Influencer sind zu mächtigen Meinungsmachern geworden – doch viele nutzen ihre Reichweite verantwortungslos. Von bezahlter Desinformation über Gesundheitsprodukte bis hin zu politischer Manipulation: Die Wild-West-Zeiten im Netz müssen endlich vorbei sein.
Die Entwicklung ist alarmierend: Influencer haben sich zu den neuen Gatekeepern der öffentlichen Meinung entwickelt, ohne dass es dafür angemessene Regeln gibt. Während traditionelle Medien strengen Auflagen unterliegen, können Content-Creator mit Millionen von Followern praktisch unreguliert behaupten, was sie wollen.
Ein besonders drastisches Beispiel zeigte sich bereits 2021, hat aber bis heute Relevanz: Eine PR-Agentur namens „Fazze“ aus London kontaktierte Influencer auf drei Kontinenten für eine gezielte Desinformations-Kampagne gegen Covid-Impfstoffe.
Die Methode war perfide: Den Multiplikatoren wurden fertige Fake-Statistiken geliefert, die eine angeblich steigende Zahl von Todesfällen nach Biontech-Impfungen suggerieren sollten. Recherchen von ARD-Kontraste und netzpolitik.org deckten auf, dass dahinter russische Interessen steckten.
Der neue Info-War läuft über Influencer
Der deutsche Influencer Mr. Wissen2Go Mirko Drotschmann lehnte das Angebot empört ab und machte es öffentlich. Doch andere Influencer in Brasilien und Indien gingen darauf ein und verbreiteten die Falschinformationen an ihre Millionen-Audiences.
Das Beispiel zeigt: Nachdem es schwieriger wurde, auf etablierten Plattformen wie Meta, X oder TikTok direkt politische Kampagnen zu schalten oder Bots einzusetzen, haben sich die Manipulatoren neue Wege gesucht. Influencer sind das perfekte Vehikel – sie wirken authentisch, haben direkten Draht zu ihren Communities und unterliegen kaum Kontrollen.
Diese Entwicklung hat sich 2024 und 2025 noch verschärft. Mit KI-generierten Inhalten wird es immer einfacher, scheinbar professionelle „Studien“ und „Belege“ zu erstellen, die Influencer dann unreflektiert weiterverbreiten.

Wenn Geld fließt, wird alles beworben
Wie gedankenlos manche Influencer agieren, bewies ein Experiment des Youtubers Marvin Wildhage eindrucksvoll. Er entwickelte eine Pseudo-Crème namens „Hydro Hype“ – inhaltlich simple Gleitcreme in schicker Verpackung. Dazu bastelte er eine professionell aussehende Fake-Website.
Das Perfide: Auf der Verpackung standen als Inhaltsstoffe absichtlich bedenkliche und absurde Zutaten wie Uran, Asbest und „Pipi-Kacka-Seed-Oil“. Trotzdem warben mehrere Influencerinnen gegen Bezahlung begeistert für das angebliche Pflegeprodukt, ohne auch nur einen Blick auf die Inhaltsliste zu werfen.
Dieses Experiment entlarvte ein Grundproblem: Viele Influencer haben keinerlei Sorgfaltspflicht entwickelt. Hauptsache, die Kohle stimmt.
Neue Gefahren durch KI und Deepfakes
Die Situation verschärft sich durch neue Technologien. KI-Tools können heute täuschend echte Produktbewertungen, wissenschaftliche Papers oder Erfahrungsberichte generieren. Influencer nutzen diese oft unreflektiert als „Belege“ für ihre Werbeaussagen.
Besonders problematisch: Die Grenzen zwischen authentischem Content und bezahlter Werbung verschwimmen immer mehr. Während früher noch #Werbung oder #Ad gekennzeichnet wurde, werden heute „organische“ Posts mit subtiler Produktplatzierung bevorzugt.
Dazu kommt das Phänomen der Micro- und Nano-Influencer. Mit bereits 1.000 bis 10.000 Followern kann man Werbedeals abschließen – oft ohne jegliche Kennzeichnungspflicht oder Kontrolle.
EU-Regulierung reicht nicht aus
Der Digital Services Act (DSA) der EU und das deutsche Digitale-Dienste-Gesetz haben zwar erste Schritte unternommen, greifen aber zu kurz. Sie fokussieren sich hauptsächlich auf Plattformen, nicht auf die Content-Creator selbst.
Was wir brauchen:
• Klare Haftungsregeln ab einer bestimmten Follower-Zahl
• Sorgfaltspflichten bei gesundheitsbezogenen oder politischen Aussagen
• Transparente Kennzeichnung aller kommerziellen Beziehungen
• Konsequenzen bei Verstößen – nicht nur Plattform-Sperren, sondern rechtliche Ahndung
Verantwortung liegt auch bei den Plattformen
YouTube, Instagram, TikTok und Co. müssen endlich Verantwortung übernehmen. Algorithmen, die besonders emotionale oder kontroverse Inhalte bevorzugen, verstärken das Problem. Plattformen sollten Influencer mit großer Reichweite zu Fact-Checking-Schulungen verpflichten.
Die Realität ist: Millionen Menschen, besonders junge, informieren sich hauptsächlich über Social Media. Da braucht es Verlässlichkeit und Schutz vor folgenreichen Falschinformationen.
Selbstregulierung funktioniert nicht
Die Hoffnung auf Selbstregulierung der Branche hat sich als Illusion erwiesen. Zu verlockend sind die schnellen Werbedeals, zu gering das Risiko erwischt zu werden. Ohne gesetzliche Regelungen wird sich nichts ändern.
Einige Länder gehen bereits voran: Großbritannien hat 2024 schärfere Regeln für Influencer-Marketing eingeführt, Frankreich diskutiert ein Lizenz-System für Content-Creator mit mehr als 100.000 Followern.
Deutschland hinkt hinterher. Dabei ist die Gefahr real: Von Gesundheitsdesinformation bis zur Wahlbeeinflussung – die Macht der Influencer wird systematisch ausgenutzt.
Es ist höchste Zeit, dass Influencer die gleiche Verantwortung tragen wie andere Medienschaffende. Meinungsfreiheit ja – aber ohne Verantwortung geht es nicht.
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Rechtsanwalt erklärt: Was dürfen Influencer und was nicht?
Zuletzt aktualisiert am 25.02.2026