Todesdrohungen auf Telegram: Lassen sich Hass und Verschwörung eindämmen?

Telegram: Der Messenger spielt eine große Rolle bei der Radikalisierung

Morddrohungen gegen die Ministerpräsidentin Schwesig auf Telegram: Die Polizei untersucht den Fall. Doch leider ist es kein Einzelfall, sondern fast schon Alltag. Warum fast immer auf Telegram – was ist hier anders?

Im Messengerdienst Telegram sind Morddrohungen gegen die Ministerpräsidentin Manuale Schwesig aufgetaucht – vermeintlich in Foren der sogenannten „Querdenker“-Szene. Das LKA ermittelt. Leider alles andere als ein Einzelfall. Insbesondere der Messenger Telegram fällt immer wieder damit auf, dass sich hier extremes Gedankengut rasant verbreitet – und sogar Drohungen. Körperliche Drohungen, Morddrohungen.

Die Behörden tun sich schwer, das zu überwachten und in den Griff zu bekommen. Aber wieso ist das so? Was ist bei Telegram so viel anders als in anderen Plattformen?

Wie findet man das raus, was dort passiert:
Ist doch alles verschlüsselt?

Ich möchte an dieser Stelle gleich mal mit einem Mythos brechen: Telegram verschlüsselt Nachrichten, aber viel schlechter als andere Messenger. Bei WhatsApp, Threema und Signal kommt eine sogenannte Ende-zu-Ende-Verschlüsselung zum Einsatz. Praktisch unmöglich, das mitzulesen. Dieses hohe Sicherheitsniveau gibt es bei Telegram nicht. Hier werden die Daten zwar verschlüsselt übertragen, aber auf den Servern von Telegram so gespeichert, dass Telegram alles lesen kann.

Nur bei sogenannten „Geheimen Chats“ ist das anders: Da werden die Nachrichten ähnlicher sicher übertragen wie bei WhatsApp, Threema oder Signal. Aber um es klar zu sagen: Technisch ist Telegram deutlich weniger sicher als die meisten anderen Messenger am Markt. Und deshalb kann auch jeder, der sich bei Telegram anmeldet und in Gruppen eintritt, alles mitlesen. Und dann werden ernstzunehmende Drohungen Morddrohungen von einzelnen Mitgliedern der Chat-Gruppen der Polizei gemeldet – oder die Polizei fahndet selbst verdeckt.

Warum gehen diese Hassbotschaften gerade bei Telegram so ab, bei Whatsapp, Facebook, Threema scheint das Problem kaum vorhanden zu sein?

Einmal bei Telegram reingeschaut, werden die Menschen überschüttet mit Desinformationen, Mythen und Verschwörungen – und da kommt man dann nur noch schwer raus. Das wird „Rabbit Hole Effekt“ genannt: Die User befinden sich in einem Kaninchenbau. Viele Wege rein, aber kein Ausgang. Und anders auf Facebook, Telegram und Co. gibt es auf Telegram keine Widerrede. Denn Menschen mit anderer, abweichender Meinung gehen nicht in die entsprechenden Gruppen.

Dadurch entsteht schon mal generell eine ganz andere Stimmung als in Sozialen Netzwerken. Hass schaukelt sich hoch – und eskaliert bis hin zu Mordaufrufen. Hinzu kommt, dass Telegram kein reiner Messenger ist. Telegrram ist auch eine Art von Social Media Plattform. Denn in Telegram kann jeder Nutzer sogenannte „Kanäle“ einrichten, denen dann jeder folgen kann. So etwas gibt es bei anderen Messengern nicht. SO entsteht ein „Wir“-Gefühl. Und das ist das Gefährliche, denn auf Telegram werden eben nicht Falschnachrichten verbreitet, sondern auch konkrete Aufrufe zur Gewalt.

Viele Verschwörungen auf Telegram

Gruppen gibt’s bei WhatsApp und Signal doch auch. Trotzdem kursieren hier keine Morddrohungen.

Der Unterschied ist: Mit Telegram lassen sich mehr Menschen erreichen. Telegram verbindet die Intimität und Sofortheit von Messengern mit der Viralität und dem News-Gefühl von Social Networks. Gruppen können bis zu 200.000 Mitglieder haben. Bei WhatsApp sind es nur 256.  In den sogenannten „Kanälen“, die man bei Telegram abonnieren kann und wo einen niemand aufnehmen muss, ist die Zahl der Mitglieder unbeschränkt.

Und so haben manche Kanäle mehrere hunderttausend Empfänger. Gleichzeitig ist es möglich, sehr bequem aus Gruppen in Kanäle zu verlinken und umgekehrt. Und last not least bietet auch Telegram die Möglichkeit, Sprachnachrichten in die Gruppen und Kanäle zu stellen. Das wiederum vermittelt eine unmittelbare Nähe untereinander.

Welche Möglichkeiten haben Politik und Justiz denn, den Hass auf Telegram in den Griff zu bekommen?

Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG), das Betreibern unter Androhung hoher Geldstrafen diverse Verpflichtungen macht, etwa die Möglichkeit zur Meldung von Straftatbeständen und/oder das Entfernen von kriminellen Inhalten, gilt für Telegram nicht so eindeutig.

Denn Telegram ist eben in erster Linie ein Messenger. wer es heute betreibt, ist nicht wirklich bekannt. Telegram hat seinen Unternehmenssitz heute in Dubai. Die dortigen Behörden kooperieren aber nicht. Anordnungen werden nicht zugestellt; es sind kaum Repressalien möglich. Ein Durchgreifen ist kaum möglich.

Der einzige Weg wäre, die Betreiber der offiziellen Shops – also Google und Apple – dazu zu verpflichten, Telegram aus dem Angebot (Store) zu werfen und installierte Apps zu entfernen. Das würde sicher zwar aus Protest auslösen, aber es muss ja etwas passieren. Außerdem wäre es nötig, Beamte bei Telegram fahnden zu lassen und Strafbefehle im großen Umfang zu bewirken. Aber das ist sehr aufwändig, weil sich niemand mit echten Namen bei Telegram anmelden muss. Es ist eine schwierige Situation.

Was kann jede/r einzelne tun? Bringt es was, Telegram ggf. zu verlassen?

Jeder einzelne ist gut beraten, Telegram zu meiden. Das ist, als ob man in schlechter Nachbarschaft wohnt. Doch dadurch wird der Messenger natürlich nicht wirklich schwächer. Die da sein wollen, sind da. Telegram wird aus meiner Sicht derzeit dominiert von Verschwörungstheoretikern, Querdenker und Rechtsradikalen.