Wenn morgen die Cloud abgeschaltet wird – was dann?
Stellt euch mal vor, ihr wacht morgens auf, checkt euer iPhone – und plötzlich funktioniert nichts mehr. Kein App Store, keine iCloud, keine Updates. Oder ihr wollt im Büro arbeiten, öffnet Microsoft 365 – Fehlermeldung. Gmail? Weg. Google Drive? Nicht erreichbar. WhatsApp? Offline. Ein Albtraum-Szenario? Klar. Völlig unrealistisch? Leider nein.
Die politischen Spannungen zwischen den USA und Europa nehmen gerade wieder zu. Handelskonflikte, Zollstreitigkeiten, unterschiedliche Positionen in der Weltpolitik – die transatlantischen Freundschaften bröckeln. Und während Politiker über Importquoten streiten, wird eine Frage immer dringlicher: Wie abhängig sind wir eigentlich digital von den USA?
Unser Tag gehört den Tech-Giganten
Machen wir mal den Reality-Check. Nehmen wir einen ganz normalen Tag – und schauen, wo überall amerikanische Tech-Konzerne drinstecken. Spoiler: Es ist erschreckend viel.
Morgens klingelt der Wecker. Auf dem iPhone (Apple, USA) oder Android-Smartphone (Google, USA). Wir checken Nachrichten – oft über News-Apps amerikanischer Medien oder Aggregatoren. Dann die Mails: Gmail (Google), Outlook (Microsoft), Yahoo – alles USA. WhatsApp öffnen? Gehört zu Meta, also Facebook. Instagram checken? Ebenfalls Meta.
Im Büro wird’s nicht besser. Die meisten Unternehmen arbeiten mit Microsoft 365 – Word, Excel, PowerPoint, Teams. Alles läuft über die Microsoft Cloud. Andere nutzen Google Workspace. Dokumente? In OneDrive, Google Drive oder Dropbox gespeichert. Video-Calls? Zoom (USA) oder Microsoft Teams. Projektmanagement? Asana, Trello, Slack – ihr ahnt es: USA, USA, USA.
Mittags schnell was bestellen? Lieferando gehört zwar zur niederländischen Just Eat Takeaway, aber die Bezahlung läuft oft über PayPal oder Apple Pay. Navigation? Google Maps oder Apple Maps. Abends entspannen? Netflix, Amazon Prime Video, Disney+, HBO – alles amerikanische Streaming-Dienste.
Und jetzt kommt noch die KI-Revolution dazu: ChatGPT von OpenAI (USA), Claude von Anthropic (USA), Gemini von Google (USA), Copilot von Microsoft (USA). Über 80 Prozent der digitalen Dienste, die wir täglich nutzen, kommen aus den USA. Wir leben in einem digitalen US-Protektorat – nur merken wir es im Alltag nicht.
Könnten die USA den Stecker ziehen?
Jetzt die unbequeme Frage: Könnten diese Unternehmen Europa einfach abschalten? Technisch gesehen: Ja, absolut. Diese Konzerne kontrollieren ihre Server zentral. Sie könnten per Knopfdruck den Zugang für bestimmte Regionen sperren – das nennt sich Geoblocking und kennen wir von Streaming-Diensten, die in verschiedenen Ländern unterschiedliche Inhalte zeigen.
Microsoft könnte theoretisch europäischen Unternehmen den Zugang zu Azure Cloud Services verwehren. Apple könnte iPhones in Europa funktionsunfähig machen oder den App Store sperren. Google könnte Android-Updates stoppen und den Play Store dichtmachen. Rechtlich wäre das ein Minenfeld, wirtschaftlich ein Desaster für die Unternehmen – aber in einem echten politischen Konflikt, bei Sanktionen oder einem Handelskrieg? Durchaus denkbar.
Wir haben das bereits gesehen: Als Huawei auf die US-Sanktionsliste kam, verlor der chinesische Konzern über Nacht den Zugang zu Google-Diensten. Die Smartphones funktionierten zwar technisch noch, aber ohne Play Store, ohne Gmail, ohne Google Maps waren sie für die meisten Nutzer praktisch wertlos. Die Abhängigkeit ist real – und sie ist verwundbar.
Der digitale Super-GAU
Was würde passieren, wenn tatsächlich Microsoft 365 oder die Google Cloud von heute auf morgen nicht mehr funktionieren? Kurz gesagt: Chaos.
Unternehmen wären sofort handlungsunfähig. Keine E-Mails, keine Dokumente, keine Zusammenarbeit. Mittelständler, die ihre komplette IT in die Microsoft Cloud ausgelagert haben, könnten nicht mehr arbeiten. Start-ups, die auf AWS (Amazon Web Services) setzen, wären offline. Krankenhäuser, die Patientendaten in amerikanischen Clouds speichern, hätten keinen Zugriff mehr – mit potenziell lebensbedrohlichen Folgen.
Behörden und Verwaltungen, die trotz aller Warnungen auf US-Dienste setzen, wären lahmgelegt. Schulen, die mit Google Classroom oder Microsoft Teams arbeiten, könnten keinen digitalen Unterricht mehr anbieten. Und bei Smartphones wird’s richtig absurd: Ein iPhone ohne iCloud, ohne App Store, ohne Updates ist praktisch Elektroschrott. Android ohne Google-Dienste? Haben wir bei Huawei gesehen – funktioniert technisch, ist aber für die meisten unbenutzbar.
Wir reden hier nicht von ein bisschen Unannehmlichkeit – sondern vom Zusammenbruch unserer digitalen Infrastruktur.
Europa kann digital – wenn wir wollen
Jetzt die gute Nachricht: Es gibt Alternativen. Und zwar richtig gute. Wir müssen nicht in Panik verfallen, sondern können strategisch gegensteuern.
Cloud-Speicher: Nextcloud ist Open Source und kann auf europäischen Servern gehostet werden. Viele Universitäten, Forschungseinrichtungen und Behörden nutzen das bereits erfolgreich. Kommerzielle Alternativen? IONOS, Strato, die Open Telekom Cloud – alles europäische Anbieter mit Servern in Europa, DSGVO-konform und rechtssicher.
Office-Software: OnlyOffice und Collabora Office sind leistungsfähige Open-Source-Alternativen zu Microsoft Office. Sie sind kompatibel mit Word-, Excel- und PowerPoint-Formaten und können in der Cloud oder lokal betrieben werden. Keine Feature-Nachteile, kein Vendor Lock-in.
E-Mail: Posteo, Mailbox.org (beide Deutschland) oder Proton Mail (Schweiz) bieten sichere, verschlüsselte E-Mail-Dienste. Datenschutz auf höchstem Niveau, Server in Europa, transparent und verlässlich.
Suchmaschinen: Ecosia aus Deutschland pflanzt mit Werbeeinnahmen Bäume und respektiert die Privatsphäre. Qwant aus Frankreich trackt überhaupt nicht. Beide liefern gute Suchergebnisse – ohne Datensammelwahn.
Künstliche Intelligenz: Aleph Alpha aus Deutschland entwickelt europäische KI-Modelle speziell für Unternehmen und Behörden. Mistral aus Frankreich baut Open-Source-KI-Modelle, die mit den amerikanischen Platzhirschen mithalten können. Sie sind vielleicht noch nicht ganz auf ChatGPT-Niveau, aber sie holen rasant auf – und die Daten bleiben in Europa.
Digitale Souveränität ist kein Luxus
Das Problem ist nicht, dass es keine Alternativen gibt. Das Problem ist, dass viele sie nicht kennen – oder die Umstellung scheuen. Jahrelang haben wir uns bequem in den Ökosystemen von Google, Microsoft und Apple eingerichtet. Alles funktioniert, alles ist integriert, alles ist kostenlos (naja, wir bezahlen mit unseren Daten).
Aber diese Bequemlichkeit hat einen Preis: totale Abhängigkeit. Für Privatpersonen mag das verschmerzbar sein. Für Unternehmen, Behörden und kritische Infrastrukturen ist es fahrlässig.
Digitale Souveränität – also die Fähigkeit, unsere digitale Infrastruktur selbst zu kontrollieren – ist kein Luxus und keine Spinnerei von EU-Bürokraten. Es ist eine Frage der Sicherheit, der Resilienz und der Zukunftsfähigkeit.
Wir müssen nicht komplett auf amerikanische Dienste verzichten. Aber wir sollten Alternativen kennen, aufbauen und nutzen. Gerade im professionellen Umfeld. Europa kann digital – wenn wir es wollen, fördern und ernst nehmen.
Die Zeit des digitalen Outsourcings an Silicon Valley sollte vorbei sein. Fangen wir an, unsere digitale Zukunft selbst zu gestalten. Die Werkzeuge haben wir – wir müssen sie nur benutzen.