Vulnerable Datenleitungen: Europas Abhängigkeit von fremden Seekabeln

von | 07.10.2022 | Digital

Die Attacken auf kritische Infrastruktur haben in den letzten Jahren dramatisch zugenommen. Der Anschlag auf die Gas-Pipelines NordStream 1 und 2, die mysteriösen Kabelbrüche in der Ostsee 2024, die gezielten Cyberattacken auf europäische Stromnetze – all das macht überdeutlich: Unsere Infrastruktur ist angreifbar und verletzlich. Doch wie sieht es eigentlich mit Datenleitungen aus? Die Kabel, die Europa mit den USA, Asien und Afrika verbinden, liegen ebenfalls unter Wasser und transportieren gigantische Datenmengen. Was passiert, wenn es zu Sabotage kommt – droht dann ein Internet-Kollaps in Europa?

Das ist ein Aspekt, über den sich die meisten gar keine Gedanken machen. Das Internet ist einfach da – und funktioniert. Aber wie fließen die Daten eigentlich um die Welt? Und wer kontrolliert diese kritische Infrastruktur?

96% des globalen Datenverkehrs durch Seekabel

Es ist erstaunlich – aber 96% des globalen Datenverkehrs, also der Internetdaten, die Landesgrenzen überschreiten, fließt durch Seekabel. Also Kabel, die am Grund der Weltmeere liegen. Sie werden von hochspezialisierten Schiffen aufwändig verlegt und am Meeresboden vergraben. Früher waren das Kupferkabel, heute sind das Glasfaserkabel mit einer Übertragungskapazität, die sich alle paar Jahre vervielfacht.

Die meisten Kabel sind etwa armstark, die neuesten Generation erreicht Oberschenkeldicke. Das meiste davon sind Schutzschichten gegen Korrosion, Fischernetze und Anker. Die eigentlichen Glasfasern im Inneren sind hauchdünn – und übertragen dennoch Petabytes an Daten pro Sekunde.

Rund 600 solcher Megakabel existieren mittlerweile weltweit. Nicht wenige sind über 10.000 Kilometer lang und bilden das Rückgrat des internationalen Datenaustauschs. Aneinandergereiht könnte man damit 40 Mal den Äquator umwickeln. Und es werden immer mehr: Bis 2028 sollen über 100 neue Kabel verlegt werden, viele davon finanziert von Tech-Giganten.

Viele denken, Satelliten würden eine Alternative bieten. Das stimmt nur bedingt. Zwar hat SpaceX mit Starlink und Amazon mit Project Kuiper neue Satellitenkonstellationen aufgebaut, aber für den Bulk-Datenverkehr bleiben Seekabel unschlagbar: billiger, zuverlässiger und mit geringerer Latenz.

Seit Edwarnd Snowden wissen wir: Der US-Geheimdienst belauscht Seekabel

Seit Edward Snowden wissen wir: Der US-Geheimdienst belauscht Seekabel

Internet-Aus in Europa? Die Realität ist kompliziert

Was passiert, wenn Angreifer Datenkabel zerstören? Die Antwort ist differenzierter geworden, seit wir 2024 mehrere mysteriöse Kabelbrüche in der Ostsee erlebten. Als die Kabel zwischen Deutschland-Finnland und Schweden-Litauen gleichzeitig beschädigt wurden, spürten Nutzer tatsächlich Verlangsamungen.

Das Internet wurde ursprünglich so konzipiert, dass zerstörte Routen kein Totalausfall bedeuten. Die Daten „suchen“ sich automatisch alternative Wege. Das funktioniert – aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Moderne Kabel haben derart hohe Kapazitäten, dass der Ausfall eines einzigen Kabels den verbleibenden Traffic auf andere Routen umleitet und diese überlastet.

Die Realität 2026: Europa hängt an wenigen, hochkapazitiven Hauptverbindungen. Fallen mehrere gleichzeitig aus, wird’s kritisch. Besonders verwundbar sind die Landestellen, wo Kabel an Land gehen. Hier konzentriert sich oft der Traffic mehrerer Kabel auf wenige Standorte.

Experten warnen: Ein koordinierter Angriff auf 3-4 strategische Kabel könnte Europa wochenlang vom globalen Internet abkoppeln. Die Redundanz, auf die wir uns verlassen, existiert hauptsächlich auf dem Papier.

Wem gehört das Internet? Europa verliert den Anschluss

Hier wird’s politisch brisant: Wer die Kabel besitzt, kontrolliert den Informationsfluss. Und die Eigentumsverhältnisse haben sich dramatisch verschoben.

Früher verlegten Telekom-Konzerne wie AT&T, British Telecom oder die Deutsche Telekom die meisten Kabel. Heute dominieren US-Tech-Giganten: Google, Microsoft, Meta und Amazon besitzen oder kontrollieren bereits über 70% der neu verlegten Kabel. Sie wollen unabhängig sein und ihre Cloud-Services optimieren.

Parallel drängt China aggressiv auf den Markt. Das „Peace“-Kabel von Huawei ist nur der Anfang. Chinesische Staatsunternehmen verlegen systematisch Kabel nach Afrika, Südamerika und sogar Europa. Das „Digital Silk Road“-Projekt soll bis 2030 ein alternatives Internet-Backbone schaffen – unter chinesischer Kontrolle.

Und Europa? Katastrophal schlecht aufgestellt. Deutsche, französische oder italienische Unternehmen spielen kaum noch eine Rolle. Wir sind Konsumenten fremder Infrastruktur geworden. Das macht uns erpressbar: Wer die Kabel kontrolliert, kann Datenströme drosseln, umleiten oder ganz kappen.

Die EU-Kommission hat das Problem erkannt und 2025 die „European Digital Sovereignty Initiative“ gestartet. Bis 2030 sollen europäische Konsortien wieder eigene Kabel verlegen. Aber ob das reicht, um den Rückstand aufzuholen, ist fraglich.

Das Internet ist ohne leistungsfähige Unterseekabel nicht denkbar

Spionage und Sabotage: Die unsichtbare Bedrohung

Seit den Snowden-Enthüllungen wissen wir: Geheimdienste zapfen systematisch Seekabel an. Aber die Methoden sind raffinierter geworden. Die USA haben ihre „Upstream“-Programme ausgeweitet, China baut eigene Abhörkapazitäten auf, und Russland setzt spezialisierte U-Boote ein.

Die russische Marine betreibt eine ganze Flotte von Spionageschiffen und Mini-U-Booten, die Kabel anzapfen oder manipulieren können. 2024 erwischte die NATO mehrfach russische Schiffe dabei, wie sie „zufällig“ über kritischen Kabelrouten kreuzten. Zufall? Wohl kaum.

China geht subtiler vor: Huawei und andere chinesische Konzerne bauen bewusst Backdoors in ihre Kabel-Hardware ein. Wer chinesische Seekabel nutzt, liefert Beijing potentiell alle durchlaufenden Daten.

Die Lösung? Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ist Pflicht geworden. Aber auch hier hinkt Europa hinterher: Während die USA ihre eigenen Quantenverschlüsselungs-Standards entwickeln und China massive Investitionen tätigt, diskutiert die EU noch über Regulierung.

Die AG KRITIS warnt seit Jahren: Europa behandelt digitale Infrastruktur stiefmütterlich. Wir importieren Hardware, mieten Kapazitäten und wundern uns dann über Abhängigkeiten.

Quo vadis, digitale Souveränität?

Die Lösung liegt auf der Hand, ist aber teuer: Europa braucht eigene Kabel, eigene Technologie, eigene Standards. Erste Projekte laufen: Das EuroHPC-Konsortium plant Quanteninternet-Verbindungen, und mehrere EU-Staaten investieren in nationale Kabelnetze.

Aber die Zeit läuft davon. Während wir diskutieren, schaffen andere Fakten. Die nächste Krise kommt bestimmt – und dann werden wir sehen, wie verwundbar unsere digitale Infrastruktur wirklich ist.

Zuletzt aktualisiert am 20.02.2026