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Musks X-Experiment: Wie Twitter zum Milliardengrab wurde

von | 11.05.2022 | Social Networks

Zwei Jahre nach Elon Musks Übernahme von Twitter zu X ist die Bilanz ernüchternd: Massenweise Nutzerabwanderungen, Werbekunden im freien Fall und ein neuer CEO. Während Trump längst zurück ist und erneut für die Präsidentschaft kandidiert, kämpft Musk mit den Folgen seiner radikalen „Meinungsfreiheit“-Vision. Ein Blick auf das gescheiterte Social-Media-Experiment.

Im Oktober 2022 war es soweit: Elon Musk übernahm Twitter für 44 Milliarden Dollar und benannte die Plattform in „X“ um. Was folgte, war eine beispiellose Transformation, die das ehemalige Twitter grundlegend veränderte – aber nicht unbedingt zum Besseren.

Musk entließ innerhalb weniger Wochen rund 80% der Belegschaft, schaffte die bisherigen Verifizierungssysteme ab und führte kostenpflichtige Häkchen ein. Das Ergebnis: Massive technische Probleme, ein Anstieg von Hassrede und Desinformation sowie ein dramatischer Rückgang der Werbeeinnahmen um geschätzte 70%.

Große Unternehmen wie Apple, Disney und IBM zogen ihre Werbung zurück, nachdem ihre Anzeigen neben extremistischen Inhalten erschienen waren. Musk selbst verstärkte die Krise durch kontroverse Tweets und die Wiederherstellung gesperrter Accounts ohne klare Regeln.

Elon Musk: Chef von Starlink

Von „absoluter Meinungsfreiheit“ zur Realität

Musks Vision einer „absoluten Meinungsfreiheit“ erwies sich schnell als unrealistisch. Rechtliche Vorgaben wie das NetzDG in Deutschland und der Digital Services Act der EU zwangen X weiterhin zur Moderation von Inhalten.

Paradoxerweise führte Musk selbst neue Beschränkungen ein: Verlinkungen zu Konkurrenzplattformen wurden zeitweise blockiert, kritische Journalisten gesperrt und das Wort „Cisgender“ als Beleidigung eingestuft. Die versprochene Transparenz blieb aus – stattdessen wurden Moderationsentscheidungen noch undurchsichtiger.

Studien zeigen einen drastischen Anstieg von Hassrede seit der Übernahme. Das Center for Countering Digital Hate dokumentierte eine Verdopplung antisemitischer Posts, während homophobe Inhalte um 58% zunahmen. Viele Nutzer wanderten zu Alternativen wie Mastodon, Threads oder Bluesky ab.

Besonders problematisch: Die Zerschlagung des Trust and Safety Teams führte dazu, dass staatliche Desinformationskampagnen wieder verstärkt auf der Plattform aktiv werden konnten. Experten warnen vor den Auswirkungen auf demokratische Prozesse weltweit.

Trumps Rückkehr und ihre Folgen

Wie angekündigt holte Musk Donald Trump bereits im November 2022 zurück auf die Plattform. Der Ex-Präsident war 2021 nach dem Sturm auf das Kapitol gesperrt worden, kehrte aber zunächst nur zögerlich zurück – sein eigenes Netzwerk „Truth Social“ sollte Priorität haben.

Mittlerweile nutzt Trump X wieder intensiv für seinen Wahlkampf 2024. Seine Rückkehr verstärkte die Polarisierung auf der Plattform erheblich. Studien zeigen, dass politische Diskussionen extremer und aggressiver geworden sind.

Trumps Truth Social erwies sich tatsächlich als Flop – die Nutzerzahlen stagnierten bei wenigen Millionen, während technische Probleme das Netzwerk plagten. Die Aktie des Mutterkonzerns Trump Media verlor über 70% ihres Wertes seit dem Börsengang.

Tweet von Donald Trump

Linda Yaccarino als neue CEO

Im Juni 2023 holte Musk Linda Yaccarino, ehemalige NBCUniversal-Managerin, als CEO an Bord. Ihre Hauptaufgabe: Werbekunden zurückgewinnen und X finanziell stabilisieren. Doch Musks unberechenbare Tweets untergruben regelmäßig ihre Bemühungen.

Ein Tiefpunkt war erreicht, als Musk antisemitischen Verschwörungstheorien auf X zustimmte. Selbst eine Entschuldigung und ein Besuch in Auschwitz konnten den Schaden nur begrenzt reparieren. Yaccarino kämpft seitdem um Schadensbegrenzung, während Musk weiterhin die eigentliche Macht ausübt.

Die Transformation zu einer „Alles-App“ namens X kommt nur schleppend voran. Geplante Features wie Zahlungsdienste und Video-Calls sind noch immer nicht vollständig implementiert. Stattdessen experimentiert X mit fragwürdigen Monetarisierungsmodellen wie dem Verkauf inaktiver Nutzernamen.

Auswirkungen auf die digitale Landschaft

Musks X-Experiment veränderte die gesamte Social-Media-Landschaft. Konkurrenten wie Threads (Meta), Bluesky und Mastodon gewannen Millionen von Nutzern. Viele Organisationen, Medien und Prominente reduzierten ihre X-Aktivitäten drastisch oder verließen die Plattform ganz.

Besonders in Europa wächst der regulatorische Druck. Die EU-Kommission leitete Verfahren gegen X wegen Verstößen gegen den Digital Services Act ein. Mögliche Strafen könnten sich auf Milliarden belaufen.

Für Journalisten und Nachrichtenorganisationen bleibt X trotz aller Probleme relevant – zu wichtig ist die Plattform noch immer für Breaking News und politische Kommunikation. Doch das Vertrauen in die Plattform ist nachhaltig beschädigt.

Musks Vision einer freien Meinungsäußerung ohne „Zensur“ erwies sich als naiv. Stattdessen zeigt X exemplarisch, warum Content-Moderation und klare Regeln für funktionierende Online-Diskurse unverzichtbar sind. Die Frage bleibt: Kann X unter Linda Yaccarinos Führung noch stabilisiert werden, oder war Musks 44-Milliarden-Dollar-Experiment von Anfang an zum Scheitern verurteilt?

Zuletzt aktualisiert am 21.02.2026

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