Ich habe kürzlich eine Meldung gelesen, die mich ehrlich gesagt kurz sprachlos gemacht hat. Western Digital und Seagate – zwei der drei letzten großen Festplattenhersteller auf der Welt – haben ihren kompletten Jahresvorrat für 2026 bereits verkauft. Nicht ein paar Modelle. Nicht eine bestimmte Produktlinie. Alles weg. Und das im Februar. Was steckt dahinter? Ganz einfach: KI. Und das hat Konsequenzen, die weit über die Tech-Welt hinausgehen.
Wer kauft das alles auf?
Amazon, Google, Microsoft, Meta, OpenAI – die üblichen Verdächtigen im KI-Geschäft. Sie alle bauen gerade im Rekordtempo neue Rechenzentren, in denen gigantische Mengen an Trainingsdaten gespeichert werden müssen. Und dafür brauchen sie Speicher. Viel Speicher.
Die Firmenchefs von Western Digital und Seagate haben das in ihren aktuellen Aktionärsberichten offen bestätigt. Western-Digital-CEO Irving Tan sagte wörtlich, man sei für das Kalenderjahr 2026 so gut wie ausverkauft – mit festen Bestellungen der sieben größten Kunden. Und erste Lieferverträge laufen bereits bis 2028.
Das ist keine Spekulation. Das sind Fakten aus Geschäftsberichten börsennotierter Unternehmen.
Warum ausgerechnet Festplatten?
Das ist die naheliegende Frage. Festplatten gelten ja eigentlich als Auslaufmodell – langsam, klunkerig, von SSDs längst abgehängt. Warum also dieser plötzliche Ansturm auf die gute alte Magnetplatte?
Die Antwort liegt in der schieren Datenmenge, die KI-Systeme erzeugen und speichern müssen. Trainingsdaten, Modelldaten, Protokolle, Rohdatensätze – das summiert sich schnell auf Millionen von Terabyte. Und wer so viel Speicher braucht, schaut als erstes auf den Preis pro Terabyte.
Dort schlägt die Festplatte jede SSD um Längen. Für Hyperscaler, die buchstäblich Millionen von Laufwerken verbauen, macht das einen gewaltigen Unterschied. Die klassische HDD ist also nicht tot – sie ist im KI-Zeitalter unverzichtbarer denn je.

Was das im Alltag bedeutet
Jetzt wird es für uns alle relevant. Wer gerade eine externe Festplatte kaufen will – für Urlaubsfotos, als Backup, für den Heimrechner – zahlt spürbar mehr. Laut dem heise Preisradar sind die HDD-Preise im deutschen Handel seit Mitte 2025 um 20 bis 50 Prozent gestiegen. Und weil die Hyperscaler als Ersatz auch noch massenhaft SSDs aufkaufen, steigen die ebenfalls – teils um das Zwei- bis Dreifache.
Das trifft nicht nur Technikbegeisterte. Das trifft jeden, der ein Gerät kauft oder einfach nur seinen Datenspeicher erweitern will.
Festplatten sind nur die Spitze des Eisbergs
Ich beobachte diesen Trend schon eine Weile – und Festplatten sind tatsächlich nur der neueste und vielleicht deutlichste Ausdruck eines viel größeren Problems. Der KI-Hunger der Techkonzerne hat längst die gesamte Halbleiter- und Speicherindustrie erfasst.
Am härtesten hat es bislang den Arbeitsspeicher erwischt. DDR5-RAM ist seit Herbst 2025 um bis zu 270 Prozent teurer geworden. Das klingt absurd – ist aber belegbar.
Das Vergleichsportal guenstiger.de hat über 1.200 DDR5-Produkte ausgewertet und festgestellt, dass 96 Prozent aller erfassten Module teurer geworden sind. Ein ganz konkretes Beispiel: Ein 32-GB-Kit von Corsair kostete im August 2025 noch 129 Euro. Im November waren es bereits 237 Euro. Fast das Doppelte – in drei Monaten.
Der Grund ist immer derselbe: Samsung und SK Hynix, die zusammen rund 70 Prozent des weltweiten DRAM-Marktes kontrollieren, haben ihre Produktion massiv auf hochprofitablen KI-Speicher umgestellt. Für normale Verbraucher bleibt schlicht weniger übrig. Der Marktbeobachter TrendForce prognostiziert für das erste Quartal 2026 weitere Preissteigerungen bei DDR5-RAM von bis zu 110 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Eine Entspannung ist nicht in Sicht – eher im Gegenteil.
Und der Dominoeffekt geht weiter. Weil Speicherchips knapper und teurer werden, steigen auch die Herstellungskosten für Grafikkarten, Laptops und Smartphones. Die gesamte Unterhaltungselektronik steckt mitten in einem schleichenden Preisschock – ausgelöst durch die Nachfrage einer Industrie, mit der die meisten Menschen im Alltag kaum direkt in Berührung kommen.
Kein Ende in Sicht
Wer auf eine schnelle Entspannung hofft, wird enttäuscht. Western Digital hat nicht nur das gesamte Jahr 2026 verplant – es gibt bereits Verträge bis 2028. Seagate nimmt gerade erst Bestellungen für das erste Halbjahr 2027 entgegen. Eine kurzfristige Ausweitung der Produktion ist laut beiden Herstellern nicht geplant. Mehr Stückzahlen soll es erst durch Festplatten mit höherer Kapazität geben – nicht durch mehr Laufwerke.
Der dritte große Hersteller, Toshiba, ist seit 2023 nicht mehr börsennotiert und gibt keine öffentlichen Ausblicke. Aber es wäre eine große Überraschung, wenn die Situation dort grundlegend anders aussähe.
Was jetzt sinnvoll ist
Wer in absehbarer Zeit eine neue Festplatte, eine SSD oder generell neue Hardware benötigt, sollte nicht zu lange warten. Die Marktlage spricht dafür, Käufe eher vorzuziehen als aufzuschieben.
Als Alternative zum lokalen Speicher lohnt sich ein Blick auf Cloud-Dienste wie Google Drive, iCloud oder Microsoft OneDrive. Die haben zwar monatliche Kosten, sind dafür aber unabhängig von den aktuellen Hardwarepreisen – und bieten nebenbei auch Schutz vor Datenverlust durch Geräteausfall.
Der eigentliche Punkt
Wir reden beim KI-Boom ständig über Stromverbrauch und Wasserverbrauch für die Kühlung der Rechenzentren. Das sind wichtige Themen. Aber dieser Fall zeigt etwas anderes: Der Hunger der KI-Industrie erfasst mittlerweile ganze Lieferketten – und macht ganz normale Alltagsprodukte teurer.
Man muss kein KI-Fan sein, kein Technikfreak, nicht mal ein besonders intensiver Computernutzer. Wer eine Festplatte kauft, ein Laptop ersetzt oder ein Smartphone erneuert, zahlt gerade den KI-Aufpreis. Ohne es zu wissen. Ohne gefragt worden zu sein.
Das ist die eigentliche Geschichte hinter den Quartalszahlen von Western Digital und Seagate.