Das Selfie-Paradox: Urheberrecht und der Eiffelturm bei Nacht

von | 30.06.2023 | Digital

In der Welt der Selfies und sozialen Medien lauern unerwartete rechtliche Fallstricke. Warum ein nächtliches Selfie mit dem Eiffelturm mehr sein könnte als nur ein harmloser Schnappschuss!

In der digitalen Welt, in der wir leben, haben Selfies und Social Media die Art und Weise, wie wir Momente festhalten und teilen, revolutioniert. 2026 ist das Teilen von Bildern zur absoluten Selbstverständlichkeit geworden – TikTok, Instagram, BeReal und Co. leben davon.

Ein perfektes Selfie an einem markanten Ort kann nicht nur unseren Freunden und Familien, sondern auch Tausenden oder Millionen von Followern gezeigt werden. Doch während es so einfach ist, auf den Auslöser zu drücken und ein Bild zu posten, gibt es dabei rechtliche Fallstricke, die immer wichtiger werden – besonders, wenn eure Bilder viral gehen.

Auch bei Selfies aufpassen

Auch bei Selfies aufpassen

Eiffelturm in Paris: Urheberrecht für Leuchtinstallation

Einer der unerwartetsten Orte, an dem ihr auf rechtliche Probleme stoßen könnt, ist der Eiffelturm in Paris – oder genauer gesagt, der Eiffelturm bei Nacht. Die Règle ist nach wie vor aktuell und wird 2026 sogar verstärkt durchgesetzt, da die SETE (Société d’Exploitation de la Tour Eiffel) ihre Rechte aktiver verteidigt.

Urheberrecht ist ein Rechtsgebiet, das die Rechte von Personen schützt, die originale Werke erschaffen haben. Diese Werke können Bücher, Musik, Filme, Gemälde, aber auch Gebäude und künstlerische Installationen sein. Mit der EU-Urheberrechtsreform von 2024 wurden diese Rechte sogar noch gestärkt.

In der Europäischen Union sind Gebäude durch das Urheberrecht geschützt. Das bedeutet, dass der Architekt oder Designer eines Gebäudes das Recht hat, die Verwendung von Bildern dieses Gebäudes zu kontrollieren. Bei KI-generierten Inhalten wird das übrigens noch komplizierter – aber das ist ein anderes Thema.

Der Eiffelturm und die Panoramafreiheit

Jetzt fragt ihr euch vielleicht: „Aber ich sehe doch ständig Bilder des Eiffelturms! Wie kann das sein?“ Die Antwort liegt in einer besonderen Regelung des französischen Urheberrechts, die als „Panoramafreiheit“ bekannt ist – gibt es auch bei uns in Deutschland.

Diese Regelung erlaubt es Menschen, Bilder von Gebäuden und Kunstwerken im öffentlichen Raum zu machen und zu veröffentlichen, ohne die Erlaubnis des Urheberrechtsinhabers einholen zu müssen. In Deutschland ist die Panoramafreiheit übrigens großzügiger geregelt als in Frankreich.

Lichtinstallation ist geschützt

Aber es gibt einen Haken: Die Panoramafreiheit gilt nur für das Gebäude selbst und nicht für künstlerische Lichtinstallationen. Und hier kommt der Eiffelturm bei Nacht ins Spiel. Die nächtliche Beleuchtung des Eiffelturms ist ein künstlerisches Werk, das vom Urheberrecht geschützt ist.

Die aktuelle Lichtinstallation wurde von Pierre Bideau entworfen und ist seit 1985 urheberrechtlich geschützt. 2024 wurde die Beleuchtung technisch modernisiert und auf LED umgestellt, aber das Urheberrecht besteht weiterhin. Die SETE kann theoretisch gegen jede kommerzielle Nutzung von Nachtaufnahmen vorgehen.

Was passiert in der Praxis?

In der Realität wird die SETE nicht jeden Instagram-Post verfolgen. Die Durchsetzung konzentriert sich hauptsächlich auf kommerzielle Nutzung – Werbung, Verkauf von Postkarten oder professionelle Fotografie. Private Selfies werden normalerweise toleriert, solange sie nicht kommerziell verwertet werden.

Aber Vorsicht: Mit der neuen EU-Urheberrechtsrichtlinie von 2024 können auch Social-Media-Plattformen stärker zur Verantwortung gezogen werden. Instagram, TikTok und Co. haben ihre Content-ID-Systeme entsprechend verschärft. Theoretisch könnten eure Eiffelturm-Nachtbilder automatisch erkannt und blockiert werden.

Andere Gebäude, ähnliche Probleme

Der Eiffelturm ist nicht das einzige Bauwerk mit solchen Beschränkungen. Das Atomium in Brüssel hat ähnliche Regeln, ebenso wie viele moderne Gebäude in deutschen Städten. Die Elbphilharmonie in Hamburg, das Sony Center in Berlin oder die BMW Welt in München haben alle eigene Bildrechte-Regelungen.

Besonders bei Influencer-Marketing und kommerziellen Posts wird das immer wichtiger. Brands achten heute sehr genau darauf, keine Urheberrechte zu verletzen – die Strafen können empfindlich sein.

Praktische Tipps für 2026

Wenn ihr auf Nummer sicher gehen wollt, beachtet folgende Punkte:

  • Tageslicht-Aufnahmen sind meist unproblematisch
  • Bei Nachtaufnahmen mit künstlicher Beleuchtung vorsichtig sein
  • Kommerzielle Nutzung vorher abklären
  • Bei größeren Reichweiten (ab 10.000 Followern) besonders aufpassen
  • Location-Tags können eure Posts für Rechteinhaber sichtbarer machen

Viele Fotografen nutzen heute spezielle Apps, die vor problematischen Locations warnen. „Rights Checker“ oder „Photo Legal“ sind 2026 beliebte Tools dafür geworden.

Die Zukunft des Bildrechts

Mit KI-gestützter Bilderkennung wird die Durchsetzung von Urheberrechten immer einfacher. Google Lens, Apple Visual Intelligence und Co. können heute schon geschützte Gebäude und Kunstwerke automatisch erkennen. Rechteinhaber können ihre Ansprüche dadurch viel effizienter durchsetzen.

Gleichzeitig diskutiert die EU über eine Lockerung der Panoramafreiheit für private Nutzung. Ein Kompromiss könnte 2027 kommen – aber bis dahin gelten die aktuellen Regeln.

Fotografieren oder nicht?

Schlussendlich erinnert uns diese kuriose Regelung daran, dass wir in einer Welt leben, in der das Recht auf Bild und das Recht am Bild oft in Konflikt geraten. Während das Teilen von Selfies und Fotos ein integraler Bestandteil unserer digitalen Kultur geworden ist, bewegen wir uns in einem komplexen Netz von Rechten und Regulierungen.

Die scheinbar einfachen Dinge – wie ein Selfie zu machen – werden von rechtlichen und ethischen Überlegungen beeinflusst, die wir oft übersehen. Mit der zunehmenden Digitalisierung und KI-Überwachung werden diese Fragen nur wichtiger.

Beim nächsten Paris-Besuch könnt ihr also getrost tagsüber vor dem Eiffelturm posieren. Bei Nacht solltet ihr euch überlegen, ob das perfekte Selfie das rechtliche Risiko wert ist. Oder ihr genießt einfach den Moment – ohne Handy, ohne Stress, ohne Urheberrechtsprobleme.

Zuletzt aktualisiert am 18.02.2026