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Wer ist noch echt? KI erzeugt Gesichter und Porträtaufnahmen

von | 07.10.2019 | Digital

Wenn wir Werbeanzeigen sehen – egal ob in der Zeitung, im Internet oder im Fernsehen –, dann ist uns klar: Da wird uns was vorgemacht. Wir sehen Models, die begeistert sind, sich freuen, schick und fröhlich aussehen. Aber: Es sind immerhin Menschen. Oder? Na, da kann man sich nicht mehr so sicher sein. Denn immer häufiger sind nicht mal die Menschen echt. Sie kommen heute oft aus der Retorte. Besser: Aus der KI.

Dass KI Gesichter erkennen kann, darüber haben wir hier ja bereits gesprochen. Aber nun kann KI auch Gesichter erzeugen – und das auf einem Level, das selbst Experten täuscht.

Künstliche Intelligenz wird heute massiv dazu eingesetzt, um Porträtaufnahmen von Menschen zu erzeugen. Man könnte auch sagen: zu faken. Moderne KI-Systeme erstellen Porträtaufnahmen von Menschen, die wirklich täuschend echt aussehen. Es gibt praktisch keinen Hinweis darauf, dass die auf dem Foto gezeigte Person nicht existieren könnte. Wer sich davon selbst überzeugen möchte, geht mal auf die Webseite thispersondoesnotexist.com. Hier wird jedes Mal – in genau dem Moment! – ein neues Porträtfoto erzeugt und gezeigt. Die Person gibt es garantiert nicht!

Aber wie ist das möglich? Wie kann KI solche wirklich verblüffend echt aussehenden Fotoaufnahmen generieren?

Täuschend echt aussehende Porträts

Das ist die Stärke moderner KI: Man füttert die Software mit Millionen von Fotos – davon gibt es im Internet ja reichlich. Die KI analysiert die Aufnahmen und erstellt komplexe Regeln, wie menschliche Gesichter aussehen: Wie sehen Augen aus, wo sitzt die Nase, wo der Mund – und das alles in verschiedenen Blickrichtungen und bei unterschiedlichen Kamerapositionen.

Die Technologie dahinter heißt GAN (Generative Adversarial Network) und funktioniert wie ein Wettbewerb zwischen zwei KI-Systemen: Das eine versucht, möglichst realistische Gesichter zu erzeugen, das andere versucht, die Fakes zu entlarven. Durch dieses permanente Duell werden die generierten Gesichter immer besser.

Wenn genügend Datenmaterial verfügbar ist, kann die KI-Software aus diesen Vorlagen blitzschnell neue Fotos zusammensetzen: Die Augen von Person A, mit der Augenfarbe von Person B, mit dem Silberblick von Person C, mit der Brille von Person D, mit der Nase von Person E, dem Lächeln von Person F und der Frisur von G – und so weiter. Dann werden noch Aspekte mit Licht, Schatten, Hautstruktur und sogar kleinste Unreinheiten perfekt berechnet – fertig ist das Porträtfoto einer Person, die es gar nicht gibt.

Wissenschaftler haben den Täuschungseffekt untersucht

Und das lässt sich wirklich nur schwer erkennen – auch wenn das schwer vorstellbar ist.

Das haben zwei Wissenschaftler von der University Washington untersucht. Sie wollten wissen: Können die User mühelos echte von falschen Aufnahmen unterscheiden? Unter www.whichfaceisreal.com kann jeder den Test selbst machen: Zwei Fotos sind zu sehen – eins ist echt, eins aus der KI. Der Besucher muss sich nur entscheiden, welche der beiden Aufnahmen er für echt hält. Danach erfährt man auch gleich, ob man richtig gelegen hat… So viel kann ich schon sagen: Es ist fast unmöglich. Statistisch gesehen denkt mindestens die Hälfte der Menschen, dass die unechten Fotos echt sind.

Neuere Studien zeigen sogar: Menschen halten KI-generierte Gesichter inzwischen häufiger für echt als echte Fotos. Das liegt daran, dass die KI perfekte, symmetrische Gesichter ohne Makel erzeugt – genau das, was unser Gehirn als „schön“ und „vertrauenswürdig“ einstuft.

Einsatz in der Werbung und darüber hinaus

Aber was macht man mit solchen Fake-Gesichtern? In der Werbung einsetzen?

Zum Beispiel. KI-Porträts sind ideal geeignet für Werbung im Netz. Werber bekommen so unverbrauchte Gesichter, die garantiert noch nirgendwo sonst zu sehen waren – und täuschend echt aussehen. Außerdem kosten sie nichts, es gibt keinen Ärger mit Persönlichkeitsrechten, weil man die Aufnahmen für bestimmte Zwecke einsetzt – nur Vorteile also. Unter generated.photos kann sich jeder eine Datenbank mit Millionen KI-Gesichtern herunterladen und die Aufnahmen nutzen. Services wie Artbreeder oder Midjourney haben die Qualität nochmals deutlich verbessert.

Viele große Unternehmen nutzen bereits KI-generierte Models für ihre Kampagnen. Der Vorteil: Keine teuren Fotoshootings, keine Lizenzgebühren, keine rechtlichen Probleme. Die KI kann sogar gezielt bestimmte Zielgruppen ansprechen, indem sie Gesichter mit gewünschten Eigenschaften generiert – jung oder alt, verschiedene Ethnien, mit oder ohne Brille.

Die dunkle Seite: Deepfakes und Missbrauch

Da liegt der Verdacht nahe, dass es auch Missbrauch gibt. Die Aufnahmen werden natürlich immer besser. Sie werden eingesetzt, um Fake-Profile bei Facebook, Instagram und Dating-Apps echt aussehen zu lassen. Romance Scammer nutzen KI-Gesichter, um ihre Opfer zu täuschen.

Der nächste Schritt sind von KI erzeugte Gesichter in Videos – sogenannte Deepfakes. Das war früher deutlich schwieriger, aber 2026 ist es Realität geworden. Tools wie RunwayML oder Synthesia können bereits überzeugend realistische sprechende Personen in Videos erzeugen. Prominente werden in kompromittierende Situationen montiert, Politiker bekommen Worte in den Mund gelegt, die sie nie gesagt haben.

Erkennungstools kämpfen gegen die Flut

Zum Glück entstehen parallel Werkzeuge zur Erkennung von KI-generierten Inhalten. Plattformen wie Reality Defender oder Intel’s FakeCatcher analysieren Bilder und Videos auf Anzeichen künstlicher Erzeugung. Auch Browser-Extensions wie „AI or Not“ helfen dabei, Fakes zu identifizieren.

Trotzdem bleibt es ein Wettrennen: Während die Erkennungstools besser werden, verbessern sich auch die Generierungsalgorithmen. Es ist ein ewiges Katz-und-Maus-Spiel.

Was bedeutet das für uns?

Bedeutet das für uns: Wir können nichts mehr glauben? Alles ist Fake? Unecht? Virtuell?

Nicht ganz. Aber wir müssen definitiv vorsichtiger werden. Besonders bei unbekannten Quellen, zu perfekt aussehenden Personen in sozialen Medien oder emotionalen Videos sollten wir skeptisch sein. Der gesunde Menschenverstand bleibt unser bester Schutz – zusammen mit den neuen Erkennungstools.

Die Technologie ist da und wird nicht wieder verschwinden. Jetzt geht es darum, verantwortlich damit umzugehen und die Menschen dafür zu sensibilisieren, dass nicht alles echt ist, was echt aussieht.

Zuletzt aktualisiert am 03.03.2026

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