55 Jahre Internet: Es kam anders als geplant

von | 29.10.2019 | Digital

Vor genau 55 Jahren haben Wissenschaftler in den USA zum ersten Mal Computer an Universitäten per Telefonleitung miteinander verbunden. Ein Login aus der Ferne war möglich. Was für ein Ereignis! Damit war der Grundstein gelegt für das Internet – das dann schnell und entschlossen weiter entwickelt wurde. Aber das, was wir heute haben, war damals weder absehbar, noch geplant.

Internet? Für die meisten von uns heute selbstverständlich. Der Startschuss dafür ist genau vor 55 Jahren gefallen. Am 29. Oktober 1969 wollte der Informatiker Leonard Kleinrock in den USA die erste aller Nachrichten im Netz verschicken. Ein Netz, das damals aus nur vier Universitäts-Computern bestand. Doch noch bevor der Wissenschaftler das Wort „Login“ eingetippt hatte, stürzte der Computer ab.

Am späteren Abend klappte es dann. Das Internet war geboren.

Von vier auf sechs Milliarden Nutzer

Ausfallsicher sollte das anfangs fürs Militär gedachte Internet sein. Dann ein Rechnerverbund für Unis, später Behörden. In den 90er Jahren wurde das Internet dann für die Allgemeinheit geöffnet: Vizepräsident Al Gore hat die Sache 1993 vorangetrieben. Ab da gab es kein Halten mehr: Die Menschen strömten ins Netz – ebenso Unternehmen. Um die Jahrtausendwende wurde das Internet schnell zu einer ganz großen Sache.

55 Jahre nach dem Startschuss nutzen allein in Deutschland 96 Prozent aller Menschen das Internet. Anfangs vier Menschen. Heute über sechs Milliarden weltweit – mehr als drei Viertel der Weltbevölkerung.

Konzernmacht statt Dezentralität

Aber ist alles so gekommen, wie geplant? Ganz sicher nicht. So sollte das Internet zum Beispiel ausfallsicher, weil dezentral sein. Niemand konnte vorhersehen, dass sich einige wenige Megakonzerne entwickeln und bilden – heute sind es Meta, Google, Amazon, Microsoft, Apple und TikTok-Eigentümer ByteDance -, die die Geschicke des Netzes maßgeblich bestimmen.

Diese Tech-Giganten kontrollieren nicht nur einen Großteil der digitalen Infrastruktur, sondern auch die Art, wie wir kommunizieren, konsumieren und uns informieren. Ihre Algorithmen entscheiden, was wir sehen – und was nicht. Mit der Übernahme von Twitter durch Elon Musk 2022 und dessen Umbenennung zu X wurde deutlich, wie schnell sich die Spielregeln ändern können.

KI revolutioniert das Netz erneut

Die größte Zäsur seit der Erfindung des World Wide Web erlebt das Internet gerade durch Künstliche Intelligenz. ChatGPT startete Ende 2022 eine Revolution, die das Netz fundamental verändert. Heute nutzen Milliarden Menschen KI-Assistenten für alles Mögliche – von der Textproduktion bis zur Bilderzeugung.

Doch dieser KI-Boom verstärkt die Konzentration noch weiter: OpenAI, Google, Microsoft und Meta investieren Hunderte Milliarden in die Technologie. Kleinere Akteure haben kaum noch Chancen, mitzuhalten. Die Rechenpower für moderne KI-Modelle kostet Unsummen.

Anders gekommen als gedacht

Ohne World Wide Web (WWW) hätte das Internet zweifellos nicht diese Erfolgsgeschichte hingelegt. Erfunden hat es – vor 35 Jahren – der Brite Sir Tim Berners-Lee. Damit ist es möglich geworden, Computer in aller Welt unabhängig vom Betriebssystem miteinander zu vernetzen.

Doch der Erfinder des Web ist nicht glücklich damit, wie sich das Netz entwickelt hat. Er beklagt, dass es von einigen wenigen Konzernen beherrscht wird – und vom Kommerz. Mit seinem „Solid“-Projekt arbeitet er an Konzepten, wie die User mehr Kontrolle über ihre Daten zurückgewinnen könnten.

Gedacht war das alles ganz anders: Die Erfinder des Internet wollten das Wissen der Welt allen schnell verfügbar machen. Das gibt es – mit Wikipedia. Aber ansonsten ist das Netz vor allem ein verdammt lauter Ort geworden. Ein Marktplatz für Waren, Gedanken, Ideen – auf dem alle stehen und alle laut schreien, um überhaupt wahrgenommen zu werden.

Neue Probleme im Jahr 2026

Die großen Konzerne wie Google, Meta oder Amazon profitieren nach wie vor. Doch neue Herausforderungen sind dazugekommen: Deepfakes machen es schwer, echte von gefälschten Inhalten zu unterscheiden. KI-generierte Texte, Bilder und Videos fluten die Plattformen. Die Grenze zwischen Realität und künstlich erzeugter Realität verschwimmt.

Gleichzeitig erleben wir eine Renaissance dezentraler Technologien: Das „Fediverse“ mit Mastodon, Bluesky und anderen Plattformen wächst. Blockchain-basierte Lösungen versprechen mehr Nutzer-Kontrolle. Doch ob sie die Dominanz der Tech-Giganten brechen können, bleibt fraglich.

Wir alle müssen erleben, wie die Netzwerke weiterhin geflutet werden mit Verrücktheiten, Belanglosigkeiten, Hass, Hetze, Dummheit und ungezählten ungenierten Versuchen der Manipulation – jetzt verstärkt durch KI-Tools, die diese Inhalte automatisiert produzieren. Die Überwachung hat sich durch biometrische Technologien und präzise Verhaltensanalyse nochmals intensiviert.

All das war nicht gewollt – ist aber nach und nach gekommen.

Das soll nicht resigniert klingen. Das Internet bietet nach wie vor unglaubliche Möglichkeiten und macht viele fantastische Dinge wahr. KI-Assistenten helfen bei komplexen Aufgaben, Telemedizin rettet Leben, und globale Zusammenarbeit funktioniert reibungslos. Auch das haben sich die Erfinder sicher nicht träumen lassen.

55 Jahre nach dem ersten „Login“ steht das Internet vor der nächsten großen Weichenstellung: Wird es ein Werkzeug für alle bleiben – oder endgültig zum Spielfeld weniger Konzerne werden?

Zuletzt aktualisiert am 03.03.2026