Wikipedia in Turbulenzen

von | 18.10.2019 | Digital

Wir alle kennen Wikipedia – wir Journalisten ganz besonders. Wir nutzen es ständig, verlassen uns auf die Artikel, nutzen das Angebot nur zu gerne. Aber kaum einer macht sich Gedanken darüber, wie Wikipedia eigentlich arbeitet – und wer die Artikel schreibt. Es ist eine Tatsache: Wikipedia steckt eindeutig in der Krise. Veraltete Artikel, zu wenige Autoren, Unterwanderung durch PR – und Gender-Probleme.

Wikipedia gibt es jetzt seit 18 Jahren – und darf wohl als Erfolgsmodell gelten. Wikipedia ist einer der besten Gründe fürs Internet. Doch seit einer Weile kriselt es.

Die Grundidee war gut: Wikipedia setzt auf die Schwarmintelligenz. Weil so viele Menschen mitmachen bei Wikipedia, gibt es zu jedem Thema Experten. Und alle kontrollieren und redigieren sich gegenseitig. Zumindest in der Theorie. Mittlerweile haben sich aber diverse Hierarchiestufen entwickelt. Die einen dürfen nur schreiben, die anderen auch sichten, die nächsten entscheiden und Mitarbeiter sperren…

Das führt zu vielen Querelen. Es gibt sogar so genannte „Edit Wars“ im Hintergrund: Streitereien um Details, die teilweise ausufern. Bis einer aufgibt. Die Motivation sinkt erkennbar. Es machen weniger Leute mit. Es gibt weniger Artikel und viele sind veraltet. Dabei ist das eine der Stärken von Wikipedia: Jede Erkenntnis kann theoretisch sofort im Lexikon stehen.

Zahl der Mitarbeiter*innen schwindet

Heute gelten 5000 der rund 2,3 Millionen deutschsprachigen Artikel als veraltet. Tendenz: Steigend. 80 Prozent aller deutschen Internetuser nutzen Wikipedia. Von 2001 bis 2009 war die Zahl der mitarbeitenden und schreibenden Nutzer steil gestiegen – seitdem fällt sie ununterbrochen. Von den 1200 Usern, die vor einigen Jahren noch regelmäßig Textveränderungen vornehmen, sind nur noch 900 übrig.

Die meisten davon schreiben auch keine langen Texte, sondern bearbeiten lediglich Kleinigkeiten. Nur noch ein verschwindend geringer Teil davon erstellt tatsächlich im großen Stil Artikel – das wird zunehmend zu einem Problem. Denn von Schwarmintelligenz und Neutralität kann da natürlich keine Rede sein. Durch das Aufkommen der Sozialen Netzwerke gibt es andere Möglichkeiten, sein Wissen zu präsentieren – und dort gibt es Likes und Anerkennung.

Manipulationen verhindern

Nun wissen wir alle: Weil Wikipedia mittlerweile so ein wichtiges Nachschlagewerk ist und weil alle dort mitmachen können, wird auch viel manipuliert. Von PR-Agenturen, die Dinge schönen wollen. Von politischen Kräften.

Weil die Zahl der Kräfte schwindet, die das alles lesen, kontrollieren und korrigieren können, steigen die Chancen, dass solche Manipulationen in Wikipedia landen und bleiben. Dazu kommt: Weil es immer weniger Menschen sind, die mitmachen, sind die wenigen in den hohen Stufen entscheidend: Ihre Haltung spielt eine Rolle – und die wird in Wikipedia sichtbar.

So gibt es zu fast jedem Detail aus der Welt der Technik einen Wikipedia-Eintrag, andere Bereiche des Lebens sind aber weniger gut repräsentiert. Denn die Oberen entscheiden, was „relevant“ ist und was nicht.

Geringer Frauenanteil

Auch der Frauenanteil ist beklagenswert gering: Nur rund 9% der Wikipedianer sind Frauen. Das ist natürlich viel zu wenig. Frauen müssten sich stärker engagieren – machen es aber nicht. Teilweise, weil es auch frustrierend ist. Viele der „mächtigen“ Wikipedianer scheinen nicht dazu einzuladen. Kürzlich wurde zum Beispiel eine Liste mit weiblichen Science-fiction-Autorinnen angelegt, weil nur knapp 20% der Biografien auf Wikipedia über Frauen sind. Diese Liste wurde als irrelevant abgelehnt. Es ist schwer, diese Dominanz zu brechen.

Wikipedia ist eine wundervolle Erfindung und extrem nützlich – vielleicht eins der nützlichsten Angebote im Internet überhaupt. Es ist traurig zu sehen, wie es sich entwickelt. Wikipedia bräuchte eine Rundumerneuerung: Neue Ideen, modernes Layout, moderne Werkzeuge, bessere Strukturen, mehr Frauen und besseres Qualitätsmanagement – und das alles, ohne die Unabhängigkeit aufzugeben. Keine einfache Aufgabe, aber eine, die sich meistern lässt – und die zu meistern es sich lohnt.

 

Schieb App