio. Songs wird diese Summe von 16,2 Mrd. Euro breit gestreut.

Das Problem: Die großen Labels und Verlage kassieren den Löwenanteil, bevor es überhaupt bei den Künstlern ankommt. Nur etwa 12 Prozent der Streaming-Einnahmen landen tatsächlich bei den ausübenden Künstlern.

90% der Einnahmen an 1% der Künstler

Jetzt kommt der ungerecht wirkende Teil: 90% der Ausschüttung geht an 1% der Künstler. Künstler mit einem hohen Bekanntheitsgrad und einer großen Fangemeinde können also deutlich mehr verdienen und werden sich nicht beklagen. So hat Taylor Swift im Jahr 2025 etwa 120 Millionen Euro allein von Spotify erhalten. Das entspricht etwa 10 Millionen Euro pro Monat oder 330.000 Euro pro Tag.

Diese Ungerechtigkeit sorgt nun auch in der EU-Kommission für Unruhe. Die Politik hat bereits erste Weichen gestellt: Die neue „Creator Economy Regulation“ von 2025 verpflichtet Plattformen zu transparenteren Vergütungsmodellen.

User-Centric Payment: Das neue Modell

Das Argument der Kritiker ist einleuchtend: Jeder User zahlt im Schnitt 11-12 EUR pro Monat. Wenn ein User nur ein Stück pro Monat hört, etwa ein imposantes Jazz-Solo oder ein Klavierkonzert, wieso sollten dann nicht 70% von 12 EUR, also 8,40 EUR dafür an den Künstler gehen?

Lediglich 0,3 Cent für diesen Stream würde bedeuten, dass Spotify die restlichen 11,99 EUR behält. Das ist natürlich ein Extrembeispiel, aber denkbar – und es belegt, dass das pauschale Modell ungerecht ist.

Deezer und Tidal haben bereits 2025 das „User-Centric Payment System“ (UCPS) eingeführt: Dabei wird genau ermittelt, was jeder einzelne User hört und sein Monatsumsatz gerecht auf alle gehörten Künstler verteilt. Das ist komplizierter als das bisherige Modell, aber machbar – und deutlich gerechter.

Spotify testet dieses System seit Ende 2025 in ausgewählten Märkten, Apple Music will 2026 nachziehen.

Wir hören Musik und finden es praktisch

Wir hören Musik und finden es praktisch

KI-generierte Musik wird zum Problem

Ein neues Problem: Seit 2024 schwemmt KI-generierte Musik die Plattformen. Schätzungsweise 25% aller neuen Uploads sind mittlerweile automatisch generiert – oft mit dem Ziel, Streaming-Farmen zu betreiben und Geld abzugreifen. Das verwässert den Pool für echte Künstler zusätzlich.

Spotify hat deshalb 2025 eine „Authentic Artist Verification“ eingeführt. Nur verifizierte Künstler erhalten die volle Vergütung, KI-Musik wird deutlich niedriger entlohnt.

Transparenz der Algorithmen wird Pflicht

Stattdessen bekommen Popsongs, vor allem die aus den Charts, einen unverhältnismäßig großen Stück vom Kuchen. Ab März 2026 müssen Streamingdienste ihre Empfehlungsalgorithmen offenlegen – zumindest gegenüber einer unabhängigen Aufsichtsbehörde.

Denn wenn Spotify eine Playlist erstellt und einen Track dort einstellt, beeinflusst das massiv die Streaming-Zahlen. Diese algorithmische Macht wird jetzt reguliert: Playlists müssen diverser werden, kleinere Künstler bekommen garantierte Sichtbarkeit.

Blockchain und NFTs als Alternative?

Einige Künstler setzen bereits auf alternative Modelle: Plattformen wie Audius oder Royal nutzen Blockchain-Technologie für direktere Künstler-Fan-Beziehungen. Fans können Anteile an Songs kaufen und partizipieren direkt an den Streaming-Einnahmen.

Auch Bandcamp hat 2025 ein „Fan Funding Plus“ System eingeführt, bei dem Hörer ihre Lieblingskünstler direkt unterstützen können – zusätzlich zu den Stream-Einnahmen.

Was bedeutet das für uns als Hörer?

Die Reformen werden sich auf unsere Streaming-Erfahrung auswirken: Mehr Vielfalt in den Empfehlungen, fairere Entdeckung neuer Künstler, aber möglicherweise auch leicht höhere Abo-Preise. Spotify Premium kostet bereits 11,99 EUR, andere ziehen nach.

Gleichzeitig entstehen neue Möglichkeiten: „Fan-powered Royalties“ bedeuten, dass eure Streaming-Gebühr tatsächlich bei den Künstlern ankommt, die ihr hört. Das macht Streaming persönlicher und fairer.

Es braucht wirklich eine grundlegende Reform. Denn die Flatrate für Musik ist eine Abwertung für das Kulturgut Musik. Gleichzeitig sind Streamingdienste sehr komfortabel und bequem, sie bringen auch den kleinsten Künstler prinzipiell in jeden Winkel der Welt – wenn das System fair funktioniert.

Zuletzt aktualisiert am 17.02.2026