Seit Wochen ist die Corona Warn App – so soll sie offiziell nun heißen – in der Diskussion. Manche halten sie für das wichtigste Instrument überhaupt, um Infektionsketten zu unterbrechen. Andere halten sie für Teufelswerk, weil sie eine komplette Überwachung befürchten. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich – wie meistens – irgendwo in der Mitte. Fest steht aber: Die Reisebeschränkungen werden gelockert. Grenzen sollen sich öffnen. Welche Rolle kann die Corona App da spielen – es ist doch eine deutsche App. Was ist, wenn man im Ausland unterwegs ist oder wenn man auf Ausländer im eigenen Land trifft?

Die EU-Kommission hat klare Regeln veröffentlicht, die für eine Öffnung der Grenzen und einen wieder zunehmenden Reiseverkehr unerlässlich sind. Neben Virustests und Quarantäne-Maßnahmen setzt Brüssel vor allem auf die Möglichkeit zur Nachverfolgung von Kontaktpersonen. Tracing-Apps könnten da hilfreich sein. Das EU-Paket enthält klare Leitlinien, wie die Apps miteinander Daten austauschen sollen.

Per Bluetooth Low Energy – wie bei „unserer App“. Das soll grenzüberschreitend, freiwillig und plattformunabhängig funktionieren. Technische Details müssen noch erarbeitet werden, wie das funktionieren soll, auch auch wirklich datenschutzkonform zu sein.

Kann die deutsche Corona App europaweit Daten tauschen

Die Corona App in Deutschland befindet sich bereits in der Entwicklung. Wird sie den Anforderungen genügen?

Das wird sie müssen. Erste Dokumente und Code-Auszüge sind jetzt öffentlich als OpenSource einsehbar, also als Quellcode, in den jeder reinschauen darf. Die Experten werden prüfen, ob alle Anforderungen eingehalten werden. Aber die grenzüberschreitende Kommunikation ist noch nicht vorgesehen – dafür braucht es erst mal die verabschiedeten Standards.

Es hat schon mal einen Versuch gegeben, den paneuropäischen Standard PEPP-PT. Aber der ist gescheitert. Deswegen braucht es eine neue Lösung. Es kann also noch was dauern. Der offizielle Starttermin der App ist bereits schon wieder verschoben worden: auf den 15. Juni.

Das ist nötige für europaweites Tracing

Was braucht es denn, damit mögliche Kontakte von Europäern untereinander und mögliche Infektionssituationen erkannt werden können?

Da es keine EU-App geben wird, müssen die Apps aller einzelner Länder untereinander und über die von Google und Apple entwickelten Corona-Schnittstellen kommunizieren können. Das wird aber schwierig, weil zum Beispiel Frankreich auf eine zentrale Lösung setzt, die es in Deutschland nicht geben wird. Aber Google und Apple unterstützen zentrale Lösungen nicht.

Es wird also richtig schwierig, da dadurch selbst der Umweg über Google und Apple versperrt bleibt. Auch haben Datenschützer Bedenken, die eigentlich anonymen IDs, die in den Smartphones ständig erzeugt werden, mit einer Länderkennung zu versehen.

Das wäre aber nötig, um grenzüberschreitende Begegnungen zu erkennen – und nachvollziehen zu können. Weil Franzosen, Schweizer, Niederländer oder Spanier in anderen Corona-App-Netzen unterwegs sind als wir, müsste ja „Meldung“ gemacht werden, wenn eine Infektion vorliegt, anderenfalls erfahren die Kontakte nichts davon. Eine sehr schwierige Situation.

 

Klingt so, als wären wir noch weit entfernt von einer EU-weiten Lösung?

Allerdings. Es müssen noch etliche Nüsse geknackt werden, bevor es los geht. Und selbst wenn diese Probleme gelöst werden: Die Zustimmung für eine Corona App nimmt ab. Laut einer aktuellen Studie der Uni Erfurt würden sich nur noch 44% der Bundesbürger so eine App installieren. Vor einigen Wochen waren es weit über 60%. Die mögliche Wirkung solcher Apps schwindet also von Woche zu Woche.