Das Phänomen „Drachenlord“ und das Fake-Interview in BILD

von | 12.01.2023 | Digital

Rainer Winkler alias „Drachenlord“ wird seit Jahren von einem Internetmob gnadenlos gehetzt. Die „Bild“ führte angeblich ein Interview mit ihm – und saß einem Betrüger auf.

Im Netz geht es zuweilen ganz schön rau zu. Es gibt durchaus einen Mob im Virtuellen, der gerne pöbelt, beleidigt und zuschlägt. Das gilt ganz besonders für Menschen, die sich in Social Media exponieren: Wer Applaus will, der muss auch viele Pöbeleien und oft Beleidigungen ertragen. Doch wohl niemanden trifft es in Deutschland so hart wie einen 33-jährigen Youtuber, den alle nur als „Drachenlord“ kennen.

Er wird bereits seit fast 10 Jahren aufs Übelste bedrängt und drangsaliert – auch im richtigen Leben. Vor einigen Tagen hatte die BILD ein angebliches Interview mit ihm veröffentlicht. Überschrift: „Der meistgehasste Mann des Internet“ – mit riesigem Bild daneben. Doch das Interview war ein Fake.

Wer ist Drachenlord?

Es handelt sich um einen mittlerweile 33-jährigen Youtuber, der schon vor weit über zehn Jahren versucht hat, vor allem auf Youtube prominent zu werden. So wie viele andere Influencer. Und zwar mit Videos über Metal, Computerspiele – aber auch mit Alltagsgeschichten und ganz gewöhnlichen Ansichten. Teilweise sogar live. Doch schnell haben sich „Hater“ gefunden, die ihn drangsaliert haben. Zunächst auf den verschiedenen Plattformen.

Er wurde beschimpft, bepöbelt, beleidigt. Wegen seiner Ausdrucksweise oder Figur aufgezogen. Der virtuelle Mob hat ihn sich als Opfer ausgesucht – und gnadenlos zugeschlagen. Rund um die Uhr. Es wird als „Drachengame“ bezeichnet, sich neue Dinge einfallen zu lassen, wie man den jungen Mann demütigen und drangsalieren kann. Es gibt gehässige Zusammenschnitte seiner Videos, aber auch Bilder oder Cartoons, die ihn verhöhnen.

Es gab sogar eine junge Frau, die vortäuschte, er gefalle ihr sehr gut. Irgendwann hat Winkler ihr live online die Liebe eingestanden, und sie hat ihn aufs Übelste beschimpft und niedergemacht. Es sind also keineswegs nur Männer beteiligt bei dieser perfiden Art der Demütigung.

Auch im echten Leben bedrängt

Das alles mag man sich ja schon gar nicht vorstellen – aber im echten Leben hat der Youtuber ja auch keine Zuflucht gefunden.

Zuerst hatte der Mob seine leibliche Schwester bedrängt, darauf hat er den Fehler gemacht, seine echte Wohnadresse zu verraten. Ein altes Haus in einem winzigen Dorf in Mittelfranken. Dann sind monatelang Hater dorthin gefahren, auch in Gruppen, und haben ihn Tag und Nacht belästigt. Irgendwann hat sich der Mann gewehrt und einen Hater mit einer Taschenlampe geschlagen – und wurde dafür von einem Gericht zu einem Jahr auf Bewährung bestraft.

Rechtliche Konsequenzen

Aber wie sieht es mit den Hatern aus – da müsste es doch auch Anzeigen, Anklagen und Urteile satt gegeben haben…

Eben nicht. Es ist ja allgemein so, dass Polizei und Staat vergleichsweise wenig unternehmen gegen Straftaten im Netz. Sie einfach nicht ernst nehmen und schon gar nicht ernsthaft verfolgen. Nur ist das leider sogar in einem Fall wie diesem so: Alle kennen das Opfer, alle sehen, was passiert – und trotzdem passiert kaum etwas. Nach Auskunft von Winkler, im Spiegel-Artikel nachzulesen, fühlen sie die Amtsinhaber für diese Form von Stalking nicht zuständig.

Der Spiegel hat das recherchiert. Offensichtlich gibt es weder bei der Polizei, noch beim bayerischen LKA spezialisierte Ermittlerteams, die sich darum kümmern. Das Opfer wird schlichtweg allein gelassen. Der Spiegel-Autor resümiert: „Dass der deutsche Staat einen Menschen so schutzlos zurücklässt, gehört für mich zu den verstörendsten Rechercheergebnissen dieses Jahres.“ Das kann man nur unterstreichen. Es wird viel von Digitalisierung geredet, aber einen Rechtsstaat gibt es im Netz gibt.

Das Interview mit BILD

Man muss wissen: Der SPIEGEL hatte im Dezember ein tatsächliches Interview mit Rainer Winkler veröffentlicht – da wollte BILD wohl nachlegen. Ein Chefreporter der Zeitung hatte versucht, den Mann zu kontaktieren. Das ist zweifellos nicht einfach, denn aus verständlichen Gründen ist Winkler vorsichtig. Doch der BILD-Reporter hatte Kontakte mit einem Twitter-Account aufgenommen, das vermeintlich von Drachenlord zu sein schien. Und dann ein schriftliches Interview geführt.

Ein Telefongespräch hat es nicht gegeben. Alles schriftlich. Zwar hat die Redaktion Belege für die Authentizität eingefordert, aber offensichtlich haben die Betreiber des Fake-Kontos ausreichend gut gefälscht Dokumente vorgelegt. Darauf erschien eine ganzseitige Geschichte, mit der Headline „Der meistgehasste Mann im Internet“. Ein Foto von Winkler daneben. (Der Beitrag ist mittlerweile nicht mehr online.)

Und das Fake-Interview sowie ewig wiederholte Details des Martyriums. Auf einem Youtube-Kanal lachen sich die Betreiber des Twitter-Accounts schlapp, wie einfach es war, die BILD auszutricksen. Und sie raten Winkler sogar, etwas dagegen zu unternehmen. Eine Gegendarstellung zu verlangen oder etwas gegen die unerlaubte Verwendung des Fotos zu unternehmen.

Auf jeden Fall hat die BILD den Hatern einen Dienst erwiesen und das Opfer abermals vorgeführt.

 

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