Elon Musk sperrt Twitter-Accounts renommierter Journalisten

von | 16.12.2022 | Digital

Elon Musk höchstpersönlich lässt diverse Twitter-Accounts von US-Journalisten sperren: Ohne Ankündigung, ohne Anhörung. Es regt sich Kritik gegen so viel Willkür. Was steckt dahinter?

Seit einigen Wochen regiert Elon Musk in der Firmenzentrale von Twitter in San Francisco. Die halbe Belegschaft hat er schon vor die Tür gesetzt. Und so manche Diskussion losgetreten, was auf einer öffentlichen Plattform eigentlich erlaubt sein soll – und was nicht. Doch jetzt hat Musk höchstpersönlich dafür gesorgt, dass die Twitter-Konten von sechs angesehenen US-Journalisten gesperrt wurden.

Von jetzt auf gleich. Auffallend daran: Alles Journalisten, die ihn vorher lautstark kritisiert haben. Was steckt dahinter und was sagt das über eine Plattform aus, wenn ein Mann alleine die Regeln aufstellt – und durchsetzt?

Twitter-Accounts mehrerer US-Journalisten gesperrt

Es wird berichtet, dass Twitter verschiedene Accounts von Journalisten blockiert hat – aber von wem und warum?

Es handelt sich dabei um die individuellen Accounts einiger durchaus angesehener Journalisten. Journalisten der New York Times, von der Washington Post, von CNN – sowie weitere Journalisten, die teilweise frei arbeiten. Einige der Journalisten haben mehr als 800.000 Follower.

Die Accounts wurden von heute auf morgen deaktiviert. Ohne Begründung, ohne Benachrichtigung, ohne einen Hinweis darauf, wie lange die Sperrung anhalten soll. Das Branchen-Magazin „The Verge“ hatte zuerst darüber berichtet.

Offensichtlich ausnahmslos Journalisten, die kurz zuvor sehr kritisch in ihren Medien und aber auch auf Twitter über den Twitter-Chef und reichsten Menschen der Welt berichtet hatten. Elon Musk selbst hatte die Sperrungen veranlasst und auch auf seinem Twitter-Profil verkündet.

Verbunden mit einer öffentlichen Umfrage, wie lange die Accounts gesperrt bleiben sollten. Musk argumentiert: Nicht die Kritik sei das Problem, sondern das sogenannte „Doxing“ – die Öffentlichmachung privater und persönlicher Informationen über ihn. Das verstoße gegen die Nutzungsbedingungen.

Elon Musk startet eine zynische Umfrage auf Twitter

Elon Musk startet eine zynische Umfrage auf Twitter

Doxing: Wenn persönliche Daten veröffentlicht werden

Ich denke, auf diesen Punkt sollten wir genauer eingehen: Um welche Art von persönlichen Informationen handelt es sich hier eigentlich?

Es geht darum, dass kurz vorher auf Twitter ein neuer Account aufgetaucht ist namens @ElonJet.

Betrieben von einem Bot, also von einem Computerprogramm. Unter diesem Account wurden die Flugbewegungen von Elon Musks Privatjet sichtbar gemacht. Im Prinzip keine komplizierte Sache: Die Bewegungen von Flugzeugen sind in entsprechenden Datenbanken öffentlich einsehbar; schließlich haben Flugzeuge wie Autos eine eindeutige Kennung.

Ein findiger Programmierer hat sich aber einen Spaß daraus gemacht und diese Daten für jeden öffentlich auf Twitter zugänglich gemacht. Das nennt Elon Musk „Doxing“. Prinzipiell ist das auch zutreffend, denn unter Doxing versteht man das Zusammentragen von persönlichen Daten aus verschiedenen Quellen im Netz und deren Veröffentlichung – meist, um einer Person zu schaden.

Doch gewöhnlich ist damit eher gemeint, dass ansonsten nicht öffentliche Informationen publiziert werden. In diesem Fall sind es Daten, die sowieso öffentlich zugänglich sind, wenn auch nicht so niederschwellig. Diesen Account @ElonJet hatte Musk zuvor schon sperren lassen. Mit dem Argument, das gefährde seine Sicherheit – und die seiner Familie.

Was nicht völlig von der Hand zu weisen ist. Und weil Doxing gegen die Nutzungsbedingungen verstoße, würde das geahndet und die Accounts würden gesperrt. Für @ElonJet mag man das noch verstehen, für die Accounts der Journalisten aber nicht – denn die hatten das bestenfalls erwähnt, aber nicht veranlasst.

Flugbewegungen des Privatjets von Elon Musk veröffentlicht

Flugbewegungen des Privatjets von Elon Musk veröffentlicht

Medienhäuser reagieren empört

Die Medienhäuser, ausnahmslos Bundesliga in den USA – also CNN, New York Times und Washington Post – reagieren empört und verlangen eine Aufklärung. Sie drohen nun auch damit, die „Beziehung im Hinblick auf die nun kommenden Reaktionen neu zu bewerten“. Bedeutet: Vielleicht ziehen sie sich zurück aus Twitter, wenn das eskaliert.

Für die Plattform Twitter kann es nicht gut sein, wenn große Medienhäuser nicht mehr auf der Plattform vertreten sind. Denn es sind die Beiträge der Medien, die auf allen Plattformen, aber auf Twitter ganz besonders für Diskussionen sorgen – und somit für die nötige „Erregung“, die die Plattformen so dringend brauchen.

Sie funktionieren nach dem Prinzip der „Erregungsökonomie“: Je mehr Wirbel, desto besser. Mehr Aufmerksamkeit = Mehr Zeit = Mehr Werbung und damit Einnahmen. So simpel ist die Rechnung. Am Ende muss man Elon Musk hier pures Kalkül unterstellen. Es kann ihm nichts Besseres passieren als dass es auf Twitter so richtig rund geht.

Darf ein Mensch eine Plattform „beherrschen“?

Bleibt aber die übergeordnete Frage: Wie kann es sein, dass ein Mann alleine darüber entscheidet, wer auf Twitter seine Meinung sagen darf und wer nicht?

Das ist in der Tat die entscheidende Frage. Musk behauptet zwar immer wieder, für die völlige Meinungsfreiheit einzutreten, aber immer dann, wenn ihm was nicht passt, zieht er irgendwelche Register.

Jetzt mit dem Argument „Doxing“ zu kommen ist in etwa so als Al Capone wegen Steuerhinterziehung zu belangen: von hinten durch die Brust.

Wir sehen am Beispiel Musk, wie gefährlich es ist, wenn ein Mensch alleine eine so relevante Plattform unter Kontrolle hat. Es braucht dringend Regeln, in den USA wie hier in Europa, die so etwas verhindern. Es braucht eine Institution, die sowohl Zugriffe von staatlicher Seite abblockt, aber auch Willkür und narzisstischer Größenwahn von Seiten etwaiger Eigentümer.

Ein „Board“, das in solchen Fällen entscheidet – reflektiert und nicht korrumpierbar –, was richtig und angemessen ist. Bei Facebook gibt es in Ansätzen so ein Board. Aber es ist freiwillig. Die Politik müsste so etwas für Plattformen aber einer bestimmten Größe verpflichtend vorschreiben.

 

Schieb App