BeReal: Vom Anti-Instagram-Hype zum vergessenen Experiment

von | 09.09.2022 | Social Networks

BeReal war einst der heiße Tipp als Anti-Instagram. Die App versprach authentische Momente ohne Filter und Inszenierung. Doch was ist aus dem Hype um spontane Alltagsfotos geworden? Ein Blick auf Rise and Fall einer App, die das Echte suchte.

Erinnert ihr euch noch an BeReal? 2022 war die App in aller Munde. Während auf Instagram weiterhin perfekt inszenierte Traumwelten dominierten – leckeres Essen, Luxusurlaube, makellose Posen –, versprach BeReal das Gegenteil: ungeschminkte Authentizität. Keine Filter, keine Inszenierung, kein endloses Optimieren der Posts. Eine Art digitaler Realitätscheck in Zeiten von Hochglanz-Content.

Das Konzept klang revolutionär: Einmal täglich, zu einem völlig unvorhersagbaren Zeitpunkt, sollten alle Nutzer gleichzeitig ein spontanes Foto machen. Zwei Minuten Zeit, Front- und Rückkamera gleichzeitig aktiviert, kein Nachbearbeiten möglich. Authentizität durch Zeitdruck – so die Theorie.

Zwei Minuten Zeit, ein Foto einzustellen

Zwei Minuten Zeit, ein Foto einzustellen

Das Konzept: Kontrolle abgeben für Authentizität

BeReal nahm den Nutzern bewusst die Kontrolle ab. Statt selbst zu entscheiden, wann und was gepostet wird, diktierte die App das Timing. Täglich zu einer anderen, unbekannten Uhrzeit kam die Benachrichtigung: „Time to BeReal!“ Dann blieben genau 120 Sekunden, um ein Foto zu machen und hochzuladen.

Die Regeln waren strikt: Nur Fotos, keine Videos. Keine Filter oder Effekte. Das Foto musste direkt in der App entstehen – Import aus der Galerie war nicht möglich. Dadurch entstanden tatsächlich authentische Momentaufnahmen: Menschen beim Zähneputzen, im Hörsaal, beim Warten auf den Bus oder beim Netflix-Binge auf dem Sofa.

Wer das Zeitfenster verpasste, konnte später nachreichen – aber dann wurde das Foto als „#late“ markiert. Mehrere Versuche waren möglich, aber auch das blieb für alle sichtbar. Totale Transparenz statt Perfektion.

Nur wer mitmacht, darf die Bilder anderer ansehen

Nur wer mitmacht, darf die Bilder anderer ansehen

Authentizität als kurzlebiger Trend

Zeitweise funktionierte das Konzept tatsächlich. BeReal explodierte förmlich: Von zwei Millionen täglichen Nutzern im Januar 2022 auf fast acht Millionen im Juli desselben Jahres. Die Gen Z sprang besonders darauf an – endlich eine Plattform ohne den Druck zur Perfektion.

Die Inhalte waren tatsächlich anders: Statt makelloser Inszenierungen gab es Einblicke in echte Alltagsmomente. Menschen beim Arbeiten, Lernen, Chillen. „Back to Banality“ – zurück zur Banalität des echten Lebens. Das war erfrischend, aber auch… nun ja, banal.

Denn hier lag bereits das erste Problem: Wie spannend ist es langfristig, täglich zu sehen, wie Freunde vor dem Fernseher sitzen oder Nudeln kochen? Die anfängliche Faszination für das „Echte“ wich schnell der Ernüchterung über das oft Langweilige.

Der große Absturz

Was 2022 noch wie der nächste große Wurf aussah, erwies sich als klassischer Hype-Cycle. Schon 2023 begann der Absturz: Die Nutzerzahlen sanken dramatisch, die App verschwand aus den Charts. Heute, 2026, ist BeReal praktisch tot – ein weiteres Beispiel dafür, wie schnell sich digitale Trends wandeln können.

Mehrere Faktoren führten zum Scheitern: Die Neuheit des Konzepts nutzte sich ab. Die meisten Posts waren schlichtweg uninteressant. Ohne Likes oder andere Belohnungsmechanismen fehlte vielen die Motivation. Und vor allem: Die großen Plattformen kopierten einfach das Konzept.

Instagram macht’s nach – und besser

Meta war nicht untätig. Schon 2022 testete Instagram „IG Candid Challenges“ – praktisch eine 1:1-Kopie des BeReal-Konzepts. Snapchat führte ähnliche Features ein. TikTok experimentierte mit spontanen Photo-Challenges. Die etablierten Plattformen integrierten die besten Ideen von BeReal in ihre bereits erfolgreichen Ökosysteme.

Für BeReal war das der Todesstoß. Warum eine separate App nutzen, wenn Instagram, Snapchat und Co. ähnliche Features bieten – zusätzlich zu all den anderen Funktionen, die man dort bereits nutzt? Die Nutzer kehrten zu ihren gewohnten Plattformen zurück.

Was bleibt von BeReal?

Obwohl BeReal als eigenständige Plattform gescheitert ist, hat die App durchaus Spuren hinterlassen. Das Bedürfnis nach mehr Authentizität in sozialen Medien ist real – auch wenn sich gezeigt hat, dass reine Authentizität allein nicht ausreicht.

Meta und andere haben gelernt: Nutzer wollen zwar authentischere Inhalte, aber nicht ausschließlich. Eine Mischung aus perfekten und imperfekten Momenten, aus Träumen und Realität funktioniert besser als radikale Beschränkung auf das „Echte“.

Viele Features leben heute in anderer Form weiter: Spontane Story-Challenges bei Instagram, zeitbasierte Posts bei Snapchat, authentischere Content-Formate auf allen großen Plattformen. BeReal ist tot, aber seine DNA lebt in den Features weiter, die täglich von Milliarden genutzt werden.

Die Lektion? Innovation im Social Media-Bereich ist wichtig, aber ohne nachhaltiges Engagement und starke Netzwerkeffekte reicht auch die beste Idee nicht aus, um gegen die etablierten Giganten zu bestehen. BeReal war ein interessantes Experiment – aber letztendlich nur das: ein Experiment mit Verfallsdatum.

Zuletzt aktualisiert am 20.02.2026