Netflix, Disney+, Amazon Prime, Paramount+, Apple TV+ – die Liste der Streamingdienste wird immer länger, und die monatlichen Kosten summieren sich. Wer alles sehen will, zahlt schnell 50 Euro im Monat oder mehr. Doch es gibt eine Plattform, die das Prinzip Streaming komplett auf den Kopf stellt: WikiFlix. Kein Abo, keine Werbung, keine Anmeldung, kein Tracking. Klingt zu gut, um wahr zu sein? Ist es aber – mit einem charmanten Haken.
Was ist WikiFlix?
WikiFlix ist ein Projekt aus der Wikipedia-Community, entwickelt von Freiwilligen rund um Wikimedia Deutschland. Die Idee stammt ursprünglich von der Wikipedia-Nutzerin Sandra Fauconnier, umgesetzt hat sie der Wikimedia-Entwickler Magnus Manske – und zwar in gerade einmal einer Woche.
Das Prinzip ist simpel: WikiFlix sammelt Filme, deren Urheberrecht abgelaufen ist – die also zur sogenannten Public Domain gehören. Diese Filme dürfen frei verbreitet und gezeigt werden, ohne dass jemand Lizenzgebühren zahlen muss. WikiFlix hostet die Filme dabei nicht selbst, sondern fungiert als elegante Oberfläche, die Inhalte aus drei Quellen zusammenführt: Wikimedia Commons, dem Internet Archive und YouTube. Die Datenbank wird stündlich über Wikidata aktualisiert.
Und das Mitmach-Prinzip funktioniert: Wer irgendwo im Netz einen gemeinfreien Film findet, kann ihn in Wikidata verlinken. Innerhalb einer Stunde taucht er dann automatisch bei WikiFlix auf. So wächst der Katalog ständig – aktuell umfasst er über 4.000 Filme.
Von Nosferatu bis Metropolis: Was gibt es zu sehen?
Wer jetzt denkt, da laufen nur verstaubte Stummfilme, die kein Mensch kennt, liegt falsch. WikiFlix versammelt echte Meilensteine der Filmgeschichte. Allen voran natürlich Nosferatu von 1922 – gerade besonders spannend, weil Robert Eggers‘ Remake mit Bill Skarsgård aktuell für vier Oscars nominiert ist. Wer das Original noch nie gesehen hat, kann es auf WikiFlix in voller Länge nachholen.
Daneben finden sich Fritz Langs visionäres „Metropolis“ (1927), der Weihnachtsklassiker „It’s a Wonderful Life“ (1946), der Original-„Scarface“ (1932), Charlie Chaplins „The Kid“ und Georges Méliès‘ „Die Reise zum Mond“ von 1902 – einer der ersten Science-Fiction-Filme überhaupt. Auch „Wings“ von 1927 ist dabei: der allererste Film, der den Oscar als bester Film gewonnen hat.
WikiFlix geht dabei weit über Hollywood hinaus. Es gibt Filme aus Japan, Indien, Russland, Spanien, Portugal und Dänemark – dazu sowjetische Animationsfilme und experimentelle Kurzfilme, die auf keiner kommerziellen Plattform je auftauchen würden. Und jedes Jahr kommen neue Titel hinzu: In den USA wird automatisch gemeinfrei, was älter als 95 Jahre ist. Das bedeutet: Der Katalog wird von Jahr zu Jahr interessanter, weil immer mehr Tonfilme dazukommen.
Was WikiFlix von Netflix unterscheidet
Der größte Unterschied liegt nicht im Katalog, sondern in der Philosophie. Bei Netflix, Disney+ und Co. steckt hinter jeder Empfehlung ein Algorithmus, der das Nutzerverhalten analysiert und optimiert – mit dem Ziel, die Leute möglichst lange auf der Plattform zu halten. Bei WikiFlix passiert nichts dergleichen.
Es gibt kein Benutzerkonto, also auch kein Profil, keine Watchlist, keine personalisierten Vorschläge. Stattdessen kann man nach Genre, Jahr, Land oder Beliebtheit stöbern – wobei „Beliebtheit“ hier heißt: Wie viele Verlinkungen hat der Film auf Wikipedia? Filme mit vielen Sitelinks in verschiedenen Sprachen werden prominenter angezeigt. Das ist transparente Kuratierung statt undurchsichtiger Algorithmus.
Auch beim Thema Datenschutz ist WikiFlix das Gegenteil der großen Plattformen: Kein Tracking, keine Cookies, keine Profilbildung. Man geht auf die Seite, guckt einen Film und geht wieder – ohne digitale Spuren zu hinterlassen. In Zeiten, in denen Streaming-Anbieter jeden Klick, jede Pause und jeden Abbruch auswerten, ist das fast schon revolutionär.
Die Community hinter WikiFlix pflegt außerdem eine Blacklist: Historische Propagandafilme, etwa aus der NS-Zeit, werden bewusst nicht angezeigt. Die Begründung auf der Projektseite: „Während diese Filme in einem Bildungskontext völlig in Ordnung sind, konzentriert sich WikiFlix auf Unterhaltung.“ Ein kluger Ansatz.
Die Einschränkungen – und warum sie kaum stören
Natürlich hat WikiFlix auch Grenzen. Aktuelle Blockbuster, Serien oder Netflix-Originale sucht man vergeblich. Die Bild- und Tonqualität schwankt: Manche Filme sind in restaurierter Qualität verfügbar, andere sehen so aus, wie man es von einem hundert Jahre alten Film eben erwarten darf. Die meisten Filme laufen in Originalsprache, Untertitel sind eher die Ausnahme.
Aber genau das ist für viele Filmfans eher Reiz als Manko. Wer sich auf WikiFlix einlässt, begibt sich auf eine Entdeckungsreise. Man stolpert über einen japanischen Nachkriegsfilm, entdeckt eine dänische Komödie aus den 1920ern oder lässt sich von einer frühen sowjetischen Animation überraschen. Das ist kein Binge-Watching – das ist Filmgeschichte zum Anfassen.
Mein Tipp: Einfach mal reinschauen
WikiFlix erreicht man unter wikiflix.toolforge.org – die Seite funktioniert auf jedem Gerät mit Browser, also auf Laptop, Tablet und Smartphone. Es gibt keine App, man braucht aber auch keine.
Und hier mein persönlicher Tipp für alle Filmfans: Am 2. März ist Oscar-Nacht. Wer sich darauf einstimmen will, kann sich vorher das Original-Nosferatu von 1922 auf WikiFlix anschauen – und danach Robert Eggers‘ Remake im Kino oder Streaming. Das perfekte Doppelfeature, und die Hälfte davon kostet keinen Cent.
WikiFlix wird Netflix nicht ersetzen. Aber es zeigt, dass Streaming auch anders geht: offen, kostenlos, werbefrei und getragen von einer Community, der es nicht ums Geld geht, sondern darum, Filmgeschichte lebendig zu halten. In einer Welt voller Abo-Fallen und Datensammelwut ist das eine wunderbare Erinnerung daran, dass manche der besten Dinge im Netz tatsächlich noch kostenlos sind.