Studie: Digitalisierung verringert nicht automatisch den Verkehr

von | 08.04.2023 | Digital

Man hört das Argument häufig: Mehr Homeoffice und Online-Shops reduzieren den Verkehr und schont die Umwelt. Eine aktuelle Studie macht einen Strich durch die Rechnung – und zeigt: Die Realität ist komplexer.

Digitale Technologien und die Digitalisierung werden oft als Lösung für viele Probleme unserer Gesellschaft angesehen. Eine Studie des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) zeigt jedoch, dass die Digitalisierung nicht zwangsläufig zu einer Verringerung des Verkehrsaufkommens führt. Die Forscher haben Daten von 2020 bis 2022 ausgewertet – eine besonders spannende Zeit, da die Corona-Pandemie zu einem massiven Homeoffice-Boom führte.

Laut der Studie basiert die Annahme, dass Digitalisierung automatisch zu weniger Verkehr führt, auf mehreren Hypothesen: Zum einen sollen digitale Technologien zu mehr Heimarbeit und damit weniger Pendelverkehr führen. Zum anderen wird angenommen, dass digitale Verkehrsmanagementsysteme zu weniger Staus und optimierten Verkehrsflüssen führen.

Studie belegt: Effekt bislang gering

Die Realität sieht jedoch anders aus. Auch nach der Pandemie ist der Homeoffice-Anteil zwar gestiegen, aber längst nicht so dramatisch wie erwartet. 2025 arbeiten etwa 40% der deutschen Beschäftigten regelmäßig im Homeoffice – das ist zwar ein deutlicher Anstieg gegenüber den 12% von 2019, aber der Effekt auf das Verkehrsaufkommen bleibt begrenzt. Viele Arbeitnehmer nutzen die gesparte Pendelzeit für andere Fahrten: Einkäufe, Freizeitaktivitäten oder längere Urlaubsreisen.

Ein Phänomen, das Verkehrsforscher als „Rebound-Effekt“ bezeichnen. Der eingesparte Arbeitsweg wird durch andere Fahrten kompensiert. Besonders interessant: Menschen, die von zu Hause arbeiten, ziehen oft weiter weg von der Arbeitsstelle – in günstigere oder attraktivere Gegenden. An den Tagen, an denen sie ins Büro müssen, fahren sie dann umso weitere Strecken.

Online-Shopping verstärkt das Problem

Auch der Online-Handel, oft als verkehrsreduzierend gepriesen, zeigt einen ambivalenten Effekt. Zwar fallen Einkaufsfahrten weg, dafür steigt aber das Lieferverkehrsaufkommen exponentiell. Die Paketzustellung hat sich seit 2020 mehr als verdoppelt – von etwa 3,5 Milliarden auf über 7 Milliarden Sendungen jährlich in Deutschland.

Besonders problematisch: die Last-Mile-Zustellung. Während ein Einkaufszentrum hunderte Kunden mit einem Besuch versorgen kann, müssen Lieferdienste jeden Kunden einzeln anfahren. Hinzu kommen Retouren – etwa 15% aller Online-Bestellungen gehen zurück und verursachen zusätzliche Fahrten.

Die Hoffnung liegt auf innovativen Zustellkonzepten: Paketstationen, Cargo-Bikes in Innenstädten und autonome Lieferdrohnen, die seit 2024 in ersten deutschen Städten getestet werden. Diese könnten tatsächlich zu einer Verkehrsentlastung führen.

Intelligente Verkehrssysteme: Fluch oder Segen?

Digitale Verkehrssteuerung ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits können KI-gesteuerte Ampelsysteme und Verkehrsleitsysteme Staus reduzieren und den Verkehrsfluss optimieren. Andererseits führen flüssigere Straßen oft dazu, dass mehr Menschen das Auto nutzen – ein klassischer Fall von induziertem Verkehr.

Moderne Navigations-Apps wie Google Maps oder Waze verteilen den Verkehr zwar intelligenter, führen aber auch zu neuen Problemen: Schleichwege durch Wohngebiete werden überlastet, wenn alle Nutzer die gleiche „optimale“ Route vorgeschlagen bekommen.

Mobility-as-a-Service: Der Gamechanger?

Einen echten Durchbruch erwarten Experten von integrierten Mobilitätsplattformen. Apps, die öffentlichen Nahverkehr, Car-Sharing, E-Scooter und Ride-Hailing nahtlos verknüpfen, könnten das eigene Auto überflüssig machen. In deutschen Großstädten nutzen bereits 25% der unter 30-Jährigen solche Plattformen regelmäßig.

Besonders spannend: autonome Fahrzeuge könnten ab 2030 als gemeinsam genutzte Robotaxis das Verkehrsbild revolutionieren. Ein autonom fahrendes Fahrzeug könnte laut Studien bis zu zehn private Pkw ersetzen.

Fazit: Digitalisierung braucht intelligente Begleitung

Die Digitalisierung führt also nicht automatisch zu weniger Verkehr – im Gegenteil, sie kann das Verkehrsaufkommen sogar steigern. Entscheidend ist, wie wir die digitalen Möglichkeiten nutzen. Ohne flankierende Maßnahmen wie besseren öffentlichen Nahverkehr, Verkehrslenkung und innovative Mobilitätskonzepte verpufft das Potenzial der Digitalisierung.

Die Studie zeigt: Wir brauchen eine durchdachte Verkehrspolitik, die digitale Lösungen gezielt einsetzt – statt blind darauf zu vertrauen, dass sich das Verkehrsproblem von selbst löst.

Zuletzt aktualisiert am 19.02.2026