KI-Chatbots kennt mittlerweile fast jeder. Du tippst eine Frage ein, bekommst eine Antwort – fertig. Doch seit Anfang 2026 passiert etwas Neues: KI-Agenten verlassen die Chatfenster und ziehen direkt auf unsere Computer. Allen voran Manus mit seinem neuen Feature „My Computer“. Was steckt dahinter, was kann das – und was sollte man wissen, bevor man einem KI-Agenten die Tür zum eigenen Rechner öffnet?
Was ist Manus überhaupt?
Manus wurde Anfang 2025 vom chinesischen Startup Monica.im (später Butterfly Effect) vorgestellt und sorgte sofort für Aufsehen. Anders als herkömmliche Chatbots kann Manus eigenständig komplexe Aufgaben erledigen: im Internet recherchieren, Dateien erstellen und bearbeiten, Code schreiben und ausführen, Websites bauen – alles ohne ständiges Nachfragen. Ende 2025 hat Meta (der Konzern hinter Facebook und Instagram) Manus für rund zwei Milliarden Dollar übernommen.
Technisch setzt Manus auf mehrere KI-Modelle gleichzeitig, darunter Anthropics Claude und Alibabas Qwen. Verschiedene spezialisierte Teil-Agenten arbeiten zusammen: Einer plant, einer recherchiert, einer programmiert, einer prüft die Ergebnisse. Das Besondere: Du kannst dem Agenten in Echtzeit bei der Arbeit zuschauen – und jederzeit eingreifen.

Was kann „My Computer“?
Bis März 2026 arbeitete Manus ausschließlich in der Cloud – in einer isolierten virtuellen Umgebung, einer sogenannten Sandbox. Deine lokalen Dateien und Programme blieben außen vor. Mit der neuen Desktop-App und dem Feature „My Computer“ ändert sich das grundlegend.
Der Agent arbeitet jetzt direkt auf deinem Mac oder Windows-PC. Er nutzt die Kommandozeile (das Terminal) und kann damit lokale Dateien lesen, analysieren, sortieren und bearbeiten. Er greift auf installierte Programme zu – von Python über Node.js bis Xcode. In einer eindrucksvollen Demo hat Manus in 20 Minuten eine vollständige macOS-App in Swift gebaut, ohne dass ein Mensch eine einzige Zeile Code tippen musste.
Konkrete Einsatzszenarien: Tausende unsortierte Fotos auf der Festplatte automatisch in Ordner einteilen lassen. Einen wöchentlichen Report aus lokalen Daten generieren. Eine App entwickeln, ohne selbst ein Entwicklungstool zu öffnen. Oder von unterwegs per Handy den Agenten beauftragen, ein Dokument auf dem Heim-PC zu finden und per Gmail an einen Kunden zu schicken. Manus verbindet dabei Cloud-Dienste wie Gmail, Google Drive, Notion und Slack nahtlos mit dem lokalen Rechner.

Manus vs. Claude Cowork: Wo liegen die Unterschiede?
Manus ist nicht der einzige KI-Agent, der auf den Desktop drängt. Anthropic bietet mit Claude Cowork ein ähnliches Konzept an. Auch Cowork kann lokale Dateien bearbeiten, Code in einer isolierten virtuellen Maschine ausführen und eigenständig mehrstufige Aufgaben erledigen. Hinzu kommen Perplexitys „Personal Computer“ und das Open-Source-Projekt OpenClaw.
Der entscheidende Unterschied: Cowork ist besonders stark bei dokumentenlastigen Workflows. Es versteht Word-Dateien, Excel-Tabellen und PowerPoint-Präsentationen auf einem Niveau, das andere Agenten bislang nicht erreichen. Manus dagegen punktet als Generalist – er kombiniert Web-Recherche, Code-Ausführung und lokalen Dateizugriff in einem fließenden Workflow und verknüpft Cloud-Dienste direkt mit der lokalen Maschine. Cowork ist der Spezialist fürs Büro, Manus der Allrounder mit breiterem Aktionsradius.
Datenschutz: Was passiert mit meinen Daten?
Hier wird es kritisch – und ehrlich gesagt auch etwas unübersichtlich. Denn „lokal“ klingt nach mehr Privatsphäre, als es in der Praxis meist ist.
Bei Manus My Computer werden die Befehle zwar auf deinem Rechner ausgeführt, aber die eigentliche KI-Intelligenz läuft in der Cloud. Das bedeutet: Wenn Manus eine Datei auf deiner Festplatte liest und verstehen soll, muss der Inhalt an die Cloud-Server geschickt werden. Erst dort wird er verarbeitet, dann kommt die Antwort zurück. Manus betont, strenge Datenschutzrichtlinien einzuhalten und keine Nutzerdaten ohne Autorisierung weiterzugeben. Für einfache oder sensible Aufgaben soll ein Hybrid-Modell greifen, das zwischen lokaler und Cloud-Verarbeitung wechselt – aber die Details bleiben vage.
Bei Claude Cowork ist es ähnlich: Code läuft lokal in einer isolierten VM, aber die Inferenz – also das „Denken“ der KI – passiert auf Anthropics Servern. Dateien, die Claude liest, werden als Kontext an die API gesendet. Die Gesprächsverläufe bleiben immerhin lokal auf dem Rechner gespeichert.
Beide Dienste setzen auf Berechtigungssysteme: Jede Aktion braucht deine explizite Freigabe. Manus bietet „Allow Once“ und „Always Allow“, Cowork fragt ebenfalls vor jedem Zugriff. Trotzdem gilt: Wer wirklich verhindern will, dass Daten die eigene Maschine verlassen, muss auf vollständig lokale KI-Modelle setzen – etwa mit Ollama oder LM Studio. Die sind allerdings deutlich weniger leistungsfähig.

Das Credit-System: Was kostet der Spaß?
Manus arbeitet mit einem Credit-basierten Bezahlmodell. Jede Aktion – ob Web-Recherche, Dateianalyse oder Code-Ausführung – verbraucht Credits. Die Menge hängt von der Komplexität ab, und genau hier wird es unberechenbar: Eine einfache Recherche kann 50 Credits kosten, eine komplexe Aufgabe auch mal 500 bis 900.
Es gibt einen kostenlosen Einstieg mit 300 täglichen Credits – genug zum Ausprobieren, aber kaum für ernsthafte Arbeit. Der Standard-Plan kostet 20 Dollar pro Monat (rund 4.000 Credits), der erweiterte Plan 200 Dollar (rund 40.000 Credits). Wichtig zu wissen: Nicht verbrauchte Credits verfallen am Monatsende. Und wenn die Credits mitten in einer Aufgabe ausgehen, stoppt Manus – nicht pausiert, sondern stoppt. Die bereits verbrauchten Credits sind dann weg.
Claude Cowork funktioniert dagegen über die regulären Claude-Abonnements (Pro ab 20 Dollar, Max ab 100 Dollar pro Monat) ohne separates Credit-System. Das macht die Kosten deutlich planbarer.

Einordnung: Faszinierend, aber mit offenen Fragen
Manus My Computer zeigt eindrucksvoll, wohin die Reise geht: KI-Agenten werden von Gesprächspartnern zu digitalen Mitarbeitern, die eigenständig auf unseren Rechnern arbeiten. Die Kombination aus Cloud-Intelligenz und lokalem Zugriff eröffnet Möglichkeiten, die vor einem Jahr noch Science-Fiction waren.
Gleichzeitig bleiben wichtige Fragen offen. Wie transparent ist die Datenverarbeitung wirklich? Wie sicher ist der Zugriff auf sensible Dateien? Und lohnt sich das Credit-System für den Alltag? Wer Manus ausprobieren will, sollte mit unkritischen Aufgaben starten – etwa dem Sortieren des Downloads-Ordners – und sich langsam herantasten. Denn eines ist klar: Die Agenten-Ära hat begonnen. Die Frage ist nicht ob, sondern wie schnell sie unseren digitalen Alltag verändert.
