Gewalt

Der Mord in Idar-Oberstein ist ein neuer Tiefpunkt bei der Radikalisierung der Gesellschaft. Welche Rolle spielen die Souzialen Netzwerke dabei?

Ein junger Tankstellenmitarbeiter aus Idar-Oberstein ist tot. Erschossen. Weil der notorische Maskenverweigerer Mario N. sich von ihm nicht an das Einhalten der Corona-Regeln erinnern lassen wollte. Der Täter hat den Mann eiskalt erschossen. Offensichtlich hat sich der Täter (auch) im Netz radikalisiert. Vor allem in Sozialen Netzwerken. Da ist er nicht der einzige. Verschwörungsgeschichten werden vor allem im Netz verteilt und erreichen viele Menschen. Welche Rolle spielen die Plattformen bei der Radikalisierung?

Nach dem schrecklichen Attentat hat sich die Polizei direkt auf Twitter zu Wort gemeldet: Man gehe Hinweisen nach, man schaue sich das Twitter-Profil des Täters an.

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Polizei untersucht Social Media Profile

Das war ein kluger Schachzug der Polizei. Sie hat damit signalisiert: Wir sind wach, wir sind dran. Die Polizei hatte mehrere Hinweise von Bürgern bekommen, sie sollten sich mal das Twitter-Profil des mutmaßlichen Täters anschauen, das sei sehr auffällig. Im Internet ist ja niemand ein unbeschriebenes Blatt. Zum Twitter-Profil des Mannes lässt sich folgendes sagen: Er folgt unter anderem der AfD Bayern, Björn Höcke, Beatrix von Storch, Hans-Georg Maaßen und Querdenkern und hat dort Einträge wie „Ich freue mich auf den nächsten Krieg“ hinterlassen.

Die Äußerung lässt eine nicht unerhebliche Gewaltbereitschaft erkennen. Aufgrund der Äußerungen auf Twitter und der Vernetzung gehen die Ermittler von einer Nähe zur Querdenker-Szene aus und untersuchen jetzt die Zusammenhänge. Laut Gemeinsamen Recherchen von „Spiegel“ und des auf Verschwörungsideologien spezialisierten Thinktanks CeMAs fiel der mutmaßliche Täter sogar schon vor zwei Jahren mit nebulösen Gewaltfantasien auf.

»Das ist der erste Fall einer Tötung in Verbindung mit Corona«,
Jörg Radek von der Gewerkschaft der Polizei 

Häme für das Opfer auf Telegram

Jörg Radke von der GdP sieht also einen Zusammenhang, zumindest beim Grad der Radikalisierung.

Alle offiziellen Stellen, von Politik bis Medien, zeigem sich natürlich geschockt. Politiker melden ihre Betroffenheit. Aber das ist keineswegs überall so. In Kanälen auf Telegram gibt es Hohn und Spott für das Opfer, der Anschlag wird regelrecht bejubelt. Mit Sätzen wie „Kein Mitleid. Die Leute immer mit dem Maskenscheiß nerven. Da dreht irgendwann mal einer durch. Gut so“ oder: „Wenn:s die richtigen trifft, hab ich nichts dagegen“.

Das zeigt, welche Kälte vor allem auf Telegram herrscht. Der Messenger gilt schon lange als Sprachrohr für eher rechte Gruppierungen und Querdenker (Facebook hat gerade erst eine Menge gegen die Gruppierung unternommen). Das Problem bei Telegram: Der Messenger unterliegt nicht dem NetzDG, dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz, das Plattformen wie Facebook und Co. verpflichtet, bei Hass und Hetze einzugreifen. Das ist eine Gesetzeslücke, die sich die Politik wird anschauen müssen.

Telegram

Social Media Profil ist aussagekräftig

Nicht nur die Polizei schaut sich die öffentlich sichtbaren Accounts des mutmaßlichen Täters an – sie hat auch Rechner und Handys konfisziert, um weitere Untersuchungen zu starten –, auch die Öffentlichkeit. Aber was lässt sich daraus denn ablesen?

Eine ganze Menge. Die meisten von uns leben ja heute in virtuellen Netzwerken: Es sagt was aus, mit wem wir vernetzt sind, was wir liken oder teilen. Es ist also keineswegs nur relevant, was wir möglicherweise in den Plattformen schreiben. Wir wissen ja, dass Facebook und Co. Profile von uns anfertigen und jede noch so kleine Reaktion auswerten.

Das kann die Polizei auch, allerdings ist es für die Polizei mühsamer. Während Facebook für alles Algorithmen hat, muss die Polizei alles manuell auswerten. Aber schon ein erster Blick auf die Profile des mutmaßlichen Täters sind auffällig. Jan Böhmermann schreibt auf Twitter: „Wer dem Mörder von Idar-Oberstein den Treibstoff für seinen Hass geliefert hat: diesen Accounts folgt Mario N auf Twitter“. Und listet die danach auf.

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Querdenker und AfD

Ich habe ja vorhin schon die  Querdenker und die AfD  erwähnt. Und es gibt ja auch eine öffentliche Debatte darüber, inwieweit die den Treibstoff für diesen Hass liefern.

Aber jetzt nur der AfD und Querdenkern die Schuld in die Schuhe zu schieben, ist auch ein bisschen zu einfach. Die gesamte Gesellschaft wird kälter, der Ton in den angeblich „sozialen Netzwerken“ verroht erkennbar – und das schon länger und keineswegs nur bei Querdenkern. Auch viele Linke hauen drauf, verurteilen gnadenlos andere Meinungen. Auf den Plattformen werden nur selten Diskussionen geführt: Die Menschen knallen sich angebliche Argumente und Positionen um die Ohren, als wäre es ein Boxkampf.

Es geht nicht um Erkenntnisgewinn, sondern nur darum, Recht zu behalten, den anderen persönlich niederzumachen. Wer nicht dieselbe Auffassung vertritt, hat keine Ahnung, ist eingekauft, schon ferngesteuert. Nach diesem Motto laufen die meisten Debatten ab. Und dann kommen noch die Verschwörungsideologien dazu, die sich im Internet besonders gut verbreiten. Hier kommt das CeMAS ins Spiel, das „Zentrum für Monitoring, Analyse und Strategie“. Die Mitglieder beobachten das Netz, kümmert sich um Verschwörungsideologien, Antisemitismus und Rechtsextremismus. Ich persönlich fände es gut, aber auch den Linksextremismus mit in den Blick zu nehmen. Denn sonst spaltet man auch hier.